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*.. IJn Feuer und Flamme iſt Wieland gerathen und
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derung aller Kenner erregt.
Vierte Solge.
einer Ritze zu kriechen, nein, mein Debüt beſtand in einem Prolog, den ich als Göttin der Gerechtigkeit vor Iffland's Schauſpiel„Bewußtſein⸗ zu ſprechen hatte. Und ich ſprach ihn ſo hinreißend, ſo fabelhaft einzig— wer zweifelt an meiner Beſcheidenheit?— daß alle Zuhörer und beſonders Madewoiſelle Schröter und die Herren Herder und Wieland ganz außer ſich vor Entzücken waren und daß der große Wieland zum großen Herder geſagt haben ſoll—“
, das iſt wahr,“ ruft Wieland,„die kleine Neumann iſt ein reizendes Weſen! hab' ich geſagt. Wiſſen Sie's noch, Herr Bruder? Wir ſaßen zuſammen, wenn man hineinkommt, gleich rechts.“
hat änzlich darüber vergeſſen, daß Herder im dritten Geſch ſeines„Oberon“ einen grundfalſchen Reim entdeckt haben will. Zwar hat Herder die ſpitzen Worte aus Wieland's Munde noch keineswegs hinunterge⸗ würgt, aber deſſen Anrede thut ihm nun doch ſehr wohl; und deshalb nickt er ihm zu, und da halten es
„Corona nahm ſich meiner wie eine Mutter an,“
11 41 Frauen für Schuldigkeit, ſich gleichfalls zuzunicken.
4 4 fährt Chriſtel fort,„und ihr und Ew. Excellenz ſage
—Ar das, was ich geworden bin, Dank. O, welch'
4 eine Mühe ſie ſich mit mir gab!
Wie liebreich ſie mich der Frau Herzogin empfahl!“
„Corona wird purpurroth,“ wirft die Herderin ein.
Wieland ſchwelgt in Erinnerungen; er macht kleine Augen und läßt den Kopf hängen.„Wenn ich an die Zeit denke, wo die erlauchte Frau unſere Chriſtel malte— ha, ha, todtlachen hätte man ſich mögen! Die Mamſell wollte partout nicht ſtillſitzen und unſere Gnädigſte ward darüber ſo verdrießlich, daß ſie ihr altes Uebel, den Fußkrampf, kriegte. Na, dann aber iſt's beſſer gegangen und das Bild hat die Bewun⸗ Wo iſt es doch nur hin⸗ gekommen? Im Schloſſe hängt es nicht, auch nicht im Fürſtenhauſe—“
„Aber, Herr Bruder,“ ruft da Herder,„wo haben Sie Ihr ſonſt ſo gutes Gedächtniß gelaſſen? Chriſtel Neumann als Göttin der Gerechtigkeit hängt ja im Schloſſe des Prinzen Georg von Deſſau, der das Bild von unſerer Durchlaucht zum Geſchenk erhielt! Fällt Ihnen das nicht mehr ein? Wir Beide waren ja zu⸗ gegen, damals, als Sie das Unglück hatten, die Taſſe Thee über Ihr Jabot zu gießen!“
.„Richtig, über das Jabot mit der Doppelkrauſe, die meine Frau eine knappe Stunde vorher mit einer Genialität ſondergleichen gebügelt hatte. O wie ich erſchrak, wie ich ganz außer mir war, und wie ich noch obendrein tüchtig ausgelacht wurde!— Aber trotzdem, ein ſchöner Tag war's doch, eine ſchöne,
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ſchöne Zeit— Herr Bruder, kommen Sie her, ſtoßen wir an auf vergangene Tage!“
Und da iſt Herder auch ſchon an ſeiner Seite, und auch die Wielandin und auch die Herderin ſchüt⸗ teln ſich die Hände, und Alle heben ſie nun die Gläͤſer: „Auf vergangene Tage!“
„Nein, nein,“ ruft Goethe, der mit größtem Be⸗ hagen wahrnimmt, daß des dritten Geſanges im„Oberon“ gar nicht mehr gedacht wird und daß der Vieſelbacher Kumbs und die Speckklöße glücklich beſiegt ſind,„nein, dem Lebenden gehört die Gegenwart: es lebe das Heute!“
„Und der kommende Tag!“ ruft Chriſtel, das Glas ſchwingend. Und der Wein ſchlägt da hochauf wie eine kleine Welle, die der Mond vergoldet und die, am Glasrande ſich brechend, wie ein Sprühregen zurückfällt.
„Der kommende Tag—“ flüſterte der Major. Hat das Rudelchen ihn verſtanden? Er ſpricht auch gar ſo leiſe. Aber doch, doch, ſie wird ja wieder blutroth;— o wer weiß, wie das noch Alles kommen wird!
„Und nun, meine Freunde, höre man mir zu,“ nimmt Goethe, ſein Glas erhebend, das Wort.„Wem danken wir dieſe fröhliche Stunde? Wer hat die Miß⸗ ſtimmung, welche uns beſchlichen, in Heiterkeit ver⸗ wandelt? Blicken wir dankbar auf unſere Chriſtel und rufen wir nun aus: es lebe Euphroſyne!“
„Ja, ja,“ ruft Wieland,„Euphroſyne—
„Eine von den Grazien,“ fällt Herder ein,„ Frohſinn und Heiterkeit brachte.“
„Es lebe Euphroſyne!— Hoch Euphroſyne!“
Sehe nur Einer Chriſtel! Da liegt ſie weinend an der Bruſt ihres Herrn und Meiſters. Und wie das ſtill iſt überall. Nur die Ilm plätſchert, die Bäume flüſtern, die Nachtigall klagt, und darüberhin wirft der Mond ſeine Netze aus.
„Chriſtel dankt—“ flüſtert ſie nach einer langen Stille.
Drei Tropfen aus ſeinem Glaſe ſchüttet da Goethe auf ihr Haar:„Heiße fortan Euphroſyne!“
Die Wielandin klagt über kalte Füße; es ſei wohl Zeit zum Aufbruch, um nach den Kindern zu ſehen, äußert ſie gegen ihren Eheherrn. Aber deſſen Herz iſt ja wieder ſo warm, daß auch ſeine Füße warm ſind, und die Kinder, verſetzt er, behüte der liebe Gott.
„O nein, wir bleiben noch beiſammen,“ bittet Goethe.
„Und ich werde in meiner Erzählung fortfahren,“ ſpricht Chriſtel.
„Nicht doch, Euphroſyne, Du würdeſt ja nur be⸗ kannte Dinge erzählen können.“
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die
langen,
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