Jahrgang 
27-52 (1867)
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2.

Vierte

Dieſe mit vieler Sorgfalt getrockneten Blätter ſind der Gegenſtand eines lebhaften Handels, und ihr Gebrauch iſt ſo alt, wie die erſte Kunde der peruaniſchen Geſchichte; denn das rohe Urvolk erhielt von dem Cadmus der Hochgebirge, von Titicaca, die Pflanze; und wohin ſpäter auch die Ingas vordrangen, verbreiteten ſie unter den Beſiegten als Wohl⸗ that die Coca. Indeſſen, der Anblick eines im Genuſſe Begriffenen iſt weit entfernt, die Sage des göttlichen Ur⸗ ſprungs der Sitte zu rechtfertigen, und die Beobachtung ihrer Wirkungen ſtellt die Coca mit manchen ähnlichen Genüſſen auf gleiche Stufe, die nur die Erfindung roher Menſchen ſein konnten und nur mit der Rohheit verträglich ſind.

Ungeſellig liegt ein Indianer im Schatten ausgeſtreckt und nimmt abwechſelnd einige dieſer Blätter und fein gepulverten Kalk als Würze in den Mund. Lautlos, vielleicht unwillig ſchon über Den, der ihn durch eine Aurede ſtört, treibt er den Genuß wohl eine halbe Stunde, indem er den Speichel verſchlingt und die ausgekauten Blätter von Zeit zu Zeit durch neue erſetzt. Die größte Eile ſeines Herrn, ſeine laute Ungeduld, ſelbſt ein herbeiziehendes Unwetter vermögen den Indianer dann nicht aus ſeinem unerträglichen Phlegma aufzuſcheuchen. Der Weiße, der es unternähme, ſeine Diener in dieſem Genuſſe zu beſchränken, würde von ihnen verlaſſen werden, und eher darf man erwarten, daß der Indianer Entziehung von Nahrungsmitteln ertrüge, als das Verbot, alle freien Augenblicke ſogleich zum Genuſſe der Coca zu mißbrauchen. Hat ſich ſolche Gelegen⸗ heit nach verhindernden Beſchäftigungen endlich ergeben, ſo iſt ſeine Sehnſucht nach dem Genuſſe durch nichts zu zügeln;

von ihm ſelbſt mit dem Heißhunger verglichen.

Nur in ruhiger Abgeſchiedenheit iſt das Vergnügen rein; denn durch Reiten und Gehen verliert es. Will der Reiſende ſeine Begleiter in dem Kahne oder auf den Maulthieren bei Laune erhalten, ſo muß er wohl vier Mal im Tage ihnen ſolche zeitraubende Pauſe pergönnen, da ſelbſt der Land⸗ beſitzer ſeinen Arbeitern ein ähnliches Opfer bringt. Nie iſt es gelungen, einen Coquero, ſo nennt man in Peru die entſchiedenſten Freunde jenes Genuſſes, von ſeinem Laſter zu entwöhnen; ein Jeder erklärt, eher den Mangel an dem Nothwendigſten ertragen zu können. Solchen Reiz beſitzt der Gebrauch, daß die Neigung zu ihm mit dem Alter zunimmt, ſo ſehr auch ſeine unverkennbar üblen Folgen hervortreten mögen. Man ſtaunt bei dem Anblicke einer ſo räthſelhaften Vorliebe für ein Blatt, das friſch und getrocknet ſich nur durch geringen Geruch auszeichnet, nichts Balſamiſches hat und in kleinen Mengen nur grasartig oder höchſtens bitterlich ſchmeckt. Das Staunen ſchwindet jedoch, wenn man durch Beobachtung der Wirkung und durch eigne Verſuche zu dem Reſultat kam, daß die Coca als aufregendes Mittel das Nervenſyſtem in dieſelbe Spannung wie Opium

Wn verſetzen vermag.

Die Coca iſt dem Peruaner die Quelle ſeiner beſten Freuden; denn unter ihrer Einwirkung weicht der gewöhn⸗ liche Trübſinn von ihm, und ſeine ſchlaffe Phantaſie ſtellt ihm dann Bilder auf, deren er ſich in gewöhnlichem Zuſtande nie zu erfreuen hat. Kann ſie auch nicht ganz die entſetzliche Ueberreizung hervorbringen, wie das Opium, ſo verſetzt ſie doch in einen nicht unähnlichen Zuſtand, welcher darum doppelt gefährlich iſt, weil er, in ſchwächerem Grade zwar, weit länger anhält. Längere Beobachtung vermag allein dieſe Thatſache erkennen zu laſſen; denn der Neuling erſtaunt zwar über die mancherlei Uebel, von denen die Männer mancher Volksclaſſen Peru's befallen werden, iſt aber weit

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entfernt, ſie der Coca zuzuſchreiben. Ein Blick auf einen leidenſchaftlichen Coquero giebt die gewünſchte Erklärung. Für alle ernſteren Lebenszwecke unbrauchbar, iſt ein ſolcher der Sclave ſeiner Leidenſchaften mehr noch als der Trinker, und ſetzt ſich des Genuſſes wegen weit größeren Gefahren aus, als dieſer. Da die Zauberkraft des Krautes nur dann in vollem Maße empfunden werden kann, wenn die gewöhn⸗ lichen Anforderungen des täglichen Lebens oder die Zerſtreu⸗ ung des Umganges die Geiſteskräfte zu beſchäftigen aufhören, ſo zieht der echte Coquero ſich in das einſame Dunkel oder in die Wildniß zurück, ſobald die Sehnſucht nach dem Rauſche unwiderſtehlich wird. Sinkt auch die im düſtern Urwald doppelt unheimliche Nacht herab, ſo bleibt Jener doch unter dem Baume, den er ſich erwählt, ausgeſtreckt liegen. Ohne ein ſchützendes Feuer neben ſich zu ſehen, hört er gleichgültig das nahe Schnauben der Onze, des Tigers Amerika's, und achtet es nicht, wenn unter raſſelndem Donner die Wolken ſich in Regenfluthen ergießen oder der gleichzeitig furchtbar hauſende Sturm die älteſten Bäume entwurzelt. Nach zwei Tagen kehrt er gewöhnlich zurück mit eingefallenen Augen, bleich, zitternd, das furchtbare Bild eines unnatürlichen Genuſſes. Wer ein Mal von dieſer Leidenſchaft ergriffen wurde und dabei in Verhältniſſe geräth, die ihre Ausbildung begünſtigen, iſt verloren. Man hört in Peru wahrhaft traurige Geſchichten von jungen Leuten der beſſeren Familien, die bei einem zufälligen Beſuche der Wälder die Coca aus Langeweile zu gebrauchen anfingen, bald ihr Geſchmack abgewannen und von dieſem Zeitpuncte an, für das civiliſirte Leben verloren und wie von einem böſen Zauber ergriffen, ſich weigerten, nach den Städten zurückzukehren. Man erzählt, wie endlich die An⸗ gehörigen einen ſolchen Flüchtling in einem abgelegenen Indianerdorf entdeckten, und ihn, trotz ſeiner Thränen, nach der geſitteten Heimath entführten. Allein ſtets war ſolchen Unglücklichen das Leben in der Wildniß eben ſo lieb, als die geordneten Verhältniſſe der Städte verhaßt geworden, indem die Meinung den weißen Coquero verdammt, wie unter uns den zügelloſen Trinker. Daher entwichen ſie bei erſter Gelegenheit von Neuem, um, entadelt, unwürdig der weißen Farbe, des Stempels natürlich höherer Stellung, und zu Halbwilden hinabgeſunken, durch den ausſchweifenden Genuß des aufregenden Blattes vorzeitig dem Tode zu verfallen. Man ſieht in der That überraſchende Beiſpiele von Ausdauer durch Coca herbeigeführt, allein deshalb noch nicht die Verwirklichung der Fabeln, die zum Theil ſogar in vielen Büchern wiederholt worden ſind. Der Bergmann verrichtet zwölf Stunden lang die furchtbar ſchwere Arbeit in einer Grube und verdoppelt bisweilen aus Eigennutz und Noth⸗ wendigkeit dieſe Periode. Außer einer Hand voll geröſteter Maiskörner genießt er keine Speiſe, wohl aber macht er alle drei Stunden eine Pauſe, um Coca zu kauen. Er würde ſchlecht und unwillig arbeiten, ließe ihm der Grubenherr ſein Lieblingskraut mangeln, und er vervierfacht ſeine Anſtrengung, wenn er dazu Branntwein erhält, der nach ſeiner Anſicht den Wohlgeſchmack erhöht. Allein nach der Rückkehr von der Arbeit, die er mittels ſolcher Reizungen länger aushält, als ein Europäer es vermöchte, bedarf er, ſo lange die Coca noch keine Krankheit herbeigeführt hat, eben⸗ ſowohl der Nahrung, als Jener, und nimmt ſie dann in Mengen zu ſich, die bei Betrachtung ihrer elenden Beſchaf⸗ fenheit Erſtaunen erregen. Ein Gleiches gilt von dem Indianer, der als Bote und Laſtträger oder als Verkäufer ſeiner eignen Producte zu Fuß die Anden durchzieht. Blos