Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Folge. 58⁵

giebt viel in objectiven Beiſpielen, wodurch es vielleicht mehr als allgemeine Anregung wirkt, als durch ſeine Einzelpolemik ſelbſt. Es iſt ſo leicht verſtändlich, daß jeder nur einigermaßen gebildete Leſer ſich dieſer Unterhaltung gern widmen kann. Bei Gelegenheit des letzgenannten Kapitels über das Naive und Grob⸗ komiſche heißt es:

Man könnte vielleicht, ähnlich wie bei der Mau⸗ rerei, auch im Komiſchen drei Grade unterſcheiden: einen Lehrling⸗, einen Geſellen⸗ und einen Meiſter⸗ grad. Nur wolle man mit Allem, was wie Schablone ausſieht, fern bleiben und dieſe Grade nicht ſo ſcharf und gradlinig abgegrenzt denken, wie wir auf der Landkarte die Staaten und Gebiete der nordamerika⸗ niſchen Union gegen einander abgegrenzt erblicken. Vielmehr ſpielt eine Gattung des Komiſchen frei und luſtig in die andere hinüber, wie denn das Naiv⸗ Komiſche zugleich auch Witz und Humor enthalten kann.

Bevor wir nun das Gebiet des Volksthümlich⸗ Komiſchen, welchen Namen Viſcher vorſchlägt, beſchreiten, ſchlagen wir einen Seitenweg ein, der uns über das grüne Feld des Naiven führt.

8s Vaive, Offenherzige, Naturwahre wird Ange

ſichts einer Geſellſchaft, die mehr oder weniger auf Dreſſur gepfropft iſt, ſtets einen unverlierbaren Reiz behalten. In das Gebiet des Komiſchen aber gehört das Naive ſchon wegen des Gegenſatzes oder Miß⸗ verhältniſſes, in welchem es zu den conventionellen Formen ſteht, denen man die Autorität einer unum⸗ ſtößlichen Regel aufgeprägt hat. Aus der ſogenannten feinen Geſellſchaft iſt das Naive verbannt ſchon wegen ſeines Inhalts, der nur allzu häufig eine gute Doſis Wahrheit iſt. Kinder ſind insgemein naiv, Erwachſene bisweilen; ſelbſt im Leben der Könige hat es Augen⸗ blicke gegeben, wo ihre Majeſtäten naiv waren. Was aber an Kindern als naturwüchſiges Denken erfreut. erſcheint bei Erwachſenen nicht ſelten als liebe Ein⸗ falt oder Dummerhaftigkeit, wie die Hamburger ſagen.

Das Naive, das zugleich rührend iſt, bleibt hier unberückſichtigt. Wenn beiſpielsweiſe ein Kind be⸗ müht iſt, einen todten Hund, ſeinen lieben Spielge⸗ noſſen, durch Vorhalten eines Stück Fleiſches zum Leben zu erwecken, ſo wird Niemand dieſer Handlung den doppelten Charakter des Naiven und Rührenden ab⸗ ſprechen wollen. Die nämliche Handlung, von einem Erwachſenen ausgehend, würde in dem Handelnden einen Kretin vermuthen laſſen. Wie geſagt, dieſe Art bleibt hier unberückſichtigt; ſtatt deſſen wolle der Leſer ſich einige Beiſpiele gefallen laſſen, in denen das Naive zugleich den Charakter des Heiteren trägt.

Viſcher führt aus dem vortrefflichen Roman Simplicius Simpliciſſimus Folgendes an: Ein frommer Einſiedler, der den unwiſſenden Bauerknaben aufge⸗ nommen hat, iſt bemüht, ihn beten zu lehren. Ein⸗ ſiedler: Höre Du, Simpliciſſime(denn anders kann ich Dich nicht nennen), wenn Du das Vaterunſer beteſt, ſo mußt Du alſo ſprechen: Vater unſer, der du biſt im Himmel, geheiliget werde dein Name, zu⸗ komme uns dein Reich, dein Wille geſchehe auf Erden, wie im Himmel, unſer täglich Brod gieb uns heut' und Simpliciſſimus: Gelt Du, auch Käs dazu?

O, wie erquickt und ſtärkt mich dieſe Berges⸗ luft, nachdem ich mondenlang zu Stubendunſt und ſitzender Lebensweiſe verurtheilt geweſen bin! Dieſe Worte richtete ein Alpenreiſender, ein Gelehrter, an ſeinen Führer, worauf Letzterer die Frage zurückgiebt: Gelt, Ihr ſeid ein Schneider?

Jener Bauer im Bauernkriege, an dem die Reihe war, einen Kopf kürzer gemacht zu werden, rettete ſein Leben durch die naive Frage:Wo ſoll ich denn aber nachher meinen Hut hinthun?

Das wird er ja aber gar nicht aushalten, ſeufzte eine mitleidige Seele, als ein ſehr ſchwächlicher Menſch zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt war.

Himmel, jetzt fällt er über die Grenze! extem⸗ porirte ein Komiker, als ſein Mitſpielender nach Vor⸗ ſchrift der Rolle in Ohnmacht fiel. Der Schauplatz des betreffenden Stückes war ein deutſcher Klein⸗ ſtaat.

Pack ſchlägt ſich, Pack verträgt ſich! äußerte nach Beendigung des ſiebenjährigen Krieges eine biedere Hökerin gegen Friedrich den Großen.

Lehrer:Mein Sohn, Du haſt Strafe verdient. Willſt Du nun lieber kurzweg eine Ohrfeige oder eine dauernde ſtille Verachtung? Wähle! Schüler: Ich bitte um Ihre ſtille Verachtung.

Am königl. franzöſiſchen Hofe herrſchte die dumme Sitte, daß der neugeborene Thronfolger ſchon bald nach ſeiner Geburt durch einen Großwürdenträger in feierlicher Anrede begrüßt werden mußte. Ein Feſt⸗ redner dieſer Art entledigte ſich ſeiner Aufgabe, indem er ſagte:Sire, möchten Sie in Zukunft gegen die Reden der Schmeichler ebenſo ſtumm ſein, wie Sie es augenblicklich ſind gegen meine Worte.

Ein Student im fadenſcheinigen Flausrock er⸗ ſcheint vor einem Profeſſor. Dieſer, hoͤchlich entrüſtet, richtet an den Muſenſohn die Frage:Aber, mein Herr Studioſus, kommt man in ſolchem Anzuge zu anſtändigen Leuten? Student:Nein!

Lat S' Ehren Sähn doch Soldat ward'n, Oll⸗