War zu ſehr nicht eben geſättigt, weil wir, du weißt es, Zeitig geſpeiſt und den Magen geſchont; da ſah ich mich ſelber Auf den Felſen geſtiegen und ſitzend dort, auf die Fiſche Lauert' ich ſtill, an der Ruthe den gaukelnden Köder bewegend. Und ein gewaltiges Thier biß an; denn immer in Träumen Schnappt' nach dem Stücklein Brode der Hund und ich nach dem Fiſche. Der nun haftete ſchon am Haken der Angel und Blut floß, Aber gebogen von ſeinen Bewegungen, hielt ich die Ruthe Beide die Händo geſtreckt; mit dem Thiere da hatt' ich zu kämpfen, Wie ich den mächtigen Fiſch herzög' am ſchwächlichen Eiſen; Und ich ich dachte dabei an Verwundungen; wirſt du mich
beißen?
Nun wir beißen dich wieder. Da griff ich zu und er floh nicht..
Aus, wie ich ſah, war der Kampf: ein goldener Fiſch war gefangen,
Ueber und über beſchuppt mit Gold. Da kam mich die Furcht an,
Ob's nicht wäre vielleicht ein Lieblingsfiſch des Poſeidon,
Oder ein Kleinod etwa der blauenden Amphitrite.
Aber gelind ihn faſſend entblöß' ich ihn von der Angel,
Daß nicht blieb an dem Haken ein Stücklein Gold von den Kiefern,
Und ich glaubt' in der That nun, ich hätt' ihn gebracht auf das Trockne, 3
Schwur auch, nie einen Fuß mehr über die Welle zu ſetzen,
Sondern im Lande zu bleiben, und über mein Gold zu gebieten.
Und das weckte mich auf. Du beruhige meine Gedanken
Jetzt, o Freund, denn der Eid macht bange mir, den ich ge⸗ ſchworen.
Zweiter Fiſcher.
Ei nicht fürchte du das! Nichts ſchwureſt du; denn ja den Fiſch
auch
goldenen; Trug war dein
Sehen.
Doch wenn du wach, nicht träumend, begehen willſt dieſe Reviere,
Fingeſt du nicht, den du ſaheſt, den
Novellen⸗Zeitung.
lich poetiſchen Sinn unter dem Gewande der Schil⸗ derung unbefangen und anſpruchslos verbirgt, iſt nach dieſer letzten Seite hin voll realiſtiſcher Wahrheit und Natürlichkeit. Sie iſt eine von denen antiker Zeit, welche die Lücke ausfüllen hilft, welche ſich für genre⸗ bildliche Darſtellungen aus dem Volksleben, aus dem Wohl und Weh der niederen Kreiſe vorfindet. Wo Theokrit dieſen Ton anſchlägt,— und er thut dies mehr oder minder in all' ſeinen Hirtenliedern und idylliſchen Geſängen,— wird er nie ſorgenſchwer, kummervoll, trüb und ernſt ſtimmend und in's Proſa bürgerlicher Leiden und Lebenskämpfe herabdrückend, wie beiſpielsweiſe der viel ältere Heſiod in ſeinem „Werke und Tage“, ſondern er bleibt heiter und ver⸗ ſöhnend ſcherzende Grazie. Dieſe liebenswürdige, ge⸗ ſchmackvolle Seite hat wohl auch den ähnlich ge⸗ ſtimmten Rückert angezogen, der für die Poeſie von des täglichen Lebens Qual und Mühe nur das Beiſpiel und das Gleichniß liebte, nicht aber das hoffnungsloſe Bild der Trübſal ſelbſt.
Die Wortmalerei der griechiſchen Sprache und die Weſenheit des griechiſchen Hexameters kann Nie⸗ mand mit mehr Genialität wiedergeben, als es Rückert gethan. Da gegenwärtig ſo ſehr viele freie Ueber⸗ tragungen nach antiken Dichtern erſcheinen, die den Laien um ein Spiegelbild des originalen Ureindrucks kokett und ſelbſtgefällig betrügen, ſo muß dem gebil⸗ deten Publicum dieſes Werk als ein Präſervativ gegen ſolche krankhafte Eindrücke dringend empfohlen werden. Wären doch alle beachtenswerthe Griechen und Römer mit ſolcher ſprachlichen Gewiſſenhaftigkeit und Fähig⸗ keit zur Wiedergabe in unſerer biegſamen Sprache
Laß im Schlafe die Hoffnung und fang ein fleiſchernes Fiſchlein, überſetzt! Daß ſich Rückert bei ſeinen Arbeiten dieſer
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Daß nicht Hungers du ſterbeſt bei alle den goldenen Träumen.
Wenn dem Theokrit ſonſt wohl öfter bei aller
Art manche Erlaubniß in Handhabung unſerer Sprache
hat, die oft nicht ſchön, ja oft nicht ein⸗
genommen
Formenſchöne, Naivetät und Anmuth Unnatur und mal im Sinne der Grammatik lobenswerth iſt, würde künſtliche Geziertheit vorgeworfen iſt, ſo läßt ſich doch in einem Tadel zuſammenzufaſſen ſein, der ſich über⸗ dies bei weitem nicht auf alle Dichtungen anwenden. haupt gegen ſeine individuelle Bearbeitung der Sprache
Gerade die vorliegende, die einen tiefen, rein menſch⸗! richtet.
Jeuilleton.
Eine Mordnacht. (Schluß.) Es war ein furchtbarer Moment, als Wendler zuerſt wieder zu ſich kam. Er ſchien ſich wie am ganzen Leibe gerädert und konnte ſich kaum auf den ſchlotternden Knieen
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und ſeine Pulſe gingen, daß er davon her⸗ und hinge⸗ ſchleudert wurde. Dabei brauſte es vor ſeinen Ohren, wie wenn er das Meer toſen hörte und aus ſeinen Augen fuhren unabläſſig feurige Reifen.
Ringsum war es Nacht. Um ſich in die leere Luft
erhalten. Dicker, kalter Schweiß tropfte von ſeiner Stirn V greifend, würde er aus einem entſetzlichen Traume zu
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