Jahrgang 
27-52 (1867)
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ſich wieder. Gleich einem Träumenden war er während der erſten Tage durch das Haus geſchwankt. Cor⸗ nelia todtkrank! Blutſturz! Wenig Hoffnung! Er hatte das Alles allmälig faſſen können und ſich dann immer beängſtigter gefühlt, er hatte in allen Ecken einen Finger geſehen, der auf ihn gedeutet, und überall eine Stimme gehört, die da gerufen:Du! Du! Du! Was hatte ihm ferner gelegen, als das, als das! Er hatte ſich ja nur Der entledigen wollen, die ihm längſt ſchon im Wege geſtanden, aber, bei Leibe! nicht auf ſolche Weiſe! Hätte er die Rudorf doch nie geſehen, und daß auch ihrdummes Benehmen gerade mit dem Stelldichein der Geyiſter zuſammenfallen mußte! Er konnte die beruhigendſten Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen und der Finger und die Stimme in den Ecken wurden immer drohender. Als er zuerſt an der Thür gehorcht, hatte er gar nichts vernommen, und da hatte ſeine Stirn ſich mehr und mehr gefaltet, war ſein Auge immer finſterer geworden. Nun aber waren jene Worte des Arztes ganz dazu gemacht, den häßlichen Alp wieder von ſeiner Bruſt zu wälzen. Er ſei doch ein rechter Thor geweſen, rief er ſich jetzt zu. Und ob ſich ſolch' eine Furcht für ihn, den Junker, ſchicke? Bah, ſo ſchnell ſterbe es ſich nicht! Er verſtehe es doch ſonſt, Alles feder leicht zu nehmen, und diesmal habe er ſich durch einen winzigen Blutſturz ſo in's Bockshorn jagen laſſen!

In ſolchen Gedanken und Anſichten, von denen er noch eine große Reihe bei der Hand hatte, beſtärkten ihn ſeine Freunde, die Studenten Heldorf und Gruber. Dieſen hatte ja nichts ungelegener kommen können, als ihrenDämelhans, ihren Zahlmeiſtermelancho⸗ liſch und für die Weine des Adlerwirths nicht ge⸗ launt zu finden.Was ſoll, bei allen Göttern! aus unſerm Durſt werden? hatten ſich Beide mit er⸗ ſchreckten Mienen gefragt und dannbei allen Bären, die Hans ſchon angebunden! geſchworen: nicht eher zu ruhen, als bis ſie denDämelhans wieder herum⸗ gekriegt hätten.

Nun machte ja deſſen wiedererlangte Leichtlebig⸗ keit ſolche Befürchtungen überflüſſig, und von Seiten der Freunde bedurfte es nur noch weniger Worte, um auch den letztenmelancholiſchen Reſt von ihm zu nehmen, um ihn wiederkreuzfidel und für die Weine des Adlerwirths günſtig zu ſtimmen. Abend für Abend ward denn nun die Flucht aus dem Fenſter von Neuem in's Werk geſetzt, und die Rechnung auf dem ſchwarzen Bret über Latour, Bocksbeutel und Sillery ward länger und länger. Und Demoiſelle Rudorf? Hans gab ſich alle mögliche Mühe, das Gedenken an dieUndankbare undUnvernünftige aus ſeiner Bruſt zu reißen, aber es gelang ihm nicht,

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Novellen⸗Zeitung.

er konnte ſie nicht vergeſſen! Sie ſchwebte aus jeder Flaſche, über jedem Glaſe, jeder funkelnde Tropfen war ihrgöttliches Auge.Iſt denn gar keine Mög⸗ lichkeit vorhanden, daß ich ſie trotz ihres Benehmens auf der Wieſe doch noch an mein Herz drücken kann? fragte er mit ſehnſuchtsbanger Stimme die Freunde. Die hätten ſich einen Buckel lachen mögen, doch hielten ſie es, damit Hans die gute Laune und den Durſt nicht verliere, für durchaus nöthig, neue Hoffnung in ſeine Bruſt zu ſenken und denbarbariſchen Abfall mit augenblicklicher ſchlechter Stimmung der Dulcinea zu entſchuldigen. vorläufig mit zartem Augenſpiel begnügen ſollen, ſagte Heldorf.Bei meiner Tugend! ſchwur Gruber, Du wirſt ſpäter mit offenen Armen von ihr aufge nommen werden, aber jetzt begnüge Dich und trinke, trinke, trinke! Heda, Huber, noch eine Flaſche für den Herrn Baron! Solche Redensarten drängten jene Scene auf der Wieſe mehr und mehr zurück. Die Studenten hatten erreicht, was ſie gewollt: Hanus verlor weder die Laune noch den Durſt. Freilich, es war ja gar nicht anders möglich, eine ſchlechte Stimmung mußte das Rudelchen geplagt haben! Und wie ſie wohh gleich darauf über ſich ſelbſt erſchrocken geweſen ſei! Und welch' bittere Vorwürfe ſie ſich wohl gemacht habe! Allerdings, er, ſonſt ein Cavalier vom Kopf bis zum Fuße, habe in ſeiner Liebesraſerei auch alle subtilité vergeſſen. Er ſei viel zu maſſiv ge⸗ weſen, habe viel zu ſehr auf ſie eingeſtürmt; und nun ſei es ſeine Pflicht, zu ihr zu eilen und ſich zu ent⸗ ſchuldigen, wobei er geſchickt einige nachdrückliche ſpäter! ſpäter! anbringen könne. Davon wollten die bemooſten Häupter aber durchaus nichts wiſſen. Sie flüſterten ſich zu, derNarr würde ja höchſt unſanft an die Luft geſetzt werden und abermals Laune und Durſt verlieren; und deshalb nahmen ſie ihm, damit er während ihrer Abweſenheit keinen ſo dummen Streich begehe, das Verſprechen ab, ſich vor⸗ laufig gänzlich ſtill zu verhalten.

Allein kaum waren unſere Studenten wieder gen Jena gewandert(nicht um ihr Wiſſen zu bereichern, nur der Abwechſelung willen), da hatte Hans jenes Verſprechen auch ſchon in den Wind geſchlagen. Er müſſe hin und um Entſchuldigung bitten und dabei dasſpäter, ſpäter! auffallend betonen. Das war jetzt ſein Gedanke Tag und Nacht. Aber nur vor⸗ ſichtig! Das kleinſte Wort zuviel würde Alles wieder über den Haufen werfen. Es wäre nöthig, erſt Lott⸗ chen, das Mädchen, auszuhorchen. Lottchen, die an jedem Brunnen zu finden war, ward außerordentlich geſprächig, als ſie etwas Hartes und Rundes in ihrer Hand fühlte.Ach Gott, ſagte ſie,ich ſchwatze

Du hätteſt mir folgen und Dich