Jahrgang 
27-52 (1867)
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Goethe hätt' die Heirath nicht erlauben dürfen. Aber Chriſtel gegenüber ja, da iſt der Goethe wie Wachs! Jetzt muß ich ſehen, wie ich die Vorſtellungen zu Stande bringe, und das wird eine Flickerei werden! Die Räuber» müſſen liegen bleiben, Cabale und Liebes und«Emilia Galottis» erſt recht; und hätten die Geld gebracht! Ja, ja, der Goethe! Ein Dichter iſt er, aber praktiſch wird er niemals werden! So jammerte er noch lange und die Miene, mit der er durch Lauchſtedt ſchritt, war eine entſetzliche. Als er auf Becker ſtieß, ſagte er dieſem ohne alle Umſtände, dergleichenDinge wären der ſicherſte Ruin für jedes Theater gute Nacht, Geſchäft und Kunſt!(Hatte doch bei einem Manne wie Kirms das Geſchäft den Vortritt.)

Diesmal lag die ganze Laſt auf ſeinen Schultern. Denn da die Herrſchaften in dieſem Sommer Lauch⸗ ſtedt gänzlich meiden und nur auf Belvedere, in Tiefurt und Ettersburg Erholung ſuchen wollten, ſo hatte ſich Goethe beurlaubt und ſeineLeutchen abermals unter Kirms' Oberaufſicht von dannen geſchickt. Als noch Bellomo das Scepter geſchwungen, war der zu jeder Saiſon mit ſeinerBande, bei deren Ankunft die Bauern ſchnell die Wäſche vom Zaun geriſſen, gen Lauchſtedt gepilgert; Goethes Truppen hingegen hatten nur erſt einmal, gleich anfangs, hier Poſto gefaßt. Dann aber waren dieWeimarſchen zum größten Leidweſen der Badegäſte nicht wieder erſchienen, bis ſie nun, von Kirms geführt, zu allſeitiger Freude wieder eingerückt waren.

Goethe ruhte derweil in den Armen der Einſam⸗ keit, die ja ſtellenweis ſeine liebſte Freundin war. Er wandelte auf den Ilmenauer Höhen, in die Leier greifend und ſich in Naturſtudien verſenkend, oder wanderte nach Jena, um ſeine jungen Freunde, die Brüder Humboldt, und den neuen Freund, Friedrich Schiller, zu genießen. Schiller und Goethe! An jenem ewig denkwürdigen Abend im Juli 1794, als Beide aus der naturforſchenden Geſellſchaft gekommen, ſich zufällig an der Treppe begegnet waren, ein Geſpräch begonnen und daſſelbe in Schiller's Wohnung bis gegen die Mitter⸗ nachtsſtunde fortgeſetzt hatten an jenem Abend, als Frau Charlotte den Gaſt mit innigſter Freude empfangen, war das Eis zwiſchen Schiller und Goethe geſchmolzen und der Grund zu einer der herrlichſten Freundſchaften gelegt worden. Hier empfing Goethe täglich einen ganz unterthänigſten Rapport von Kirms. Lächeln mußte er doch, als dieſer anfangs immer und immer wieder ſeine Seufzer über Chriſtel auftiſchte; als ob dieſeEpiſode die Kunſtanſtalt für immer aus den Fugen reißen würde! Zwar geſtand ſich der Dichter, daß im Allgemeinen das Intereſſe des Publicums für

Novellen⸗

eine Liebhaberin, die Gattin und gar Mutter ſei, ſchnell

Zeilung.

erfalte, allein in dieſem Falle ſei ja dergleichen durch⸗ aus nicht zu befürchten.

Gewiß, ſeit Chriſtel mit Heinrich Becker den Ring getauſcht, war's Niemandem in den Sinn ge⸗ kommen, ſie auch nur eine Minute mit kühlerem Auge zu betrachten; ja eigentlich, wenn das überhaupt denk⸗ bar, war ſie ſeitdem noch mehr gefeiert worden. Die Leute von damals verſtanden es beſſer, Privatperſon und Künſtlerin zu trennen. mählung zum erſten Male als Charlotte in Schrö⸗ der'sVetter von Liſſabon die Breter betrat, wie allgemein war da der Jubel, wie ward ſie da mit Applaus und Blumen begrüßt! Und man ſah vor Allem ſie mit Trauer ſcheiden, ihr beſonders galten

die endloſen Rufe:Glückliche Fahrt! Auf baldiges

Wiederſehen! als die drei Leiterwagen unſereLeut⸗ chen von dannen trugen, nach Erfurt und Rudolſtadt. Und hier dieſelbe Begeiſterung für die junge Frau. In Erfurt trat ſie in ihren trefflichſten Rollen auf, beſonders konnte man ſich, wenn ſie Minna von Barn⸗ helm und Emilia Galotti darſtellte, nicht ſatt ſeheu; in Rudolſtadt gebot es die Nothwendigkeit, kleinere Rollen zu übernehmen. Und überall begehrte man aus ihrem Munde die Prologe zu hören, denn ſie ver⸗

ſtand es ja, dieſelben in einer Weiſe vorzutragen, die

erſt dieſen, oft ſo ſchalen Producten einige Bedeutung verlieh. Darum ſprach ſie die Prologe, ſo lange ſie überhaupt wirkte, und die Berichte der Zeitgenoſſen erzählen uns von dem Enthuſiasmus, den ſie beſon⸗ ders an jenem Abende hervorrief, als ſie, eben von Lauchſtedt heimgekehrt, zuerſt wieder vor die Weima⸗ raner trat. Da nämlich ward Iffland's Luſtſpiel Alte und neue Zeit gegeben, dem ein von Goethe verfaßter Prolog voranging, mit dem Chriſtel, als Jakob verkleidet, ihre alten Freunde begrüßte. Und da ertönten jene Worte von ihren Lippen:

FJakob ſoll ich heißen?

Ein Knabe ſein? Das glaubt kein Menſch.

Wie Viele werden nicht mich ſehn und kennen,

Beſonders die, die mich als kleine Chriſtel

Mit ihrer Freundſchaft, ihrer Gunſt beglückt.

Was ſoll das nun? Man zieht ſich aus und an;

Der Vorhang hebt ſich, da iſt Alles Licht

Und Luſt, und wenn er endlich wieder fällt,

Da gehn die Lampen aus und riechen übel.

Erſt iſt man klein, wird größer, man gefällt,

Man liebt und endlich iſt die Frau,

Die Mutter da, die ſelbſt nicht weiß,

Was ſie zu ihren Kindern ſagen ſoll.

Und weiter ſprach ſie:

Hinweg die Grillen

Hervor mit dir! Begrüße dieſe Stadt,

Die alles Gute pflegt, die Alles nützt;

Wo ſicher und vergnügt ſich das Gewerbe

An Wiſſenſchaft und Künſte ſchließt; wo der Geſchmack

Als ſie nach ihrer Ver⸗