Novellen
ſching, ik bün jo ok Soldat,“ ſagte der Großherzog Paul Friedrich zu einer Alten, die gekommen war, den Sohn vom Militär frei zu bitten, worauf die Alte erwiderte:„Je, dat ſeggt Hei woll; Hei hett ok niks lihrt, min Sahn is äwer'n Snider.“
„Meine Herren, Sie ſcherzen!“ ruft ein junger Rechtscandidat aus, als ihm von dem Vorſitzenden der Prüfungsbehörde eröffnet wird, daß er im Exa⸗ men durchgefallen ſei.
„Wie viel meinſt Du wohl, das ich werth bin?“ fragt ſeinen Diener der Baron von Hammelſtüz, in ſeinem nagelneuen Anzug vor dem Spiegel ſich von allen Seiten muſternd.—„Ich weiß nicht, Herr, was Ihr neuer Anzug gekoſtet hat.“
Auch folgendes Verhör mag hier eine Stelle finden: Amtmann:„Iſt Er neulich dabei geweſen, als der Bauer Panz in der Dorſſchenke läſterliche Reden über mich geführt hat?“—„Ja wohl, Herr Amtmann.“ —„Was ſagte denn der Bauer Panz?“—„Er ſagte, unſer Amtmann wäre ein rechter Schweißtigel.“ —„Schade, daß Er ſich das nicht hat ſchriftlich geben laſſen.“—„Ich hab's ihm auch ſo geglaubt, Herr Amtmann.“
Ein claſſiſches Beiſpiel, in welchem das Naive ſich zugleich zum edelſten Zorn der Beredtſamkeit ſteigert, findet ſich in dem ſehr trefflichen Buche„Ge⸗ ſpräche mit einem Grobian“(Leipzig, 1866). In einer Weinſtube ſitzen Officiere, Beamte, Gelehrte und Kaufleute, die gewöhnliche Geſellſchaft, beiſammen. Als Gäſte ſind eingeführt der Baron(der Grobian) und ein junger Privatdocent. Ein alter Regierungs⸗ rath ſpricht mit Bewunderung von den alten be⸗ rühmten Namen, durch welche die deutſche Philoſophie zu hohen Ehren gekommen, und welchen die jetzige Zeit nichts an die Seite zu ſtellen habe. Der junge Privatdocent widerſpricht und behauptet, daß jenen
Zeilung.
Sie die ganze Fratze eines dummen Jungen und ſagen Sie mir als ſtudirter Menſch, ob ein ſolcher Kerl über die Zierden unſerer Nation abſprechen darf.“
Naiv wider Willen war jener deutſche Duodez⸗ fürſt, der eines Tages ſeinen Kammerdiener über⸗ raſchte, als dieſer auf des Fürſten wohlgepolſtertem Thronſeſſel Probe ſaß.„Kerl, verdammter, wie kommſt Du mir vor? Bildeſt Dir wohl gar ein, re⸗ gierender Herr zu ſein; dumm genug wärſt Du dazu!“
Weltbekannt iſt der naive Ausruf des Papſtes Leo X. beim Anblick des Ablaßgeldes, ſowie das Wort des ſchwediſchen Canzlers Oxenſtierna: Du glaubſt nicht, mein Sohn, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird.
Jeder gelernte Theolog kennt des heiligen Kir⸗ chenvaters Auguſtinus Gebet um Keuſchheit mit dem Zuſatz, daß es damit keineswegs große Eile habe.
Aus dem Munde einer däniſchen Majeſtät hat man oft genug die Aeußerung gehört: Ich kann es durchaus nicht leiden, wenn man mir widerſpricht.
Der alternde Ludwig der Vierzehnte richtete eines Tages in einem lichten, von Selbſtkenntuiß er⸗ hellten Augenblick an ſeine Umgebung die Worte: „Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren, daß ich Ihnen ein ſo ſchlechtes Beiſpiel gegeben habe.“
Friedrich der Große äußerte bei einer Muſte⸗ rung:„Wenn dieſe Maſſen ein Bewußtſein hätten von ihrer Kraft, ſie würden uns nicht gehorchen.“
Genug der Beiſpiele, die ſich bis in's aſchgraue Unendliche fortſetzen ließen. Die Komik ſpielt in derartigen Productionen allerdings den Affen des Erhabenen, doch darf ſie ſich das Zeugniß geben, daß über dieſe tollen Sprünge der Phantaſie, die weiter nichts bedeuten wollen, noch niemals ein Men⸗
Männern die rechte Methode der Forſchung geman⸗ gelt habe, daß ſie im Grunde nur Ignoranten und Charlatans geweſen wären, welche ohne alle Kennt⸗ niſſe in der Naturwiſſenſchaft die Menſchen nur in der Irre herumgeführt hätten. Jetzt erhebt ſich der Baron, packt den Burſchen bei der Hand und führt ihn, halb mit Gewalt, vor einen hohen Spiegel an die Wand.„Sehen Sie,“ ruft er, auf das Bild des Betroffenen deutend,„dieſe Geſtalt und Phyſiognomie! Sehen Sie dieſe niedrige Stirn, die gemein aufge⸗ worfene Naſe, den formloſen Mund! Sehen Sie dieſen Ausdruck ohne Idealität, Geiſt und Würde! Sehen
ſchenkind den Verſtand verloren hat, während über prophetiſche und apokalyptiſche Nebelbilder ſchon mancher Erdenſohn verrückt geworden iſt.
Aus dieſer Probe wird man erſehen, daß der Verfaſſer kein Freund philoſophiſch trockener Abſtrac⸗ tionen und ihm nur„grün des Lebens goldener(2) Baum iſt.“ Sein Stil kann weder ſchön, noch über⸗ all rein und außergültig genannt werden, aber er hat den geſunden überzeugenden Reiz der natürlichen Rede; und die plaudernde, allerdings ſehr zwangloſe Art, wie der Gegenſtand behandelt iſt, macht das Auftreten mancher Derbheiten weniger fühlbar.
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