Vierte
Die dumpfe Dummheit längſt vertrieb; Wo alles Gute wirkt; wo das Theater In dieſen Kreis des Guten mit gehört.“
Von Goethe und Becker ſo belobt zu werden! Hätten die Weimaraner auf irgend etwas ſtolzer ſein können? Ja wahrlich, nun opferten auch ſie auf den Altären der Schönheit, nun huldigten auch ſie jenen Göttern, die einſt Chriſtel im Garten des Witthums⸗ Schlößchens„unſere Götter“ genannt; und wie oft noch mußte ſie ihres alten Liedes gedenken:„Immer lang⸗ ſam voran, durch Dick und durch Dünn“!...
Kelyhren wir nach Lauchſtedt zurück. Die allmälig erlangte Gewißheit, daß trotz Chriſtel's Erkrankung das„Geſchäft“ nicht ſtocke, war das beſte Brauſepulver für Kirms geweſen; und d'rum hatte ſich ſein Geſicht jetzt wieder geglättet. In dieſem Badeörtchen war ja ein gediegenes Repertoir nicht erforderlich. Die hier verſammelte Menge verlangte ja weniger nach Kunſtgenüſſen, mehr nach Erholung; und da es Kirms daran nicht mangeln zu laſſen brauchte, ſo hatte er nun, obgleich die Liebhaberin fehlte, dennoch volle Häuſer zu verzeichnen. Da wechſelten Opern mit leichten Luſtſpielen, Singſtücke mit Tänzen, die von Demoiſelle Alberti, welche vom Deſſauer Theater ein⸗ getroffen war, ausgeführt wurden; und die Regiſſeure Genaſt und Becker konnten dieſe Tage ihre Erholungs⸗ zeit nennen. Aber dennoch ſehnten ſie ſich nach der Stunde, wo Chriſtel wieder den Fuß auf die Breter ſetzen würde, denn dieſes mittelmäßige Repertoir wollte ihnen ganz und gar nicht behagen. Wo war da noch eine ſchöne Einheit, ein harmoniſches Ganzes, ein ab⸗ gerundetes Zuſammenſpiel zu erzielen? Zu allem Ueber⸗ fluß mußte auch Corona um dieſe Zeit die Bühne meiden; ſie kränkelte. Aber unſere Chriſtel genas bald, und da mußten denn nun der Klingklang und die Hüpferei wieder beſcheiden zur Seite treten. Nach⸗ dem die kleine Corona die Taufe empfangen(Corona Schröter, Anna Amalia und Goethe, die ſich hatten vertreten laſſen, waren die Pathen), war die Ruhe der jungen Mutter dahin, und mit einem Male ſtand ſie wieder auf den Bretern.„Hm,“ machte Kirms. Es war ja auch, was er anfangs unmöglich gehalten, ohne ſie gegangen, die Caſſe hatte ſich ja prächtig dabei befunden— und nun wieder das—„Claſſiſche“? „Dummes Zeug!“ brummte er,„ich bin klüger ge— worden. Die Leute hier ſind mit Muſik und Tanz ſehr zufrieden, und darum bleiben wir dabei!“ Doch zur Beruhigung unſerer Freunde traf Goethe entgegen⸗ geſetzte Beſtimmungen.
Wie bemerkt, Klingklang und Hüpferei mußten ſie in den Winkel drücken. Freilich, dabei ſank die
Einnahme, denn Leſſing'ſche Stücke konnte das Bade⸗
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publicum ja leſen, wenn es ſich daheim um den Fa⸗ milientiſch verſammelte; hier wollte man leicht unter⸗ halten ſein und zumal an ſchönen Abenden, wie ſie nun der Regenzeit gefolgt waren, lieber die Natur genießen, als in dem engen Theater Schwitzbäder nehmen. Natürlich ſchäumte Kirms. Jetzt wär's ihm recht geweſen, hätte Chriſtel im Handumdrehen aber⸗ mals in jener Weiſe erkranken können. Allein ſie ſpielte mit friſcher Kraft, bald die Minna, bald die Emilia, Amalia in den„Räubern“ und die Luiſe in „Cabale und Liebe“. Schiller's Dichtungen lockten, trotz der prächtigſten Abende, ein etwas größeres Au— ditorium herbei, und darum klärte ſich Kirms' Antlitz ein wenig wieder auf. Kaum bedarf es der Erwähnung, daß unſere liebe ſüße Frau auch in Lauchſtedt die Palme davontrug. Wenn auch nur die kleinere Zahl der Gäſte ſie ſpielen ſah, ſo erzählte doch Einer dem Andern von der trefflichen Actrice(„jöttliches Kind,“ ſagten die Preußen, und„ei herrjeſes, ein reizendes Dingchen,“ die Sachſen); und wenn ſich Chriſtel zu⸗ weilen in der Allee blicken ließ, ward ſie von allen Seiten begrüßt, auch wohl hie und da von einem waſſer⸗ blauäugigen Hauptmann a. D. auf die Wange geklopft.
Eines Tages, als ſie an der Wiege des Kind⸗ chens ſaß, empfing ſie einen Beſuch. Eine junge Dame, einfach gekleidet, trat ein. Sie bat um die Erlaubniß, ſich der Madame, deren Spiel ſie entzückt, vorſtellen zu dürfen; ſie nannte ſich Thekla von Dill⸗ burg⸗Dillenberg. Chriſtel hieß Thekla beſtens will⸗ kommen. Eine liebenswürdige Unterhaltung machte ſich ſchnell, Vertrauen weckte Vertrauen.
Thekla hatte ein Geſicht, welches überall gefallen mußte. Schön war ſie nicht. Aus ihren blauen Augen ſprach ein Hang zur Träumerei, ein ſonderbarer, etwa mitleiderregender Zug lag um ihre feinen Lippen, und die Haltung des Kopfes, der zuweilen auf der Schulter zu ruhen ſchien, harmonirte mit ihrem zarten Körper. Daheim in Merſeburg ward ſie„das niedliche Veilchen“ genannt, und der Merſeburger jüngſte Stadtſchreiber, der ſie heimlich liebte, ſagte auch wohl von ihr: ſie ſei ein Röschen, das hinter Dornen blühe.— Dornen? Was mochte er ſich darunter denken? Vielleicht meinte er damit Thekla's ſchlichte Verhältniſſe, die ihr ja die Verheirathung erſchweren mußten. Allerdings, wäre ſie noch reich geweſen, würde ſie wohl längſt den Ring gewechſelt haben. Die neunundneunzig Ahnen allein thaten's nicht. Arme Thekla! Wie weich war ihr einſt gebettet worden! In einem Schloſſe war ſie aufgewachſen, in einem großen Parke mit Tempeln, Statuen und Waſſerfällen hatte ſie geſpielt; und dann plötzlich, als die Mutter geſtorben, hinaus aus dieſem Eden, da die hartherzigen Verwandten von mütter⸗
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