Vierte Solge.
ſchnell und in einer ergreifenden Weiſe; und damit vermiſcht er elegant erzählte Auszüge, die er aus den Memoiren des Zeitraums, den er eben verhandelt, vorlieſt. Es iſt eine reizende Vorleſung und wir haben derſelben nie beigewohnt, ohne zu wünſchen, dieſe Geſchichte Frankreichs, von einem Großvater ſeinen Enkeln erzählt, möchte für das Publicum nicht verloren gehen. Iſt das nicht ein reizendes Gemälde, welches„Plutarchs Lebensbeſchreibungen“ entlehnt zu ſein ſcheint, wenn er von alten Römern erzählt, welche mit allen öffentlichen Ehren gekrönt worden waren und die den Abend ihres Lebens der Aufgabe widmeten, patriotiſche Bürger für den Dienſt des Vaterlandes zu erziehen? C.
Das Schuldgefüngniß in Clichy
iſt geſchloſſen, aber die früheren Beamten darin wiſſen manches Intereſſante von den ehemaligen Inſaſſen deſſelben, die allen Ländern angehörten, zu erzählen. So fand ſich in demſelben ein reicher Ausländer darin, der ſich täglich ſein Diner für vierzig Franken aus dem Café de Paris bringen ließ. Er blieb vier Monate lang Gefangener, ob⸗ gleich er reich genug war, um ſeine Schulden zu bezahlen und ſeine Freiheit zu erlangen, aber es war ſein Wunſch, zu bleiben, wo er war. Ein anderer Schuldgefangener— es war ein Engländer— hatte geſchworen, obwohl er unermeß⸗ lich reich war, ſeinen Gläubiger nie zu bezahlen. Der Gläubiger erklärte ſeinerſeits, er würde ihn in Clichy einge⸗ ſperrt halten, ſo lange er könne; und er unterhielt ihn acht Jahre dort. Man konnte die Equipage des engliſchen Mil⸗ lionärs jeden Tag in dem Boulogner Wäldchen oder auf den Champs Elyſées fahren ſehen, als ob der Eigenthümer der⸗ ſelben ſeine gewohnte Spazierfahrt mache. In Betreff dieſes ſonderbaren Verfahrens hatte er ganz beſtimmte Befehle ge⸗ geben. Nach ſeinem Tode fand ſich in ſeinem Teſtamente eine Clauſel, welche ſeinen Erben verbot, je die Forderung jenes Gläubigers zu bezahlen, der ihn acht Jahre lang hatte in Clichy einſperren laſſen.
Ein ganz anderer Fall war der eines Herrn S., eines Mathematikers und Mechanikers, der ſich zu Grunde richtete, indem er fortwährend Verſuche machte, ein Perpetuum mobile Pin en Dieſer Mann dachte blos auf Mittel, um ſeine
reiheit wieder zu erlangen, zu welchem Zweck er ſich der fol⸗
genden Liſt bediente. Er erfuhr, daß der Gläubiger, der ihn
gefangen hielt, ſich auf das Land zurückgezogen hatte, wo er nur ein einziges Journal hielt, das er vom Anfang bis zum Ende las. In dieſes Journal ließ Hr. S. die Anzeige ſeines im Schuldgefängniſſe erfolgten Todes einrücken und in Folge deſſen vernachläſſigte der Gläubiger, bei dem Termin die Unterhaltungskoſten für ſeinen Schuldner zu bezahlen, und eine halbe Stunde nach Ablauf dieſer Friſt war der Schuldner ein freier Mann. C.
Misrellen.
In einem frommen Verein erzählte eine würdige Dame von einem bemitleidenswerthen Knaben, deſſen Vater ein Trunkenbold und deſſen Mutter eine Wittwe ſei.— r.
Bei einem Negerball in Amerika war auf den Eintritts⸗ karten bemerkt:
„Es wird kein Gentleman zugelaſſen, der nicht ſelbſt kommt.“ r.
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Bei Gelegenheit eines pädagogiſchen Vortrags redete der Sprecher die Zuhörer an:„Ihr hier verſammelten Eltern habt wohl alle ſelbſt Kinder, oder wenn Ihr keine habt, ſo
haben doch eure Töchter welche.“— r.
Die Gewohnheit des Betens iſt ein Zaum. Einige böſe Knaben verſuchten einen ihrer Schulcameraden zu überreden, mit ihnen die Schule zu ſchwänzen, aber er ſagte:
„Nein, nein, ich kann nicht.“
„Weshalb denn nicht?“ fragten ſie.
„Weshalb?“ antwortete der Knabe,„weil ich, wenn ich es thäte, es dieſen Abend in meinem Gebete auf den Knieen meiner Mutter Gott geſtehen müßte.“
„Ja, dann,“ ſagten ſie,„thuſt Du freilich wohl daran, nicht mit uns zu gehen.“
Böſe Knaben erwarten von Cameraden, welche beſſer erzogen werden, als ſie ſelbſt, etwas Beſſeres, als ſie ſelbſt thun können. Aber man ſieht, welch ein Zügel die Gewohn⸗ heit des Lebens für ein Kind ſein kann.
Ein alter Herr ſagte kürzlich:„Ich betreibe mein Geſchäft nun ſeit ſieben und vierzig Jahren und kann ſagen, was nach einer ſolchen Erfahrung ſicher nur Wenige ſagen können; während dieſer ganzen Zeit, mein Freund, täuſchte ich nur einen einzigen meiner Gläubiger.“
„O Himmel! was für ein Beiſpiel für unſere junge Kaufmannswelt!“ entgegnete die angeredete Perſon;„wie ſehr iſt es zu beklagen, daß ſich der Fall doch einmal ereig⸗ nete! Wie ging das zu?“
„Nun,“ entgegnete der alte Herr,„ich bezahlte die Schuld, als ſie fällig war, und ich ſah in meinem Leben nie einen Mann, der ſo verwundert war, wie jener Gläubiger es war.“
Vom deutſchen Züchermark.
Erheiterungen. Herausgegeben von Mylius. Stuttgart, bei Carl Müller. 1867.
Dieſe„Hausbibliothek der Unterhaltung und Belehrung für Leſer aller Stände“ exiſtirt bereits ſeit 38 Jahren und bringt für 4 Thlr. jährlich 24 Hefte, die meiſt einer ſpannenden novelliſtiſchen Lectüre, aber auch wiſſenſchaftlichen Fragen zu populärer Behandlung gewidmet ſind.
Der Herausgeber iſt ſelbſt als gewandter und ungemein thätiger Erzähler bekannt und ſorgt dafür, von ähnlichen Mitarbeitern unterſtützt zu werden. O. B.
Otfrid
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Max der Zweite. Von J. M. Söltl. Augsburg, Schloſſer's Verlag. 1867.
Ein Bild des unvergeßlichen, zu früh verſtorbenen Königs Maximilian von Bayern, der es mit ganzer Seele anſtrebte, ſein Volk mit Weisheit und Gerechtigkeit zu regieren, wird in dieſer ziemlich ausführlichen und anſpruchslos hiſtoriſchen Faſſung nicht nur allen Bayern, ſondern auch jedem gebildeten Deutſchen eine willkommene Gabe ſein. Die deutſche Kunſt, Wiſſenſchaft, Literatur und Cultur im Allgemeinen haben den beiden bayriſchen Königen Ludwig und Max viel mehr folgereiche Actionen zu danken, als bisher im Zeitbewußtſein klar geworden ſind. Die Geſchichte wird darüber nach Jahrhunderten noch manch' erlkuchtendes Wort ſprechen. O. B.


