Novellen
„Schweig' ſtill, Chriſtel,“ ruft Corona,„Du willſt doch nicht Dein Leben erzählen?“ „Immerhin,“ ruft Goethe,„da haben wir ja etwas Heiteres.“ „Excellenz,“ ſcherzt Chriſtel,„ich bitte unter⸗ thänigſt, die Ruheſtörerin zur Ordnung zu rufen.“ Dann fährt ſie fort:„Das Kind war ein allerliebſtes kleines Weſen—“
„Und iſt es auch heute noch,“ ſchmunzelt Wieland.
„Und ward von Vater und Mutter ſehr geliebt. Schläge bekam es gar nicht und zu hungern brauchte es auch nicht, wie das bei Komödiantenkindern oft für nöthig gehalten wird; denn was es lernen mußte, lernte es ohne Schläge und ohne Hunger, weil es fabelhaft—“
„Klug war,“ fällt Wieland ein.
„Getroffen, Herr Hofrath. In Benloo— ob dieſe Rieſenſtadt auf der Landkarte zu finden iſt, weiß ich nicht— in Benloo alſo feierte die Kleine den fünften Geburtstag. Nun ward ſie Schauſpielerin— ohne Gage. Heute Engel, der vom Schnürboden herabgelaſſen wird, morgen Sclave des Höllenfürſten, der den Böſewicht bei den Haaren in die Unterwelt zieht. Außerdem lehrte ſie der Vater ſingen, ſprechen, tanzen, und dieſer beſte aller Väter ließ ſich keine Mühe verdrießen, denn jedenfalls merkte er ſchon da⸗ mals, daß ſein Kind einſt—“
„Eine große deutſche Schauſpielerin werde!“
„Abermals getroffen, Herr Hofrath! Ha, ha, ha, wie Sie mir die geheimſten Gedanken vom Auge abſehen!— Als Benloo— um einen Kunſtausdruck zu gebrauchen— gehörig„abgeklopft“ war, wanderten wir deutſchen Rosciuſſe weiter nach Adern, nach Tau⸗ chern, nach Pütte— o nicht wahr, alles bedeutende Plätze? Und wie es ſo gekommen iſt, ich weiß es ſelbſt nicht, genug, als ich eines Abends wieder ein⸗ mal vom Schnürboden herabgeflogen war, hörte ich, wie mein Vater ſagte: ⸗Freut euch, wir gehen nach Weimar⸗!“
Der Diener ſteckt den Kopf durch den Spalt: „Befehlen Excellenz den Kuchen und Wein?“
Wie Goethe eben bejahen wlll, ſchweift Chriſtel's Auge nach dem Fenſter, und in demſelben Momente ruft ſie auch ſchon aus:„Bitte, bitte, Herr Geheime⸗ rath, wollen wir nicht draußen auf das Wohl aller guten Seelen trinken? Glaſe perlt der Wein und der Mondſchein vergoldet ihn und dazu duften die Blumen und rauſchen die Bäume und ſingt die Nach⸗ tigall!“
„Kleine Schwärmerin,“ lächelt Goethe.
„O, ich ſinke in die Kniee und hebe bittend meine
„Jeitung.
„Seht die Schmeichelkatze! Wer könnte Dir etwas abſchlagen! Aber weißt Du denn, ob unſere Freunde damit einverſtanden ſind?“
Allſeitig erklärt man ſich gern bereit, das ſchwüle Zimmer gegen den luftigen Garten einzutauſchen, und zuerſt ſtimmen Wieland und Herder dafür, die ſich unter den Bäumen doch weit beſſer ausweichen können. Hurtig greifen die Frauen nach Tüchern und Schleiern, die Männer nach den Hüten, und paarweiſe ſchreitet man die Treppe hinab und ſo in den Garten. Goethe führt Chriſtel; doch bevor man ſich am Abhang nieder⸗ läßt, weiß ſie noch an Becker's Seite zu huſchen und ihm in's Obhr zu flüſtern:„Gieb Acht, Heinrich, er giebt gleich ſeine Einwilligung. Ich werd' es ſchon einzurichten wiſſen.“
Ein lieblicher Anblick! Goethe und Chriſtel in der Mitte, davor auf weißem Linnen die Nußtorte, Flaſchen und Gläſer, und ringsherum, wie ein Kranz um ein Bild, die Wieland's, Herder’s, Corona, das Rudelchen und Knebel. Und darüberhin gleitet der Mondenſtrahl und im Gebüſch ſchlägt eine Nachtigall. Selbſt füllt jetzt Goethe die Gläſer. In dieſer Stunde iſt er ein Anderer, nicht Miniſter und Hoftheater⸗ intendant, einzig nur der große Dichter. Und ſeinen Gedanken fliegen fort, hin in den Garten des Wit⸗ thums⸗Schlößchens, und er vernimmt wieder die Muſik des Glöckleins in der Tempelſpitze und den Klang, der aus dieſem Tempel dringt, darin der Champagner perlt, der Becher kreiſt, die Harfe ertönt, darin ſchöne Frauen ſich Roſen, Perlen und bunte Bänder durch das Haar ſchlingen und nur ein Ruf ertönt: Vive la joie!— Zuckt ein ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund? Flüſtert ſeine Lippe ein trauriges:„Vorüber, vorüber!“? Auffährt er da wie aus einem Traume— „Chriſtel, nun erzähle weiter!“
„Attention! Alſo die Bellomo'ſche Geſellſchaft war in Weimar, und als ich hier zu ihr ſtieß, war's natürlich mit dem fürſtlichen Liebhabertheater— vor⸗ bei! Bellomo ſagte mir gleich: Im Schloſſe ſpielt oft eine Corona Schröter, nun aber, da Du bei mir ſpielſt, wird nach deeſer gew ſen Schröter kein Hahn mehr krähen.“— Nicht, meine Herrſchaften, ich bleibe doch ſtets bei der Wahrheit und von mir können Sie doch Alle Beſchezoenheit lernen?“
„Wir kehren die Sache einfach um und dann haben wir die Wahrheit,“ ertönt es von allen Seiten. „Einerlei, und um Ihnen gefällig zu ſein, will
ich mich jetzt der Wahrheit befleißigen. Mein Vater trat zuerſt als Karl Moor, meine Mutter als Gräfin in„Jeannette“ auf, und ich— bedenken Sie dieſen Fortſchritt!— brauchte nicht mehr als Engel herab⸗
Hände auf!“
zuſchweben oder als Selave des Höllenfürſten aus


