Vierte
und Maulbeeren werden nicht geſchätzt, die Arbutus⸗ früchte ſind mehr eine Speiſe der Vögel, als der Menſchen, und auch die Erdbeeren, obgleich ſehr gewürzig, doch nicht ſo häufig, als z. B. in der Schweiz.—
Auch in Bezug auf ſprachliches Element finden ſich in dieſem Buche intereſſante Hindeutungen. Der Autor übt überall vorurtheilsloſe Gerechtigkeit gegen den Italiener, und wenn dieſe auch ab und zu zur Vorliebe ſich hinneigt und Manches in roſigerem Lichte ſieht, als es ſich beim längeren Aufenthalte durch die
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Eindrücke der Wirklichkeit herausſtellt, ſo dürfen wir doch überall da mit ſeiner Nachſicht übereinſtimmen und ſie gerecht finden, wo es ſich in ſocialer und po⸗ litiſcher Hinſicht um ein mildes Urtheil über ein Volk handelt, das durch den Gang der Geſchichte wie durch ſchlechte Regierungen gemißhandelt und in geiſtiger Minorennität erhalten wurde. Obgleich auch Deutſch— land die Leiden ähnlicher Mißgunſt zu erdulden hatte, ſo iſt es doch billig, daß wir den Italienern beim großen europäiſchen Billardſpiel vierundzwanzig vor⸗ geben.
Jeuiſleton
Eine Mordnacht.
Mögen unſere Leſer, durch den Titel verleitet, nicht fürchten, daß das Nachfolgende eine Schauer⸗Geſchichte in der Manier eines Cramer und Spieß iſt; ſie erregt zwar auch unſere Nerven, aber ſie iſt ſo ſpannend erzählt, mit ſo lebenswarmer Friſche geſchrieben, daß wir uns ihre Mitthei⸗ lung nicht verſagen konnten. Der Schilderer der wahren Begebenheit iſt Feodor Wehl, welcher ſie in ſeinem höchſt empfehlenswerthen, amüſanten Buche„Plauſch Geſchichtchen. Leipzig, Verlag von Heinrich Matthes“ mit aufgenommen
hat.
Um das Ende der dreißiger Jahre dieſes Säculums lebte zu Berlin ein junger Mediciner, Wendler mit Namen. Da er ein wackerer, vielverſprechender Mann war, welcher ſchon in der Klinik die Aufmerkſamkeit Dieffenbach's auf ſich gelenkt, ſo würde er, durch einen ſonderbaren Vorfall zum
Gegenſtand des allgemeinen Intereſſes erhoben, ohne Zweifel V
eine glänzende Laufbahn gemacht haben, hätte ihn ſein Patriotismus nicht veranlaßt, ſich als Bataillonsarzt dem Feldzuge gegen die Dänen von 1848 bis 1849 anzuſchließen, V in dem er leider in Rendsburg den Anſtrengungen ſeines
Berufes erlegen iſt. V
Während ſeiner damaligen Studien zu Berlin aber ſchlenderte er in einer feuchten Novembernacht einmal allein ſeines Weges zu Hauſe. In der Commandantenſtraße, die er paſſiren mußte, nicht allzuweit vom Dönhofsplatze entfernt, gewahrte er vor einem einſtöckigen, ſchmalen Hauſe, das, wenn wir nicht irren, jetzt längſt niedergeriſſen iſt und einem ſtolzen Prachtbau Platz gemacht hat, ein Dienſtmädchen, das ſich angeſtrengt und ängſtlich beſtrebte, einen in's Schloß geſteckten Schlüſſel umzudrehen.
Wendler, der von Natur human und eine muntere, menſchenfreundliche Seele war, blieb vor der ſich anſcheinend vergeblich Bemühenden ſtehen, indem er mit dem jovialſten und zutrauenerweckendſten Tone von der Welt zu ihr ſagte:
„Reichen die Kräfte nicht aus, liebes Kind?“
V hinhielt.
Coloſſeum zum Tanz zu gehen. Pünctlich um Zwölf war ich wieder hier, kann nun aber nicht hinein, ſo ſehr ich auch immer mich mühe.“
„Na, dann laſſen Sie mich'mal meine Kräfte ver⸗ ſuchen,“ entgegnete der Jünger Aesculap's, indem er näher tretend und ſich gegen die Thüre ſtemmend, nun ſeinerſeits den Schlüſſel zum Umdrehen zu bringen trachtete. Da dieſer aber auch ſeinen Anſtrengungen nicht nachgab, unterſuchte er die Sache näher und ſagte dann nach einer kurzen Weile:
„Ja, ſchönes Kind! Hier kann alle Mühe nicht helfen. Der Bart faßt nicht, weil ein Schlüſſel von innen ſteckt.“
„Ach, du mein Gott! Das hat gewiß der taube Chriſtian in ſeiner Vergeßlichkeit angerichtet, trotzdem ich ihn ſo ein⸗ dringlich darum gebeten, heute Nacht den Schlüſſel wieder heraus zu nehmen!“ jammerte das Mädchen.
„Wer iſt denn der taube Chriſtian?“ forſchte Wendler mit mitleidiger Theilnahme weiter.
„Das iſt der Kutſcher der Madame, der auch zugleich ein Stück Portier und Hausknecht iſt.,
„Iſt der denn ſo ſchwer im Gehör, daß er ſich nicht herausklopfen läßt?“ fragte der Arzt.
„Ach, der hört uns nicht und wenn wir auch Feuer⸗ lärm machen,“ wimmerte die Arme weiter.„Seine Taub⸗ heit iſt noch das Wenigſte. Leider wohnt er im Hofe über dem Pferdeſtalle und dahin dringt kein noch ſo ſtarkes Gepolter.“
„Iſt denn vorn im Hauſe Niemand zu wecken?“ redete der Arzt weiter.
„Ach, leider nicht!“ lautete die ziemlich troſtlos heraus⸗ geſtoßene Antwort.„Der junge Herr iſt verreiſt und die Madame, die nun allein zurück iſt, darf ich um keinen Preis ſtören.“
„Aber was in aller Welt wollen Sie denn nun beginnen, gute Seele?“ erkundigte ſich Wendler weiter, indem er den unbrauchbar gewordenen Schlüſſel dem Mädchen
„Ich weiß nicht,“ entgegnete daſſelbe, ihn nehmend,
„Der Himmel mag wiſſen, wie's zugeht,“ entgegnete indem es ſich, in ſeinem weißen Kleiderfähnchen vor Kälte
das arme Frauenzimmer, indem es ſich den Angſtſchweiß von der Stirne wiſchte,„aber eine Viertelſtunde ſchon dreh' ich und dreh' ich, ohne die Hausthür offen zu kriegen. Meine Madame hatte mir erlaubt, mit einer Freundin in's
und Erregung zitternd, feſter in ſein ärmliches Umſchlagetuch hüllte.„Ich bin fremd hier in der Stadt. Ich werde mich (auf die Schwelle in der Ecke des Thores ſetzen und warten,
bis Chriſtian früh das Haus wieder auſſchließt.“


