Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Folge.

Der Wirth geleitet ſeine Gäſte bis an das Pförtchen. Hüben und drüben Abſchiedsrufe, hier noch ein Wink mit der Hand, mit dem Tuche, dort Kichern, lautes Lachen, ein zarter Scherz und ſchon liegt die Wieſe zwiſchen dem Dichter und den Heimkehrenden. Aermſter Knebel, Du hatteſt dich vergebens ge⸗ freut! So oft er ſich dem Rudelchen nähern und ſeinen ſüßeſten Empfindungen Worte geben will, ſteckt zu beiderſeitigem Verdruſſe ſtets Jemand den Kopf dazwiſchen, und ſo langt man bald an dem Hauſe an, in das die⸗Rudorf, nur noch einen Händedruck erhaſchend, ſchlüpfen muß.Gute Nacht! Gute Nacht! rufen dann die Andern ſich zu, indem ſie ſich an der nächſten Ecke trennen. Das Brautpaar begleitet noch. Schweſter. Was man im Stern verabredet, we on Neuem durchſprochen, und Hein⸗ rich wiederholt ſeine Worte:Laß uns den Schritt, den Du nun thun mußt, in Ruhe überlegen, morgen, noch ſpäter. Jetzt ſind unſere Herzen zu voll; laß uns erſt ruhiger werden und dann entſchieden und, wenn es ſein kann, vereint handeln.

nge n ſtand Goethe am Pförtchen. Er ütze das Kinn mit der Rechten, er blickte über die

4 1 Wieſe auf den Waſſernebel huſchten nicht ge N. iſtiſche Geſtalten dort auf und nieder, thronten

nicht da unter der Platane, umgeben vom ganzen Hofſtaat, Oberon und Titania? Nichts, nichts, nur Nebel, nur Mondſchein, kein Sommernachtstraum. Und er wandte ſich und ſtieg langſam die Stufen wieder hinanDu haſt's erlebt! Curios! Er A kam an der Bank vorüber, wo er einſt mit Charlotte

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von Stein geſeſſen, an der Stelle, wo er einen Korb voll Roſen über ſie ausgeſchüttet, und er blieb ſtehen vor dieſer Bank und dieſer Stelle:Das war doch beute wie ein Nachhall aus jenen längſt begrabenen

Tagen. Mit einer raſchen Wendung ſchritt er da

dem Hauſe zu; der Diener, in der Thür ſtehend,

bielt die Kerze höher.Gute Nacht, mein Sohn. Curios! Curios!

Schlaflos verbrachte Cornelia die Nacht. Jenes berauſchende Etwas, das beim erwachenden Fühling um unſere Schläfen und in unſere Bruſt zieht, füllte

1 ja nun ihre ganze Seele aus und raubte ihr den

Schlummer. In ihrem Herzen hatte der lieblichſte

Frühling zu blühen begonnen. Sie hätte auch nicht ſchlafen mögen. Dieſes Hindämmern und die Sichverſenken in Vergangenheit und Zukunft, dieſe unaufhörlichen Vergleiche, die ſie zwiſchen ſonſt und jetzt anſtellte alles das war ihr eine Beſchäf⸗

tigung, der ſie ſich mit einer Art Begierde hingab

und deretwillen ſie den Schlaf nicht entbehrte. Als

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ſie ſich endlich erbob, lugte ſchon der helle die ſorgſam geſchloſſenen Vorhänge.

Was würde der Bruder heute beſchließen? Oder ob er bereits zu einem Entſchluſſe gekommen ſei? Gleichviel, ob er mit ihr vor den Oheim treten oder ihr das Wort allein überlaſſen wolle nur bald, bald aus dieſen unnatürlichen und drückendſten Feſſeln heraus und hin an den Platz, auf den Pflicht und Vernunft ſie ſtelle

Wie mußte ſi erſtaunen, als nun der alte Diener mit dem Auftrage eintrat, das gnädige Fräulein zum Herrn Baron zu führen. Um dieſe Stunde! Wie ein Blitz durchzuckte es ſie da: er weiß Alles! Und von wem? Von wem?! Einen Moment lief ein Schauer über ihren Körper, auf die Bruſt ſank das Haupt; aber gleich richtete ſie es wieder empor und gab ruhig und mit feſter Stimme zur Antwort, daß ſie kommen werde.Wohlan, auf dornenvollem Wege zur Klarheit und Freiheit! Und ſie ging...

Tag durch

Vor einer halben Stunde war Hans beim Herrn Papa erſchienen. Der Aerger und die Wuth, die noch um ſeinen Mund und auf ſeinem Geſichte lagen, hatten den Baron in kein geringes Erſtaunen verſetzt; aber als dann der Sohn das Unerhörte, was er be⸗ lauſcht, mit wenigen Worten berichtet, da freilich hatte der Vater jenen erſchreckenden Ausdruck nur zu erklärlich, aber noch viel, viel zu milde finden müſſen. Denn ſein Geſicht verzögerte ſich förmlich und er ſank in den Stuhl, ſprang dann wieder auf und ballte dann die Hände, ſtürmte durch das Zimmer und ſtieß Verwünſchungen über Verwünſchungen aus. Sie im Bunde mit Dem, den er haßte, der durch ſeinen Leicht⸗ ſinn die Ruhe und den Frieden in dieſer Familie untergraben! Im Bunde ſie mit Denen, die zum Auswurf der menſchlichen Geſellſchaft gehörten! Sie, die Sanfte, die Taube nein, nein, die Schlange! Das hinter deſſen Rücken, dem ſie Alles, Alles zu danken hätte, der wie ſein eigenes Kind ſie geliebt! O, der ſchwärzeſte Undank, der, abſcheulichſte Verrath! Und während er ſo ſeiner Verzweiflung Raum gab, ſchoß noch ein Anderes durch ſeinen Kopf: Wie war Hans um dieſe Stunde in den Stern gekommen? und in ſeiner Stube war's doch hell geweſen! Er hatte ſich ja mit eigenen Augen davon überzeugt! Auf ſolche Fragen war unſer Junker vorbereitet. Er fabelte von einem Kopfſchmerz, der ihn geplagt und Bewegung in friſcher Luft nöthig gemacht hätte; natürlich rühre das vom nächtlichen Studium her; ob er das Licht zu löſchen vergeſſen, darauf könne er ſich nicht mehr beſinnen. Zu anderer Stunde würde der Vater an dieſen Worten gezweifelt haben, doch in dieſem Augenblicke hatte er ja nur ein halbes