Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Folge,

ja nie darüber, wenn zu Hauſe was vorfällt, aber dem jungen hübſchen Herrn kann ja keine mitleidige Chriſtenſeele was abſchlagen. Und vorgefallen iſt auch rein gar nichts, wir leben ſo ſchrecklich ſtill hin; und doch muß was vorgefallen ſein, denn meine Mam⸗ ſell denkt jetzt ſo oft laut, und das iſt ſonſt niemals paſſirt.Und was ſpricht ſie denn? und über wen? Lottchen, es ſoll Dein Schade nicht ſein! Neulich früh war's, ſie lag noch im Bett. Und wie ſie da anfing laut zu denken, da erſchrak ich zu Tode, denn ich war nebenan in der Stube, aber ich verhielt mich doch ganz ruhig. Mit einem Male ſagte ſie:«Er iſt auch gar ſo ſchüchtern, eigentlich wie ein Schüler, deſſen Herz zum erſten Male in Flammen geräth. Und er liebt mich doch, ſeine Blicke können nicht trügen! Und er muß es doch fühlen, daß auch Du ihn liebſt! Was ihn zurückhalten mag? Daß er von Adel iſt? O Gott, wenn alles Maske wäre, wenn er nur mit meinem Herzen ſpielen wollte? Schrecklich! Aber ſeine Blicke ſind ſo wahr; und doch, man hat ja tauſend Beiſpiele! Ich muß Gewißheit haben, ich muß zur Ruſchlerin! Ja, ſchöner junger Herr, ſo hat meine Mamſell laut gedacht und mich dann zur Ruſchlerin geſchickt. Da hab' ich gefragt, wann ſie meiner Mamſell legen könnte, und da hat ſie d'rauf geantwortet, daß ſie drei Abende beſetzt

wäre, aber am Dienſtag Abend Schlag ſieben Uhr

wär' ſie frei und wollte legen.Danke, danke, mein Kind! rief Hans ſo laut, daß Lottchen zuſammen⸗ fuhr, und dann lenkte er ſeinen ſtürmenden Schritt nach dem Parke. Sein Herz hüpfte, ſeine Seele jubelte, hätte er doch die ganze Welt umarmen und küſſen mögen!Jetzt bin ich am Ziel! Nein, meine Luiſe, mein Stand hält mich nicht zurück, ich trage keine Maske und treibe kein ſchnödes Spiel mit Deinem Herzen, das für mich, für mich ſchlägt! Du nennſt mich ſchüchtern? und ich wäre recht wie ein Schüler, deſſen Herz zum erſten Male in Flammen gerathen? Wer doch ein Frauenzimmer ergründen könnte! Und ich glaubte, ich wäre auf der Wieſe wiel zu maſſiv, viel zu ſtürmiſch geweſen! Oder haſt Du mich dort nur prüfen wollen? Das Frauenherz

iſt wie ein tiefer, tiefer Brunnen, man ſieht nie den

Grund, ſagt Salomon Geßner. Ja, Luiſe, meine Blicke können nicht trügen, und an dieſer Bruſt ſollſt Du ruhen, heute noch, heute Abend um ſieben Uhr! Ich könnte ja jetzt ſchon zu Dir eilen und Dich in meine Arme ſchließen, doch je größer die Uekerraſchung, le größer ja die Seligkeit! Heute iſt Dienſtag, wo die Ruſchlerin Dir ſo legen ſoll, daß Du mehr wie je auf ihre Weisheit bauen wirſt. Dafür werde ich ſorgen. O, Du mein liebes, ſüßes, ſanftes Rudel⸗

reibend,

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chen! Und nachdem er ſeine Seligkeit noch lange in alle Winde gejubelt, verließ er endlich den Park. Beim Eintritt in das Haus vernahm er vom Diener, Cornelia ſei abermals von einem Blutſturz befallen worden. Der Arzt befürchte das Schlimmſte. Kaum, daß Hans darauf hörte, und der drohende Finger und die Stimme in allen Ecken waren diesmal gar nicht für ihn da. Um ſieben Uhr! Er hätte gern jeder Minute einen Fußtritt gegeben.

Endlich war die ſechſte Stunde vorbei. Die Flucht aus dem Fenſter dünkte ihm heute unnöthig; der Papa habe den Kopf viel zu voll, um auf ihn zu achten. Deshalb wählte er den geraden Weg und lenkte den Schritt nach der Schwanſeeſtraße, in der die Ruſchlerin in einem Hintergebäude wohnte. Ob⸗ gleich dieſe Kartenlegerin zahlreiche und vornehme Beſuche empfing, ſo hatte ſie ſich doch nie entſchließen können, ihre enge, nur aus Stube und Kammer be⸗ ſtehende und im Erdgeſchoß gelegene Behauſung gegen ein gefälligeres Quartier einzutauſchen. Der Segen, behauptete ſie, habe ſich hier einmal feſtgeſetzt und es ſei ſehr fraglich, ob er Luſt zum Mitwandern ver⸗ ſpüre. In der Stube, die hinter der Kammer lag, verkündete ſie ihre Weisheit zur Seite des rieſigen braunen Ofens, der wie ein Vorgebirge in die Stube ſprang; und damit während einer geheimſten Sitzung kein Störenfried in dieſen Tempel lauterſter Wahrheit dringen könne, befand ſich an der Kammerthür eine hellläutende Schelle. Und jetzt riß dieſe Schelle die Ruſchlerin aus dem Brüten. Sollte das ſchon die Komödiantin ſei? Sie war doch um die ſiebente Stunde beſtellt worden. Verwundert trat die Sibylle in die Kammer und, unſern Junker erblickend, rief ſie mit abwehrender Bewegung:Bis Freitag beſetzt. Der Herr muß Sonnabend kommen!

Nicht doch, Alte, verſetzte Hans, während er ein Geldſtück aus der Taſche nahm,ich bin vor Demoiſelle Rudorf hergekommen, weil ich noch mit ihr ſprechen will. Da hat Sie für's Erſte.

Geſchmeidig wie ein Aal ward da die Ruſchlerin. Hi, hi, kicherte ſie, mit dem Daumen die Münze ein Stelldichein mit der hübſchen Komö⸗ diantin? Na, na, der feine vornehme Herr hat ſich recht was Rares ausgeſucht. Alſo gar nicht legen? Blos hergekommen, um

Hat Sie hier einen Winkel, wo ich mich ver⸗ bergen kann? Ei, der große Ofen da; prächtig! Dahinter verſtecke ich mich und Sie läßt ſich nichts merken; verſtanden? Wenn Sie der Jungfer legt, ſieht Sie in den Karten ihren Geliebten, der ganz, ganz nahe wäre, und dabei beſchreibt ſie mich. Ich hab's auf die größte Ueberraſchung abgeſehen. Und