Jahrgang 
27-52 (1867)
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616 Novellen⸗Jeitung.

angetreten, und tief trauerte unſere liebe, ſüße Freun⸗ din über den Hingang des beſten Mütterchens. Dieſer Schlag war nicht aus heiterem Himmel gekommen. Da die Frau während des ganzen Winters gekränkelt, hatte die Tochter den Verluſt ſchon länger vor Augen gehabt. Daher war die jüngſte Vergangenheit gar ſo trübe geweſen. Wenn Chriſtel auf den Bretern ſtand oder bei Goethe weilte oder an Cornelia's Wiege ſaß, immer flogen ihre Gedanken davon und in die Krankenſtube, und ihr ſilberhelles Lachen verſtummte mehr und mehr. Dazu kam noch das häufige Wachen bei der Kranken und ein oftmaliges Alleinſein, welches ſie bis dahin nie gekannt; und d'rum war es kein Wunder, daß das Roth ihrer Wangen blich, daß ihr Auge den Glanz verlor. Auf Schiller war ſie wahr⸗ haft eiferſüchtig. Denn ſeit der ihren Goethe Freund nannte, war ihr Goethe ſo wenig daheim; mindeſtens einmal wöchentlich zog es ihn nach Jena, und daher erklärlich, daß Becker, während der Herr und Meiſter abweſend, ſich nicht allzuviel um ſein Frauchen kümmern konnte. Da war ihr einziger Troſt der geweſen, daß es in Lauchſtedt wieder anders würde. Ach, hätte doch auch das Mütterchen denſelben Reiſeweg ein⸗ ſchlagen können! Aber ihre Eiferſucht auf Schiller war jetzt geſchwunden, denn da Goethe hier, war er ja wieder ganz und gar ihr Goethe, und nun fand ja auch Becker hinreichend Zeit, ſich der kleinen Frau widmen zu können. Ein lieblicher Anblick, wenn die Beiden Hand in Hand vor Corsaca's Lager ſtanden. Die Kleine war jetzt zu niedlich, und nichts erfüllte die Eltern mit größerer Freude, als wenn ſie fragten: Was willſt Du haben? und darauf die Antwort erhielten:Ein Szwe ſterchen.. (Forſetzung folgt.)

Gedichte von Eduard Demmer.*)

Die Capelle.

Es ſchaut von jäher Stelle Auf ſteiler Felſenwand Von Alters eine Capelle Weit aus in's ſtille Land;

Bemooste Tannen breiten Sich um die ſteile Bahn: Dort ſtieg vor grauen Zeiten Ein Held die Stufen an.

*)Liederſtrauß von Eduard Demmer. Aachen, Benrath und Vogelgeſang. 1867.

Hier kniete einſt ein Ritter

In ſtählernem Gewand;

Sein Reich verſank in Splitter, Es brach die Heldenhand.

Doch malt mit blaſſem Scheine Der Mond die Fenſter weiß, Dann bebt's im Tannenhaine Wie Beten ſtill und leis:

Den Wandrer faßt ein Grauen, Wenn er vorüber wallt,

Ihn dünkt es, noch zu ſchauen Die betende Geſtalt! 4

Das Kreuz im Felde.

Ein Kreuz im Felde ſteht erhoben

An einer ſtillen Höhe Saum,

Mit grünen Zweigen dicht umwoben Von eines Weißdorns ſtarkem Baum; Es ſchaut wohl in die fernen Thale Ein einſam Denkmal frommer Zeit, Und ſegnet unterm Abendſtrahle

Die ſtillen Fluren weit und breit.

Nur wenn zur Sonntagsabendfeier Der Dörflein Glocken im Verein

Die Vesper künden, wallt im Schleier Zur Höh' ein altes Mütterlein;

Und wie ſie knieend an der Schwelle Des Kreuzes im Gebet erglüht,

Iſt's wunderbar, wie um die Stelle Der Andacht heil'ger Frieden zieht.

Nichts was ſie bang im Herzen trüge, Führt einſam ſie den Pfad hinan, Nur daß ſie ihrem Dank genüge

Für das, was Gott an ihr gethan. Sie ſah das Kreuz als Kind erhöhen Im Unglücksjahr auf dieſem Raum: Doch weiß die Jahre, ſeit's geſchehen, Das Mütterchen wohl ſelber kaum.

Die fromme Wallfahrt unverdroſſen Uebt ſie ſchon mehr als fünfzig Jahr, Sie ſah den Weißdorn Zweige ſproſſen Und bleichen ihres Hauptes Haar;

So pilgert ſie zur Abendſtille:

Wen wundert's, ruht in kurzer Friſt Im Schirm des Kreuzes ihre Hülle, Indeß ihr Geiſt vollendet iſt?