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Vierte Folge.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Aus Friedrich Rückert's Nachlaß. Heraus⸗ gegeben von Heinrich Rückert. Leipzig, bei Hirzel. 1867.
Der hochverehrte Rückert hat uns aus Allem, wie Sie ſehen, noch außer ſeinen kleinen Liedern, über die wir ſchon geſprochen haben, ein willkommenes Erbtheil von andern poetiſchen Leiſtungen hinterlaſſen.
Der fleißige, gruͤndlich gelehrte und von unverlöſch⸗
lichem Jugendfeuer belebte Mann war noch in ſeinem hohen Alter in unermüdlicher Thätigkeit und der Vollendungstrieb ließ ihm keine Ruhe, an ſeinen Manuſcripten fortzuarbeiten.
Das vorſtehende Werk beſteht aus Ueberſetzungen im ſtrengſten und künſtleriſch höchſten Sinne des Worts. Es gab wohl wenige Gelehrte, die zugleich ſo linguiſtiſch geſchult und ſo formenkundige, ſprach⸗ meiſterliche Künſtler waren, wie Rückert, und es iſt daher eine gar ſchöne Ueberraſchung, von dieſem viel⸗ vermögenden und vielwollenden Poeten noch der⸗ artige Arbeiten hinterlaſſeu zu ſehen. Während die meiſten Philologen an einem gewiſſen Gelehrten⸗ und Zunftdünkel leiden, welcher über den Buchſtaben die Individualität und Poeſie des Inhaltes vergißt und zur Geiſtesbegabung dieſer Herren im umgekehrten Verhältniß ſteht, blieb Rückert ſtets der unbefangen kindliche Charakter, deſſen Urtheil nicht durch tradi⸗ tionelle Vorurtheile gefangen genommen wurde. Ohne das Wiſſen gering zu achten, hatte er doch mit der Wehmuth des Philoſophen wohl erkannt, daß es ſehr beſchränkten, geſchmackloſen Köpfen, denen man ge⸗ troſt ein Königreich für eine productive Idee bieten kann, gar vielmals gelungen iſt, ſich ein immenſes Material von Kenntniſſen anzueignen, und zwar durch bloßen Schuſterfleiß, der gerade ſoviel werth iſt, wie der dabei vergoſſene Schweiß.
Rückert hat hier 21 Idyllen des Theokrit mit beiſpielloſer Hingabe an die äußern und innern Eigen⸗ thümlichkeiten dieſes Dichters überſetzt, und zwar wurde dieſe Schöpfung 1858 vollendet. Ferner finden wir aus früherer Zeit die Vögel des Ariſtophanes, den der Ueberſetzer ganz als ſublimer Sprachkünſtler aufgefaßt hat, und wieder aus den fünfziger Jahren eine Uebertragung aus dem Sanskrit von Kalidafas Sakuntala. Der Freund der Literatur, dem die Urſprachen jener Dichtungen gar nicht oder nicht genügend zu⸗ gänglich ſind, kann nur aus ſolchen form⸗ und ſinn⸗ getreuen Ueberſetzungen, die ſich nicht auf den Irrgarten⸗Pfaden freier Nachdichtung willkürlich er⸗ gehen, einen Begriff vom Charakter dieſer Werke be⸗
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kommen. Von Theokrit, dem etwa 280 v. Chr. lebenden Allexandriner aus Sicilien, iſt dem großen Publicum wenig bekannt und ich laſſe daher das von Rückert überſetzte Idyll mit Wechſelgeſang,„die Fiſcher“, hier folgen. Armuth, o Diophantes, allein weckt alle die Künſte, Denn Lehrmeiſterin iſt ſie der Arbeit; ſelber zu ſchlafen Nicht ja erlauben die böſen dem werkenden Manne die Sorgen. Wenn auch Einer des Nachts ein wenig haſchte vom Schlummer, Gleich ſind wieder zur Stelle die lärmenden Kummergedanken. Zwei fiſchfangende Männer, ergreiſete, lagen beiſammen Auf dem gebreiteten Mooſe wohl unter geflochtener Hütte, An das Gezweige der Wände gelehnt; und ihnen benachbart Lag das Geräthe der Mühen geſchäftiger Hände, die Körbe, Angel und Angelruthen, mit Tang umwickelte Köder, Hamen und Netz' und verſchlung'ne von Pinſen gewundene Reuſen, Ruder und Tau und ein alter auf Walzen gelagerter Nachen; Unter dem Kopf ein ärmlicher Sack, und ein modriger Mantel: Das war Alles der Fiſcher Gewerb, das Alles ihr Reichthum; Nicht an der Schwell' eine Thür noch Hund auch: völlig ge⸗ nügend Schien das Alles den Beiden, denn Armuth hieß ihre Freundin. Und nicht wohnt' ein Nachbar im Umkreis, aber es rauſchte Rings um die Hütte, die morſche, heran mit Schwalle die Meerfluth. Kaum zur Hälfte des Laufes gelangt war der Wagen Selene's, Und es erweckte die Fiſcher das liebe Geſchäft; von den Wimpern Schüttelten ab ſie den Schlaf, und regten im Geiſte Geſpräch an. Erſter Fiſcher. Lieber, es täuſchten ſich Alle, ſoviel da ſagen, es nähmen Ab im Sommer die Nächte, wo Zeus bringt längere Tage. Tauſend Träume ſchon hab' ich geſehn, und noch iſt kein Morgen. Irr' ich mich wohl? Iſt's Winter, und d'rum ſo ewig die Nächte? Zweiter Fiſcher. Bruder mit Unrecht ſchiltſt du den herrlichen Sommer. . Zeit nicht Hat für ſich überſchritten die Laufbahn, ſondern den Schlummer Brechen dir ab die Gedanken und machen dir alſo die Nacht lang. Erſter Fiſcher. Weißt du Träume zu deuten vielleicht? Gar treffliche ſah ich; Und nicht meiner Geſichte will antheillos ich dich haben: Wie auch eben den Fang, ſo theile mit mir nun die Träum' auch. Nicht am Sinne ja ziehſt du den Kürzeren; immer der beſte Traumausleger iſt Einer, wo ſein Lehrmeiſter der Sinn iſt. Uebrigens haben wir Muße, denn 6— hätt' Einer zu thun auch, Der auf der Laubſtreu liegt an der Meerfluth, ohne zu ſchlafen, Wie ein Eſel im Dornich? Ein Licht brennt im Prytaneion; Denn das hat ſtets Fang, wie man weiß. Zweiter Fiſcher. Nun ſo ſage mir einmal Deine Geſichte der Nacht, ſag' ordentlich Alles dem Freund an!
Die
Erſter Fiſcher. 1 Abends, als ich entſchlafen nach unſeren Meeresgeſchäften,


