Jahrgang 
27-52 (1867)
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oder an einem beſtimmten Platze innerhalb derſelben! Man hat oft von dem rohen niederen Volke im Schooß unſerer großen Städte, wenn es einmal aufſtünde und Herr würde, den Untergang der Civiliſation und eine allgemeine Zerſtö⸗ rung befürchtet: ich weiß nicht, ob dieſe Gefahr einer angeblich an unſer Thor pochenden Wildheit eine eingebildete iſt oder nicht, aber für Italien beſteht ſie ſicherlich nicht. Der Ver⸗ faſſer wohnte einmal einem Volksfeſte in der großen, von Napoleon erbauten Arena in Malland bei, die viele tauſend Menſchen faßt und an dieſem Tage bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die ungeheuere Menge war während der Tombola von den mannichfachſten wechſelnden Gefühlen be⸗ lebt: Neid, Freude, Spott, Jubel, Ueberraſchung u. ſ. w., undwie im Meere Well' auf Well' lief der Ausdruckder⸗ ſelben in Händeklatſchen, Ausrufen, Ziſchen, Gelächter durch die unabſehbar amphitheatraliſch ſich übereinander erheben⸗ den Reihen. Das Schauſpiel, das darauf folgte, war ſehr ſchön, den wunderbarſten Theil deſſelben aber bildete für den Fremden jene menſchlich heitere, mit angeborenem Tact ſich ſelbſt beherrſchende, von keiner Polizeigewalt gehütete Zuſchauer⸗ ſchaft. Hin und wieder, in langen Intervallen, ſtand ein un⸗ beweglicher granatiere mit der Flinte da, mehr zur Zierde als zur Abwehr das war Alles. Es war ſtockfinſter, als das Schauſpiel zu Ende ging und die Menge durch die Thore auswärts und zurückſtrömte. Aber auch die Nacht verleitete Niemand zu irgend einem Unfug, ſelbſt in dem Gedränge des Ausganges zu keinem jener Merkmale der Ungeduld, wie ſie ſich in ähnlichen Fällen, z. B. in Hamburg, in Geſtalt von Rippenſtößen oder Fauſtſchlägen dem Un⸗ glücklichen, der unter das Volk gerathen, kund thut. Und dieſe Mäßigung iſt nicht etwa Phlegma, denn der Italiener iſt im Vergleich mit dem lymphatiſchen Deutſchen ein em⸗ pfindlich reizbares, heißblütiges, heftig begehrendes und ver⸗ abſcheuendes Geſchöpf. Völlig fremd iſt ihm das deutſche Philiſterium, ganz undenkbar das Temperament jener phan⸗ taſieloſen und politiſch und religibs wohlmeinenden Söhne der Gewohnheit, die, mit allen Tugatben der Gewöhnlichkeit ausgeſtattet, ehrenwerth durch Mäßigkeit der Anſprüche, lang⸗ ſam in der Auffaſſung, ſich beſcheidend in dürftigem Aus⸗ kommen, die von den Vätern überkemmene Laſt bürgerlicher Vorurtheile mit rührender Geduld lang weiterſchleppen. Ebenſo iſt der Italiener durch Amt, Stand, Beſchäftigung zu einem bloßen Fragment gemacht, das nichts enthält, als was das ihm aufgedrückte Berufszeichen ausſagt. Solche verhockte, verſeſſene, verkümmerte, ſchief gewachſene, in Acten⸗ und Bücherſtaub verdorrte, in Handwerks⸗ und Ge⸗ werbsbanden verkrüppelte, verweichlichte halbe und Vier man in Italien nirgends. Der Geſchäft er wolle, bleibt immer ein voller und ganzer Menſch. Die Gründe für dieſe Erſcheinung ſind mannichfach. Zuerſt das milde Klima, der Aufenthalt im Freien, dann die mehr öffentliche Sitte, der ſociale Sinn. Die Kinder laufen faſt nackt herum, die Jugend verfließt faſt ganz auf der Straße; dem armen Bauer, dem gedrückten Pächter leuchtet doch auch die warme Winterſonne; Laſten trägt ſein Eſel für ihn; ſeine Kleidung iſt mehr ein loſer Umwurf, in dem die Glieder ſich frei bewegen; ſeine Frau iſt nicht in die hundert Binden und Tücher gewickelt, er ſelbſt nicht in die knöpfebeſetzten Hoſen und Wämſer und die ungeheuren Ledereylinder, Stiefel ge⸗ nannt, gezwäugt, wie Bauer und Bäuerin anderswo; Beide begraben ſich auch Nachts nicht in und unter die fürchterlichen Gänſefederbetten, in denen die Ausdünſtung ſteckt, Der

Novellen⸗Jeitung.

Schuſter, der Schneider, alle Handwerker arbeit n halb oder ganz auf der Straße, ſie nähren ihr Blut nicht mit der ver⸗ dorbenen Luft hinter blinden Scheiben in der Ofenhitze oder gar in Kellerwohnungen, wie ſo oft der unglückliche deutſche Zünftler. In den Gegenden freilich, wo Malaria herrſcht, da ſchwanken auch in Italien todtbleiche Menſchen umher. Die barbariſche Indianerſitte des Rauchens hat in Italien freilich ſehr um ſich gegriffen, wird aber wieder durch das Leben im Freien erträglicher gemacht; die häßliche Verirrung des Tabakſchnupfens, wie es ſcheint, aus Spanien einge⸗ ſchleppt, iſt aber bis auf die Dörfer hin verbreitet und ein Tribut, den auch Italien moderner Culturbarbarei zollt. Da es in dem Lande noch wenig Fabriken und keine Kohlen⸗ minen giebt, ſo fehlen auch die Fabrikſclaven und die eng⸗ liſchen Kohlenarbeiter unter der Erde, dieſe Repräſentanten tieffter Entwürdigung unſeres Geſchlechts. Wie in allen ramani ſchen Landen, ſind ſich auch in Italien alle Stände nahe gerückt und durch gleichen Anſtand verbunden: der Officier und der Gemeine ſitzen in demſelben Kaffeehauſe an demſelben Tiſche; der Signore und ſein Gärtner leeren ge⸗ meinſam in der Laube ihre Bottiglia; der Untergebene ſpricht höflich, doch nicht unterwürfig und kriechend mit dem Oberen;

der Bauer, wenn er auch oft einen durchdringenden Knob-

lauchgeruch um ſich verbreitet, die arme Strohflechterin oder Seidenſpinnerin, wenn ſie auch arg von der Sonne gebräunt iſt, bewegen doch die Arme und neigen das Haupt ſo vor⸗ nehm, daß der Herr Fürſt von Schwarzenſtein, die Frau Gräfin von Eichenfels und die Baronin von Falkenburg, für ſo viel ſie ſich auch in ihrem Lande halten, gewiß von ihnen lernen könnten. Umgekehrt benehmen ſich auch wieder die höheren Stände gegen die niederen mit einer Achtung und Zartheit, die nichts mit dem anderswo gebräuchlichen ſchroffen, Uebermuth gemein hat. Zu alle dem, bei dem natürlichen Reichthum des Landes, die geringere Arbeit überhaupt, die zum Unterhalt der Menſchen nöthig iſt, die vielen Feſte, das Pfaffenregiment mitſeiner Maxime:leben undleben laſſen, die leichte Pflanzenkoſt, der heitere Sinn, der, wie ſchon Goethe bemerkt, über Weinländern in der Luft zu ſchweben ſcheint u. ſ. w. Hier krümmt ſich der Menſch nicht unter der Peitſche der Noth, die im nordiſchen Winter einen Theil der Bevölkerung häßlich und blöde macht. Faulheit iſt dem Italiener noch erlaubt und die gütige Göttin erhält ihm ſeine Geſundheit. 6.

* Gnizot's jugendliche Zuhürer. Laßt uns gegen vier Uhr in Guizot's Studirzimmer eintreten, wenn er die Vorleſungen über Geſchichte beginnt, die er wöchentlich zweimal ſeinen Enkeln giebt. Die Vor⸗ leſung dauert eine halbe Stunde. Vor ſeinem Schreibepulte ſitzend, wendet der Großvater ſich an den jugendlichen Zu⸗ hörerkreis, der ſich vor ihm niedergelaſſen hat. Auf allen dieſen kleinen Geſichtern malt ſich Aufmerkſamkeit, Achtung und fröhliches Vertrauen. Er wiederholt in wenig Worten den Inhalt der letzten Vorleſung und die Kinder antworten in der Regel beinahe immer ohne Zögern auf die an ſie ge⸗ richteten Fragen. Derſelbe Redner, deſſen mächtige Stimme die Aufmerkſamkeit eines enthuſiaſtiſchen Publicums in dem großen Amphitheater der Sorbonne zu feſſeln, oder die Unter⸗ brechungen einer ſtürmiſchen politiſchen Verſammlung zu beruhigen verſtand, läßt ſich dann zu der Einſicht ſeiner ju⸗ gendlichen Zuhörer herab und zeichnet die Ereigniſſe und beſonders den Geiſt der Ereigniſſe unſerer Zeit deutlich,

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