Vierte Holge.
In den Ruinen. (Schluß.)
Jetzt weiß ich es; ich habe es gefunden. Es iſt die Tapete in der zweiten Etage. Sie iſt wahrſcheinlich einzig in der Welt, grüne Roſen auf einem gelben Grunde. Irgend ein Tapetenarbeiter hat ſie ſo für ſeinen Fabrikanten gefertigt, der ſie mit Verluſt verkauft hat; die gute Frau hat ſie faſt umſonſt bekommen, als ſie im Jahr 1802 ſich dieſe Wohnung einrichtete; ſie hat mir ſelbſt dieſe Geſchichte erzählt, denn ich täuſche mich nicht, ich habe die Einwohner dieſes niedergeriſſenen Hauſes gekannt, ich habe ſogar im Jahr 1840, im erſten Jahr, wo ich das Collegium beſuchte, an ihrem Tiſche geſeſſen! Es iſt das Stadtviertel, es iſt die Straße und überdies die grünen Roſen auf gelbem Grunde, die es nie weiter als hier gegeben hat.
Tauſend und eine Erinnerungen, die ſeit einem Viertel⸗ jahrhundert beerdigt waren, erwachen zugleich; ſie belagern mich, ſie überwältigen mich. Als ich zum erſten Male in dieſes Haus eintrat, feierten die Bewohner der zweiten Etage ein Familienfeſt. Die drei Söhne der Frau Alain,
ihre beiden Töchter, ihre Schwiegerſöhne und Enkel, der Ponz Stamm war in dieſem Zimmer, ohne drei oder vier — haſte zu zählen, von denen ich einer war. Ich ſehe den langen Tiſch und die gute Frau ganz ſtolz und vor Freude ſtrahlend in der Mitte. Wie hatten wir uns kennen gelernt? Davon weiß ich nichts mehr; ich weiß blos, daß wir ärmer als ſie waren, daß das Feſt glänzend war, daß wir Gänſe⸗ braten mit Kaſtanien und ſchönes Backwerk aßen. Ihr Aepfelwein ſchien mir den Vorzug vor dem Champagner zu verdienen, den ich nur dem Namen nach kannte; er kam in gerader Linie aus Quimperlé, ihrem Geburtsorte. Mein Nachbar zur Rechten war ein Landsmann von ihr, ein Infanterie⸗Unterofficier, der jetzt Capitän oder Bataillons⸗ chef iſt; ich habe ihn wieder geſehen. Frau Alain war die Wittwe eines Arbeiters, eines ſehr einfachen Arbeiters, welcher, ſo lange er Kraft genug hatte, mit ſeinen Händen arbeitete: ein rechtſchaffener Mann, ordentlich, ſparſam, von allen ſeinen Nachbarn gern geſehen, vielleicht den Wirth im Erdgeſchoß ausgenommen. Er arbeitete hundert Schritte von ſeiner Wohnung bei einem Schloſſer, der eine Werkſtätte und einen Laden hatte. In den vierzig Jahren ſeiner Ehe genoß er nie eine Mahlzeit, trank er nie ein Glas Wein ohne ſeine Frau. Man trennte ſich des Morgens, ſah ſich Mittags beim Eſſen wieder und fand ſich jeden Abend zur Stunde des Abendeſſens wieder beiſammen, und wenn Frau Alain ſich in der Zwiſchenzeit langweilte und ſich nach ihrem Manne ſehnte, ging ſie vor ſeiner Werkſtätte vorüber und bot ihm guten Tag.
Wenn mich mein Gedächtniß nicht betrügt, ſo verdiente der Mann täglich drei oder vier Franken; die Frau nichts; die Kinder kamen bald und in der kleinen Haushaltung mangelte es nicht an Arbeit. Das Wenige, was man erſparte, wurde von den Kindern verzehrt. Als der Vater ſtarb, waren die fünf Kinder nicht blos erzogen, ſondern auch ſchon verſorgte Knaben und Mädchen beſuchten die Freiſchule, beſtanden ihre Lehrzeit und gelangten zu einer
anſtändigen Stellung. Chriſtine Alain war Nähterin; ſie
zu haben. Auch ſind ſie,
587
Feuilleton.
heirathete einen Elſaſſer und ſie machten ein gutes Haus. Corentine fertigte Handſchuhe und machte die Eroberung eines geſchickten Handſchuhmachers und ſie gründeten eine Fabrik in der rue du Petit-Lion-Saint-Sauveur. Julius, der zweite Sohn, erlernte den Buchhandel und aus dem Commis wurde ein ſelbſtſtändiger Buchhändler; der Jüngſte, Leon, wurde Marmorſchneider; er beſuchte die Zeichnen⸗ ſchule, ließ ſich in die Schule der ſchönen Künſte aufnehmen, wurde durch ſeine Arbeit ein guter Bildhauer zweiten Ranges, gefiel der Tochter ſeines Hauswirths und heirathete ſie. Der Aelteſte, den man mit ſeinem Familiennamen bezeichnete, ſetzte den Beruf ſeines Vaters fort und blieb unverheirathet, um ſeiner Mutter Geſellſchaft zu leiſten. Das kleine Zimmer zwiſchen der Küche und der Straße war das ſeinige. Von allen Söhnen Alain iſt er derjenige, welcher am lebhafteſten in meinem Gedächtniß geblieben iſt. Ich ſehe von hier ſeine kräftige Figur und ſeine Hand... welch eine Hand! Ein Schraubenſtock! Er war von ſeinem Recht der Erſtgeburt etwas eingenommen und er machte es ſich zum Ehrenpunct, ſeine Mutter allein zu ernähren. Die gute Mutter hatte für ihn eine gewiſſe Nachgiebigkeit; war er nicht das Familienhaupt? Sie nahm die kleinen Geſchenke ihrer Söhne und Schwiegerſöhne an, aber ſie aß nur das Brod ihres guten Alain.
In den erſten Tagen ihrer Wittwenſchaft bat Leon, der glückliche Bildhauer, ſie, eine Wohnung bei ihm anzunehmen.
„Ich danke Dir, mein Sohn,“ ſagte ſie zu ihm,„aber der liebe Gott hat mir die Bewahrung aller Erinnerungen, die hier ſind, übertragen. Ich werde dieſe Wohnung erſt verlaſſen, wenn ich mich wieder mit Euerm theuern Vater vereinige.“
Um Alles zu ſagen, ſie hatte eine Art von religiöſer Verehrung für dieſe beſchränkte Wohnung. Sie wußte ihr für das ganze Glück Dank, das ihr darin zu Theil geworden war; ſie ſprach davon wie ein Dankbarer von ſeinem Wohl⸗ thäter.„Man wird nie wiſſen,“ ſagte ſie,„welche Dienſte dieſes armſelige Neſt uns erwieſen hat. Wie glücklich ſind arme Leute, wenn ſie in der Mitte einer großen Stadt eine Wohnung zu einem billigen Preiſe finden! Unſere Miethe betrug Anfangs 120 Franken und ſie ſtieg ſtufenweiſe bis 250 Franken; aber ſie hat uns für 100,000 Fr. Mühen und Sorgen erſpart. Was würde aus uns geworden ſein, wenn wir, wie ſo viel Andere, uns eine Wohnung außer⸗ halb der Barriéren von Paris hätten ſuchen müſſen! Der Vater würde uns jeden Morgen verlaſſen haben, um erſt des Abends zurückzukehren; er würde, Gott weiß mit wem, in einem Wirthshaus und ich zu Hauſe ganz allein gefrüh⸗ ſtückt haben. In welche Schule hätte ich dann meine Kinder ſchicken ſollen? Wie hätte ich ſie während ihrer Lehrzeit zu überwachen vermocht? Sie haben dieſelbe ein paar Schritte von hier bei Lehrherren in dieſem Stadtviertel beſtanden und ich ſchmeichle mir, ſie nie aus dem Geſichte verloren Knaben und Mädchen, ohne eine Ausnahme, gut gerathen. Möge der Himmel Mitleid mit den armen Lehrlingen haben, welche jeden Tag eine Stunde weit von ihrer Mutter entfernt zur Arbeit gehen müſſen! Und glauben Sie, daß meine Söhne eine ſo ſchöne Laufbahn


