Vierke
6 als ſteige in ihrem Körper Etwas empor, was einen
Ausweg ſuche.„Die Erregung geſtern und heute, auch habe ich nicht geſchlafen— beſſer, ich ſetze mich noch einen Augenblick auf den Stuhl.“ Sie that das, ſie drückte das Haupt gegen die Lehne, ſie ſchloß die Augen....„Nur ein klein wenig ſo ruhen, das wird mich ſtärken— und dann hin zum Bruder, zur Schweſter, hin, wo ich frei— frei“... Schlief ſie? Nein, ſie drückte plötzlich die Hände an die Bruſt, die ſpringen wollte, ſie griff nach dem Tuche, um von ihren Lippen die Feuchtigkeit zu wiſchen; doch immer mehr rothe Tropfen ſammelten ſich da und immer beäng⸗ ſtigender ward das Gefühl in der Bruſt und da mit einem Male, da— rieſelte ein Blutſtrom über ihr Kleid hin....
Ach, für unſere Liebenden ein zu ſchrecklicher Sturz aus goldigſtem Himmel! Als die erſte Hiobs⸗ poſt zu ihnen gedrungen war und der Arzt nur den Kopf geſchüttelt hatte, gleich da ſtieg in Beiden der troſtloſe Gedanke auf: Sie wird euch entriſſen! Ver⸗ gebens hatten ſie Cornelia am nächſten Morgen er⸗
wartet, und erſt in der Dämmerſtunde erfuhren ſie durch den Diener, den die Herzogin Mutter ſandte,
die ſchwere⸗Krankung der Schweſter. Auf der Stelle
ſtürzte Becker hin; er ward„auf ſtrengſten Befehl des Herrn Barons“ abgewieſen. Darauf verſuchte denn Chriſtel ihr Heil, doch es waren dieſelben Worte, mit denen man ſie empfing. Durch Anna Amalia erhielten ſie nun täglich Nachricht. Ganze Nachmit⸗ tage war die Fürſtin um ihre junge Freundin be⸗ müht, und ſo gern der Baron auch„dieſe Für⸗ ſtin“ und„dieſe Komödiantenfreundin“ nicht vorge⸗ laſſen hätte, ſo wagte er doch nicht, ihr nur mit einem ablehnenden Worte entgegenzutreten. Doch wie wenig tröſtend waren dieſe Mittheilungen durch den herzoglichen Diener! Die Schyweſter pflegen, Hoffnung auf baldige Geneſung in ihre Bruſt ſenken — das war es ja, wonach die Liebenden ſich ſtündlich mehr ſehnten; aber nun ſo grauſam von ihr getrennt zu ſein und nun bei dieſer Trauer im Herzen noch fleißig Rollen lernen und faſt täglich ſpielen zu müſſen, das drückte ſie faſt zu Boden. Goethe ſetzte jetzt die Stücke in Scene, die ſchon ſo lange als „vorbereitet“ auf der ſchwarzen Tafel geſtanden, welche gleich am Eingange zur Bühne hing. Der Trauernden wegen das Repertoir noch einmal auf⸗ ſtecken, das konnte er, ſo innig er auch mit ihnen fühlte, doch beim beſten Willen nicht; denn nicht allein ihn drängte es, auf dem erkämpften Wege vor⸗ wärts zur Höhe zu ſchreiten, auch der Hof und das Publicum, dem ja der Sinn für das Bedeutende wie eine nene Sonne aufgegangen war, begehrten laut das
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Beſſere; und auch den neuengagirten Kräften, ſagte ſich Goethe, müſſe von vornherein kund werden, daß ſie es hier mit einem Auditorium zu thun, welches das Edle nicht nur zu ſchätzen wiſſe, ſondern fordere. Es war nämlich⸗ derweil eine Veränderung vorge⸗ gangen. Fiſcher, der Regiſſeur, Herr und Frau Amor, Demoiſelle Malkolmi J und II, Einer und Andere hatten Weimar verlaſſen, und dafür waren Talente engagirt worden, von denen ſich der Chef etwas ver⸗ ſprach und die ja auch ſeine Erwartungen glänzend ge⸗ rechtfertigt haben: Herr und Frau Porth und deren Tochter Friederike Margaretha, die nachmalige Vohs, Graff, Schiller's erſter Wallenſtein, Haide, der erſte Tell, Vohs, ſpäter trefflich als Max und Mortimer — das alles ſind Namen, deren noch die ſpäteſten Enkel ſich freundlich errinnern werden. In die bisher von Fiſcher verwaltete Regie theilten ſich nun Zwei: Anton Genaſt und Becker. Wie würde ſich Heinrich zu einer andern Zeit über dieſe Stellung, die ihm am deutlichſten Goethe's Zufriedenheit und Vertrauen zeigte, gefreut haben; jetzt mußten die damit ver⸗ knüpften zahlreichen Geſpräche ihm nur zur Laſt fallen. Sein Chef mochte anders denken, ſich vielleicht ſagen, ſowohl für Becker wie für Chriſtel könne es unter den gegenwärtigen Verhältniſſen nichts Beſſeres geben als unausgeſetzte Thätigkeit; doch wer wollte es ihnen verargen, daß ſie nur mit halben Gedanken bei der Sache waren! Auch das Publicum hatte mit ihnen das innigſte Mitleid, ja es konnte kaum be⸗ greifen, wo noch Chriſtel dieſe Sammlung hernahm, deren ſie doch zu den großen Rollen, darin ſie jetzt auftrat, durchaus bedurfte. Sie ſpielte die Thereſe in„Stille Waſſer ſind tief“, die Titelrolle in„Victo⸗ rine“ von Schröder, Minna in Leſſing's„Minna von Barnhelm“; und hätte ſie nicht zu Gunſten der Ma⸗ dame Gatto— unter den obwaltenden Umſtänden nur zu gern— auf die Rolle der Eboli verzichtet, ſo würde auch dieſe ihr jetzt ſchon(ſie ſtellte ſie ſpäter in Lauchſtedt dar) zugefallen ſein. Es war ein Feſttag, als„Don Carlos“ in Weimar die erſte Aufführung erlebte; Becker ſpielte den Herzog Alba, Chriſtel einen der Pagen, Genaſt den Grafen von Lerma. Nun konnte Goethe vollends frohlocken, denn dieſe Dichtung riß das Publikum in noch weit höherem Grade, als Shakeſpeare’s„König Johann“ hin. Sein Blick für das Unvergängliche deutſcher Dichtkunſt ward immer klarer und ſchärfer, immer weiter ſein Sinn für das Edelſte und Herrlichſte, und es hätte nun wohl mit aller Kraft gegen die Eintagsfliegen proteſtirt, wenn ſie ihm jetzt Tag aus Tag ein aufgetiſcht worden wären. Gänzlich konnten
dieſe Eintagsfliegen gerade jetzt nicht fortbleiben. Die


