Vierte Folge. 615
Stöcke und den gemeinſamen Stiefelknecht zuſammen⸗ gerafft, mit welchem Wonnegeſchrei waren ſie da dem Erlöſten nachgeeilt! Aber was war ihnen in Halle entgegengetreten? Ein ſteinhartes Herz, das nicht einmal durch den furchtbaren Ruf:„Durſt! Ungeheurer Durſt!“ erſchüttert worden. Da ſank denn das Queck⸗ ſilber im Freundſchaftsbarometer ſofort unter Null und „Rache! Rache!“ gaben die Wände zurück.
Warum blieb Hans nicht in Halle? Was hatte er in Lauchſtedt zu ſchaffen? Aha, die Weimariſchen Schauſpieler waren ja da, und wenn auch die Rudorf nicht mehr dabei ſei, ſo wären doch andere niedliche Geſichter darunter.„Möglich,“ überlegten Heldorf und Gruber,„daß Eine angebiſſen hat, und wenn wir das herausbekommen und eine Taube mit einem Briefchen im Schnabel zum Baron fliegen laſſen, dann iſt der Wortbrüchige, der uns ewige Freundſchaft ge⸗
ſchworen, ⸗futſch⸗ und wenigſtens unſer Rachedurſt
geſtillt. D'rum auf nach Lauchſtedt!“ Und wie die Schlangen krochen ſie dort umher und wie die Raub⸗ thiere witterten ſie nach Beute und, ohne von Hans bemerkt zu werden, umkreiſten ſie ihn und gingen ſeinen Spuren nach und—
Zwar mit trockenſtem Gaumen, aber mit hinrei⸗ chend geſtilltem Rachedurſt kehrten ſie wieder nach Halle zurück und ließen die Brieftaube fliegen.
Der Baron, der, wie bemerkt, krank lag, erhielt ein anonymes Schreiben.
Natürlich fluchte und tobte er; er weinte ſogar. Er wäre aus dem Bette und ohne Verzug in den Reiſewagen geſprungen, hätte nicht der Arzt, der faſt beſtändig auf dem Gute weilte, ein Veto eingelegt. Was jetzt zu thun ſei? Lange brauchte der Baron nicht zu grübeln. Hans nach Hauſe rufen? Sein Stand erfordere, daß er einige Jahre auf der Hochſchule und auf Reiſen verbringe. Ihn zwingen, Halle gegen Leipzig oder Berlin oder Königsberg zu vertauſchen?
Unmoͤglich, dann wäre ja die Entfernung zwiſchen
Vater und Sohn eine zu große. Ueber das„Weibs⸗ bild“ in Weimar Beſchwerde führen? Thorheit, er wiſſe ja aus Erfahrung, was dabei herauskomme. Nein, da die Saiſon in Lauchſtedt demnächſt zu Ende, ſo ſei es das Beſte, wenn Hans augenblicklich nach Halle zurückkehre und von jetzt ab einen ſo kargen Wechſel erhalte, daß es ihn nie wieder gelüſten könne, weder nach Lauchſtedt zu wandern, noch jemals wieder ein leichtfertiges Verhältniß anzuknüpfen. Wenn es ihm aber einfiele, hier und dort zu borgen? Unnöthige Sorge. Die Leute in Lauchſtedt bedurften ja der täglichen Einnahme, um das Leben zu friſten, und ſobald er, der Baron, den Hallenſer Juden ſchriebe, daß er für nichts einſtände, ſo wäre ja
dem Sohne auch in dieſer Hinſicht jeder Weg abge⸗ ſchnitten.
Beladen mit einem Blitzſtrahl, Brieftaube zu unſerm Junker.
Was erklärlicher, als daß der faſt aus Rand und Band ging? Er hieb nach Tiſchen und Stühlen, er ohrfeigte ſeine Wirthin und ſtopfte ihr ſofort mit einem Thaler den Mund. Er ſann über Ausflüchte nach— vergebens, kein Rettungsgedanke durchkreuzte ſein Hirn. Abſchied mußte genommen werden, blu⸗ tender Abſchied von den„ganz famoſen“ Augen.
Hedwig dachte:„Dumm, dumm! Na, zwei Kleider, drei Paar Handſchuhe, einen Fächer und dito Schleier haſt Du doch erobert. Ihr müßtet euch im nächſten Sommer wieder hier treffen, er würde bis dahin ſchon Auswege finden, ſagte er? Nun, wir wollen ſehen. Ach, das iſt ein langweiliges Engagement!“
Thekla weinte. Er war abgereiſt, ohne ihr Lebe⸗ wohl zu ſagen. Wozu noch ein Rencontre mit dem „Gänschen“? Trotz aller Vorſicht doch die„amourette“ entdeckt! Wer hatte ihn dem Vater verrathen? Ver⸗ gebens ſtrengte er ſeinen Kopf an. Die arme Thekla! Um ihre Lippen legte ſich wieder der mitleiderregende Zug und ihr Köpfchen ſank tiefer und tiefer.— Wenige Wochen darauf kehrte„das niedliche Veilchen“,„das Röschen hinter Dornen“ wieder nach Merſeburg zurück.
Und ſtiller und ſtiller ward es in Lauchſtedt. Die Saiſon war zu Ende.
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Und wieder Lauchſtedt...
Die einzige Kanone brummte, die Schuljugend ſang, der Pfarrer, der Schulze und der Schulmeiſter ſtanden entbloßten Hauptes da, die Einwohner und die Fremden ſchrieen Vivat. Aus den beiden Kutſchen, deren Fenſter geöffnet waren, freundlichſtes Nicken, und Anna Amalia warf der Jugend blitzblanke Pfen⸗ nige zu.
Am Abend rückte die ſogenannte Badecapelle, die aus einem Flötiſten, einem Poſauniſten und einem Clarinettiſten beſtand, vor das„alte Schloß“. Karl Auguſt, die Herzogin Mutter, die kleine Göchhauſen und Goethe ſchauten aus den Fenſtern und lauſchten der Serenade; ſchließlich wurden die Virtuoſen mit „was Gutes“ aus dem Schloßkeller erquickt. Daß die Herrſchaften hier zwei Monate zu verweilen ge⸗ dächten, erfüllte die guten Lauchſtedter mit einer un⸗ ausſprechlichen Freude.
Zwei Tage früher waren die Schauſpieler ein— getroffen. Beckers hatten ihre vorjährige Wohnung bezogen, die, da Frau Neumann fehlte, diesmal größeren Raum gewährte. Chriſtel's Mutter hatte kurz vor der Reiſe nach Lauchſtedt eine andere Reiſe
flog nun die


