Vierte
erwachen geglaubt haben, wenn das Todesröcheln zu ſeinen Füßen ihm nicht ſchaurig genug die Wirklichkeit des Erlebten bewieſen hätte.
Eben wollte er ſich niederbeugen, um zu unterſuchen, ſo gut es ging, ob die Frau unrettbar verloren oder noch Hoffnung für ſie ſei, als er draußen ſchreiende Stimmen und Geräuſch vernahm.
Dieſe Wahrnehmung riß ihn entſetzt in die Höhe. Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte ſeine Seele: er war mit der Todten oder Sterbenden allein; er hatte mit ihr gerungen; ſeine Kleider waren zum Theil in Unordnung, zum Theil wohl zerriſſen; jedenfalls über und über blutbefleckt, ſo gut wie ſeine Hände. Wo er ſeinen Hut, ſeinen Stock gelaſſen, wußte er nicht; dagegen fühlte er, daß ſein Haar zerzauſet, ſein Halstuch aufgeriſſen, ſein ganzes Ausſehen verdächtig ſein mußte.
Wie kam er hierher? Wer kannte ihn? Mußte man nicht ihn für den Mörder halten? Im erſten Augenblick gewiß!
Dieſe Idee entſchied; er ſprang auf, tappte umher, ſuchte, taſtete— fand eine offene Thür, eilte vorwärts und plötzlich—— er wußte nicht, wie ihm geſchah—— fand er ſich gegenüber einer Maſſe von Gensd'urmen, Militär und anderen Leuten, deren aufgeregte und geſpannte Züge das Licht von einer Menge in die Höhe gehobener Laternen ſelt⸗ ſam erhellte.
„Der Mörder! Der Mörder! Haltet ihn! Haltet ihn!“
Dieſe Rufe waren Alles, was Wendler noch hörte.
Gleich darauf brach er bewußtlos zuſammen. Als er zu ſich kam, graute der Tag. Er. lag, an Armen und Beinen mit ſchweren Feſſeln belaſtet, auf den feuchten Steinplatten eines Kerkers, der ſein kümmerliches Licht durch ein durch dicke Eiſenſtäbe vergittertes Fenſter erhielt. Drau⸗ ßan hörte er den Schritt einer Schildwache.
e Es dauerte geraume Zeit, bis er ſich auf die Ereigniſſe
der Mordnacht entſann und ſich ſeine Lage zu erklären vermochte. Lange war es ihm unmöglich, in ſich ſelbſt zu ergründen: ob er der Mörder ſei oder ein Anderer. Die Dinge hatten ſich zu raſch, zu unerwartet und grauſen⸗ erregend über ſeine Seele geworfen. Was Wunder, daß ſie irre an ſich ſelbſt und an dem wurde, was ſie erlebt. Ein Zittern überflog ſeine fröſtelnden Glieder, als er zuerſt, auf den Arm ſich ſtützend, ſich erhob und die Ketten klirren hörte. Im Nu ſah er ein Schaffot vor ſich und auf dieſem
1. ein funkelndes Beil, das nieder nach ſeinem Halſe fuhr.
Aufſchreiend ſank er zurück und erſt nach Verlauf von etwa einer Viertelſtunde kam er wieder ſo weit zu ſich, um ſich ſelbſt zu ſagen: Aber mein Gott, ich bin ja unſchuldig, ich, habe die Frau ja nicht getödtet!
Als er ſo weit gelangt, kam wieder Ruhe in ihn und er
Solge. 619 ſuchungsrichter mit Beiſitzern, Schreiber und militäriſcher Bedeckung,
Das erſte Protokoll ward aufgeſetzt und in dieſem die genauen Angaben Wendler's niedergelegt. Die gelaſſene Art, mit der er ſprach, die ſchlichte Erzählung, die er gab, die vielen kleinen Einzelheiten, die er anführte, machten ſogleich den beſten Eindruck auf den Criminalbeamten und ſeine ganze Umgebung. Freunde, mit denen er zuletzt zuſammen geweſen, das Dienſtmädchen, der er die Thür hatte öffnen wollen, wurden herbeigeſchafft: Alles ſprach dafür, daß man in Wendler den Schuldigen nicht hatte. Er ward alſo ſofort wenigſtens der Feſſeln und des Kerkers entlaſſen und in anſtändige Unterſuchungshaft gebracht.
In dieſer aber blieb er noch lange genug. Es war nämlich, ſo lange man den wirklichen Thäter nicht hatte, nicht nachzuweiſen, daß er mit dieſem nicht im Bunde und Einvernehmen geſtanden. Daß ein Anderer bei der That im Spiel, ließ ſich freilich leicht genug erkennen. Man fand nach dem Hofe hin in der Wohnung der Gemordeten— einer reichen Rentiers⸗Wittwe, Wölthen mit Namen— ein offenes Fenſter, unter welchem Blutflecke an der Mauer anzeigten, daß Jemand daraus entwichen war.
Daß die Entweichung wirklich ſtattgefunden und ihre Merkmale nicht nur ein Kunſtgriff etwa von Wendler waren, belegte ſich dadurch, daß ſie ſich über mehrere Mauern und Hofzäune hin wiederholten, ja bis zu einem Baugerüſt der Jeruſalemerſtraße deutlich verfolgen ließen, wo der Mörder wahrſcheinlich erſt wieder das Freie gewonnen hatte. Bis dahin konnte Wendler jedenfalls nicht gekommen ſein, wenn man ja annehmen wollte, daß er dieſe blutigen Spu⸗ ren umhergeſtreut, um den Verdacht von ſich abzuwälzen. Auch wäre es wohl Thorheit geweſen, vorauszuſetzen, daß er ſo weit gelangt, wieder auf den Schauplatz ſeiner ruchloſen That zurückgekehrt ſein ſollte, um ſich ſelbſt den Verfolgern zu überliefern.
Merkwürdig genug ließ ſich aber von dem wahrhaften Uebelthäter nicht das Mindeſte entdecken. Geſtohlen war nicht worden. Aber daß dies die Abſicht geweſen, ließ ſich nicht verkennen. Man fand den Geldſchrank in dem Schlaf⸗ zimmer jener Frau Wölthen erbrochen und den ſogenannten Treſorkaſten halb geöffnet. Wahrſcheinlich war der Dieb durch das Erwachen der Wittwe geſtört worden und in Folge deſſen zu dem Attentat gegen dieſe übergegangen.
Ganz ununterrichtet von den Hauseinrichtungen und Gelegenheit konnte der Böſewicht nicht geweſen ſein. Der Schlüſſel, der innen im Schloſſe ſteckte, war ein Dietrich; mit einem anderen war nur die Küchenthür und keine weitere: geöffnet, ja, es war nicht einmal an einer anderen ein Verſuch gemacht worden. Durch die Küche war der Mörder, wohl orientirt, durch zwei andere Hinterzimmer direct in das daran ſtoßende Schlafzimmer der Gemordeten geeilt. Daß
fing an, ſeine Gedanken zu ſammeln. Nach und nach ward dieſe kürzlich einen Hauspoſten eingezogen und dieſen bei ſich es hell in ſeinem Innern: die Vorfälle reihten ſich einer dem aufbewahrt, ſowie daß der Sohn Theilhaber eines Bankier⸗ anderen an und endlich, nachdem er mit Grauſen noch einmal geſchäfts, welcher in unverheirathetem Zuſtande bei der
den nächtlichen Kampf mit der gemordeten Frau geiſtig durch— lebt und ſich der Art und Weiſe erinnert, wie er den Häſchern in die Arme gelaufen, erklärte er ſich auch ſeine Feſſeln und ſeine Gefangenſchaft.
Gcott ſei Dank, das kann nicht lange dauern, ſagte er ſich, als er ſich klirrend erhob und an das Fenſter eilte, deſſen Ausſicht in einen hoch und düſter ummauerten Hof ausmündete.
Nach anderthalb Stunden erſchien denn auch der Unter⸗
Mutter wohnte, auf ein paar Tage verreiſt war, ſchien er auch gewußt zu haben. Nichts lag alſo näher, als daß man die Dienerſchaft, den tauben Chriſtian, das arme Dienſtmädchen jener Nacht, ja, ſogar den erſchreckt herbeigeeilten Sohn in aller Stille einzog. Irgend etwas Verdächtiges ließ ſich freilich an allen dieſen Dreien nicht entdecken.
Endlich lenkte Wendler aus irgend einem dunklen In⸗ ſtincte die Aufmerkſamkeit auf Johann Feil, den ungetreuen


