Novellen
„Wetten wir? Hundert gegen Eins! Ich weiß etwas, wovon die Herrſchaften nicht die geringſte Ahnung haben.“
„Dann fahre fort.“„Darauf ſind wir begierig.“ „Der Wildfang ſchickt uns in den April.“
Becker rückt ein wenig ſeitwärts, in den Schatten; er fürchtet, man müſſe ihm die Beklommenheit anſehen.
„Attention! Ich mache einen großen, großen Sprung und bleibe bei dem beutigen Tage ſtehen. Scene: im Stern. Zeit: acht Uhr Abends. Perſonen: Herr Heinrich Becker; Mamſell Neumann; Mademoi⸗ ſelle Cornelia von Blumenthal, die jedoch vom Re— giſſeur geſtrichen wird.“
„Seht Ihr, ſie ſchickt uns in den April!“
„Excellenz, ich bitte um den Ordnungsruf!— Alſo von rechts kommt Herr Becker, von links meine Wenigkeit. Collegen— Collegen, ſag' ich, die drei Wochen lang von dem grauſamſten aller Aerzte einge⸗ ſperrt wurden, haben ſich natürlich viel, ſehr viel zu erzählen. Zum Exempel fragt der Eine, wie oft der Theaterdiener, vom Chef beauftragt, mit einem wüthenden Geſicht zu dem Andern gekommen, um ſich zu überzeugen, ob denn der Kranke noch immer nicht Luſt habe, geſund zu werden? Und der Andere fragt, wie viel Dutzend Donnerwetter aus dem Munde des werthen Chefs ſie nun wohl treffen würden?“
4*„Ein ſchmeichelhaftes Bild, welches da von mir 3 gezeichnet wird,“ lacht Goethe. „ Aber Herr Becker und meine Wenigkeit ſind eben anders wie andere Collegen. Freilich haben auch wir ſehr viel auf der Lippe, doch mit nur einer Sylbe an unſern Chef zu denken, das kommt uns gar nicht in den Sinn.“
„ Höchſt liebenswürdig!“ ſo ſpinnt Goethe den Scherz fort. „Genug, Herr Becker von rechts, ich von links. Das Stück beginnt. Decoration: Buſchwerk, dichte Bäume, Mondenſchein— ächte Stelldichein⸗ partie. Er:«Endlich!«— Ich:«Endlich!⸗ Große Kunſtpauſe. Er: Ach, endlich kann ich Dir⸗— Ich: «Ach, endlich, endlichs“——
Bei dieſen Worten pringt ſie, ſpringt Heinrich Becker auf. Einen Schritt tritt Goethe zurück— gehört denn das zur Erzählung? oder ſind's nicht Menſchen, ſind's neckiſche Geiſter, die da vor ihm knieen? Wohnen in ſeinem Hauſe und ſeinem Garten luftige Geſtalten und treiben ſie Scherz mit ihm? Doch nein, nein, das iſt ja Chriſtel, das iſt ja Becker! Das iſt ja ihre flehende Stimme, die da ertönt: „Excellenz! Mein Vater! Ihren Segen!“ Und das iſt ja ſeine flehende Stimme:„O, begründen Excel⸗
„Zeitung.
Ganz ſtill iſt der Dichter geworden. Er blickt ſich um und um— nirgends ein Laut, überall be⸗ gegnen verwunderte Geſichter dem ſeinen. Seine
Stirn faltet ſich; die Vermählung einer Liebhaberin iſt nicht nach ſeinem Sinn und am wenigſten will ihm dieſe Ueberrumpelung behagen.„Hm! hm!“ ertönt es von ſeiner Lippe.— Arme Chriſtel, Du gedacht!— Aber
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hatteſt dir den Sieg doch leichter nein, da— 4
Erſcheint der Rettungsengel in Perſe Hofrath Wieland. Mit ſeinem unnacha en, halb
ein wenig zur Seite. Becker und Chriſtel erhebe ſich, ſie blicken traurig, beſtürzt...
Wer weiß, was Wieland und Goethe unter dem Fliederbaum geſprochen haben! Wieland hat ihm ein paar Worte in's Ohr geflüſtert, worüber eine ſittſame Jungfer ohne Zweifel über und über th geworden wäre; allein Goethe hat dazu gelächelt und dann, das Haupt wiegend, gemurrt:„Allerdings— das ſehe ich ein— freilich— das iſt ſehr natürlich, wie ſind ja Alle Menſchen...“ Und dann aberma⸗ liges Fluͤſtern, und dann hat Goethe abermals ge⸗ nickt, und dann ſind Beide Arm in
lenz unſer Glück!“
einige Einwendungen verſucht. Man bricht auf.
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graziöſen, halb fauniſchen Lächeln tritt er zu Goethe: „Herr Bruder, auf ein Wort;“ und Beide ſchreiten
der I Hüben mit de achen Wieſe: Aenſte feltt! ſeinen ſ z beide dazwiſche an, in! erbaſchen Nacht!“ ſich an begleitet verabted h vie den Du noch ſpa uns erſt wenn e
ſüͤtzte Wieſe
Arm wieder zur ſpen Geſellſchaft geſchritten, und dann hat Goethe, ohne nicht eine Sylbe dabei zu reden, die Hände ſeines Lieblings Hofſtac und Becker's ergriffen und ſie, mit einem tiefen Blick Nebel, gen Himmel, ineinander gelegt. Und er „Siehſt Du, Heinrich, ein holder Genius hat uns wieder hergeführt.“ an „Meine Euphroſyne!“ 4 ens „Deine, Deine Euphroſyne!“ 1— vollg „Eure Schweſter!“ ſo umſchlingt Cornelia die vord Glücklichſten.“ beute Der Erſte von der Geſellſchaft, der näher tritten Tagen und herrliche Worte redet, iſt Herder. Ihm folger 4 1 dem einzeln die Uebrigen, und dann ſchwingt Wieland l it. das Glas:„Hoch leben Braut und Bräutigam!“ Ein urio brauſendes Echo aus Aller Munde, und Knebel, der 5 1 1 ſich derweil Courage getrunken, flüſtert, vor dem 8 Rudelchen ſein Glas neigend:„Was wir lieben!“ beran Und das Rudelchen ſchlägt die Augen zu Boden un und giebt faſt unhörbar zurück:„Was uns wieder n 1 liebt!“ s l Sa Jedenfalls hätte Knebel einen Freudenſprung 1 Fun gethan, wär' er allein geweſen; ſo kann er nur das A nich Glas auf einen Zug leeren und ſich wie ein Kind 1 Sie auf den Heimweg freuen. Und nun will die Wielan⸗ una din, deren Füße wie Eisklumpen wären, um keinen— jetzt Preis länger bleiben, obgleich der Herr Gemahl noch tigu


