—
Vierte
Geſellſchaft ſich darſtellen ſieht, erhält durchaus den Eindruck einer ganzen und unmittelbaren Exiſtenz, deren Aeußerungen ſich in natürlichem Fluſſe nothwendig und leicht vollziehen— ſowohl geiſtig als leiblich. Er ſelbſt, der Sohn des Nordens, iſt ein ſo ſchwankendes, gebrochenes Geſchöpf: Dämmerſchein des Bewußtſeins reicht bei ihm bis in die Tiefen, wo die Gefühle, die Entſchlüſſe geboren werden, und kränkelt ihnen im erſten Keime Bläſſe und Unbeſtimmtheit an; bald ergiebt ſich ein Ueberſchuß des Geiſtes, wo allein organiſche Function ſich vollziehen ſollte; bald iſt ein Glied, eine Muskelbewe⸗ gung, ein Geſichtszug von der Seele gleichſam nicht durch⸗ leuchtet, von ihr unabhängig, alſo eckig, roh, plump, mecha⸗ niſch; bald endlich iſt der ganze Apparat von Anfang an zu grob conſtruirt und reagirt gegen die Reize der Welt zu lang⸗ ſam, oder gehorcht den Regungen des Gehirns nur ſpät und gleichſam widerwillig. Anders bei dem Menſchen ſüdlich der Alpen, dem Italiener. Seine Erſcheinung drückt eine Geiſtes⸗ und Empfindungsfülle aus, die bei Bildung des organiſchen Leibes in ihrem Erguß nicht aufgehalten worden, ſondern ſich volles, ſinnliches Formdaſein gegeben hat. Der phyſiognomiſche Typus iſt edel; alles eigentlich Brutale iſt getilgt und tritt nie, auch in unbewachten Augenblicken nicht, wieder hervor. Man vergleiche die Bildniſſe Tizians mit den gleichzeitigen Holbeins, oder das große, an Porträtfiguren reiche Gemälde von Bonifazio: Uebergabe der Schlüſſel von Verona an den Dogen von Venedig— mit der Zuſammen⸗ ſtellung von Reformatoren und ihren Zeitgenoſſen bei Lucas Cranach: dort die prächtigſten Charakterköpfe, hier lauter treue, viereckige Doggengeſichter. Wären die Modelle zu den beiden Mädchenköpfen von Riedel in der Münchener neuen Pinakothek wohl in Deutſchland zu finden geweſen? Das italieniſche Knochengerüſt iſt feiner, als das deutſche;
reineres Gleichgewicht trägt jeden Theil; elektriſch, blitzartig V
zuckt jede Lebensregung, jede Gemüthsaffectation durch das bilden. Hier iſt die Heimath ſammengelaufenem engliſchen mob und beider Benehmen
Nervennetz und die Muskelfaſer.
ſchöner Geſangſtimmen, ein Zeichen edler Organiſation. Die z. B. bei öffentlichen Hinrichtungen.
zu tragen, wie hier.
Folge. 573 edler Simplicität aufzuſtecken, als in Italien, nirgends der Mann den Mantel umzuwerfen, die Lumpen ſelbſt mit Stolz Man ſehe dort die Gruppe Männer auf dem Markte, tief verhüllt, mit ſpitzen Hüten auf dem Haupt, ernſt und ſchwarz, halblaut Worte austauſchend— ob es nicht Römer des Forums ſein könnten, ehrfurchtge⸗ bietende Senatoren, Republikaner in der Verſchwörung? Dort die Mädchen nach dürftiger Muſik unter freiem Himmel auf ſtaubiger Landſtraße tanzend— welche Grazie, welches Maß, Bacchantinnen, Nymphen, direct aus einem antiken Basrelief in die Wirklichkeit verſetzt, mit demſelben Falten⸗ wurf, demſelben Schwung der Linien, der Säume und Ge⸗ wänder. Dort die andern, unten am Bache waſchend, ihre bunten Tücher am Geſträuch aufhängend— ein reizendes Gewimmel von Farben, Beugungen und Neigungen der ſchlanken Leiber, fröhlichem Gelächter und wiederſpielenden Schatten! Das alte Weib dort, dürr, quittengelb, mit ſpitzen Zügen, Runzeln in der pergamentartigen Haut und ſtruppigem Haar— wie iſt ſie bei aller Häßlichkeit doch ſo charakteriſtiſch, eine ächte Hexe, die man gleich auf die Leinwand bannen möchte! In der Schenke hier, wie luſtig iſt der Weinrauſch, wie voll launiger Poſſen, auch voll heftiger Leidenſchaften, aber alles Andere eher, als roh und gemein. Ueber einen eigentlich Trunkenen, wenn ein ſolcher ſich finden ſollte,— es wird in den meiſten Fällen ein eingewanderter Handwerks⸗ burſch oder ein abgedankter Schweizerſoldat ſein— lacht Niemand; Jeder wendet ſich entrüſtet weg und macht ſeinem Ekel mit einem puh! oder brutto! Luft. Man vergleiche italieniſche Volkskomik, die hier altheimiſche und je nach den Landſchaften in eigener Geſtalt auftretende Poſſe mit eng— liſchen populären Schauſpielen, wo auf der Bühne Prügel und Beſoffenheit den Nerv des Humors abgeben, indeß vom Zuſchauerraum Wiehern, Grunzen und Heulen das Echo Man vergleiche italieniſches Volksgedränge mit zu⸗
Daß die vielen Volks⸗
Rede iſt tactvoll, das Verſtändniß ſchnell, das Benehmen an⸗ ſchulen in Preußen, wo jeder Dorftölpel außer Leſen und gemeſſen, Haltung und Anſtand von angeborener, ungeſuchter Schreiben auch noch ein Schock Bibelſprüche auswendig gelernt
Würde. Der Geringſte aus dem Volke braucht Wendungen, bewegt ſich in Formen, faßt ſich mit einer Geiſtesgegenwart, daß der ſchwerfällige deutſche Gelehrte, dem Vieles gegeben iſt, nur nicht der feine Sinn für Tact und Darſtellung, den Kopf ſchüttelt und wohl auch hin und wieder, ohne es ſich geſtehen zu wollen, von dem beſchämenden Gefühl der eigenen Inferiorität beſchlichen wird. Man richte dagegen z. B. an den hannöverſchen Häusling eine Frage: es vergehen Minu⸗ ten, bis das Wort an ſein Gehirn gelangt, dort die nöthigen Veränderungen bewirkt und dann gewöhnlich als ein langge⸗ dehntes„Kannitverſtan“ oder als Gegenfrage wieder zurück⸗ kommt. Nicht blos ſeine Geiſtesoperationen gehen langſam von ſtatten, auch die begleitenden Geberden tragen die Spuren der Arbeit, erſcheinen wie Druck, Schlag, Schub, Zug oder wie von der Gravitation niedergezogen. In Italien aber ſtellt ſich der Bettler ſelbſt als ein König im Elend dar; nachläſſig hingegoſſen ſitzt in reinen Sculptur⸗
ſangereiſten jungen Laffen aus
hat, nicht ſchon menſchliche Bildung geben und den Kern dieſer nordigen Sandſteppenbewohner, über die der Freiherr v. Stein ſo ungünſtig urtheilte, erweichen, haben zahlreiche Gelegenheiten, wo officielle Schauſtellungen oder populäre Feſte die Bevölkerung auf die Straßen lockten, ſelbſt in der Hauptſtadt bewieſen. Nirgends aber offenbart ſich die Lie⸗ benswürdigkeit und Humanität des italieniſchen Volkes ſchö⸗ ner, als bei öffentlichen Feſten, wo Tauſende zuſam⸗ menſtrö ganz ſich ſelbſt und ihrem eigenen Anſtands⸗ gefühl überlaſſen ſind. Im römiſchen Carneval— wenn er noch einmal zu Stande kommt— geht unter den dichten Maſſen Scherz und Ausgelaſſenheit aller Art und in aller Geſtalt um; den Nächſten zu foppen, den Achtloſen zu über⸗ raſchen iſt die Loſung eines Jeden, und doch— wird auch nur eine Scheibe zerſchlagen, eine Dame gekränkt, wird ein Unmaß oder eine Ungebühr begangen, als etwa von einem Großbritannien? Und ver⸗
linien das Mädchen auf dem abgebrochenen Säulenſtück am ſpottet ſich nicht Jeder zugleich ſelbſt mit, mit echtem Humor,
Wege z ſinnend ruht der klare Blick des am Stabe gebogenen Hirtenjünglings auf der Ferne; in einfältiger Majeſtät ſchreitet die Frau mit dem Säugling im Korbe auf dem Haupt; trotzig ſteht der junge Burſche da, beide Hände in den Gürtel geſteckt: lauter herrliche Heldengeſtalten, Bilder aus dem Alterthume und ſeiner Kunſt. In keinem Lande
wiſſen die Frauen des nana i Haar ſo reizend, mit ſo Capelle, außer der
geborene Schönheitsſinn ſchmückt und ordnet überall Feſte, ſeien es Kirchenfeierlichkeiten oder ein Feuerwerk oder
und giebt komiſch ſein Ernſtes und Heiligſtes preis, im Be⸗
wußtſein, daß es ihm doch unverlierbar iſt? Und welcher an⸗ dieſe
wie das von Genzano, der Thiere, um die Springbrunnen, bei einer
Stadt oder an einem beſtimmten Tage,
ein Feſt der Blumen, eines Madonnenbildes,


