Jahrgang 
27-52 (1867)
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Sttadttheil der Erde gleich machen, thun nichts Uebles um

Vierte Solge.

Feui In den Ruinen.*)

Ich hatte eine weniger lange, aber gefährlichere Reiſe unternommen, als eine Reiſe um unſere Erdkugel; ich ging nämlich aus der Paſſage Choiſeul durch die Moulins nach dem Théätre français. Auf der Hälfte des Weges begriff ich, daß ich mich in eine allgemeine Zerſtörung verirrt hatte, aber es war faſt eine eben ſo große Unvorſichtigkeit, zurück⸗ zuweichen, als voranzugehen oder zu bleiben. Vor mir, hinter mir, zur Rechten, zur Linken, überall ſtürzten Mauern mit einem donnerähnlichen Krachen zuſammen, Staubwolken verdunkelten den Himmel, die Arbeiter ſchrieen: Vorgeſehen! indem ſie lange Latten ſchwangen; die mit den Trümmern

beladenen Wagen bahnten ſich durch die kothigen Thäler

Zzwiſchen den Bergen von Gyps einen Weg; die Erde zitterte; es regnete Bruch⸗ und Ziegelſteine.

Ein Maurer hatte Mitleid mit meiner gefährlichen Lage; er zog mich aus dem Gedränge heraus und brachte mich unter eine gewölbte Einfahrt, wo die Arbeit für einen Augenblick eingeſtellt war, in Sicherheit. Mein Zufluchtsort befand ſich an der Grenze des zum Abbruch verdammten Stadttheils; hinter mir war der Weg frei; nichts verhin⸗ derte mich, meinem Geſchäfte nachzugehen; dennoch blieb ich, eine geheime Anziehungskraft hielt mich zurück. Die Maul⸗ affen ſiud nicht nothwendigerweiſe einfältig; die ächteſten Pariſer finden an den kleinen Schauſpielen auf der Straße Vergnügen, und ich hatte ein ganz großes vor Augen. Keine Anſtrengung der menſchlichen Thätigkeit ſollte dem Menſchen gleichgültig ſein; die Arbeit der Demolirer iſt eine der ergreifendſten, weil ihr augenblickliche Erfolge ſicher ſind; man zerſtört weit ſchneller, als man baut. Die Maurer, deren beſondere Aufgabe das Niederreißen von Häuſern iſt, ſcheinen weit thätiger und hitziger, als die andern zu ſein; man beobachte ſie nur, und man wird auf ihren mit Staub bedeckten Geſichtern den Ausdruck eines wilden Stolzes und einer ſataniſchen Freude leſen. Sie ſchreien vor Freude und vor Stolz, wenn ſie in einer Viertelminute eine Mauer zur Ruine machen, die zu erbauen zwei Monate erforderlich waren. Ich weiß nicht, welche innere Stimme ihnen ſagt, daß ſie Nachahmer der großen Geißeln, Nebenbuhler des Blitzes, der Feuersbrünſte und des Krieges ſind.

Ich bekenne mich nicht zum Cultus der Geißeln; die nutzloſe Zerſtörung macht mir Schrecken, und wenn ich ſtill ſtände, um ſie zu bewundern, würde ich glauben, daß meine Augen ſich dadurch zu Mitſchuldigen machten. Aber Die⸗ jenigen, welche einen alten ſchmutzigen und ungeſunden

des Uebels willen. Sie ebnen den Boden, um für beſſere und ſchönere Gebäude Platz zu machen. Wie die großen Zertrümmerer des achtzehnten Jahrhunderts, welche in dem

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Lleton.

menſchlichen Geiſte tabula rasa machten, bewundere ich ſie und ſchenke ich dieſer ſchöpferiſchen Zerſtörung Beifall.

Bei dem erſten Anblick, ich geſtehe das zu, iſt dieſe Arbeit grauſam. Der ganze Stadttheil war nicht glänzend, nicht bequem, aber er war bewohnt. Dieſe Häuſer, welche zu Hunderten zuſammenſtürzen, dienten gut oder ſchlecht einigen Tauſenden von Individuen zur Wohnung; man hat geſchwitzt und ſich angeſtrengt, um ſie zu erbauen; ſie hätten noch ein oder ein paar Jahrhunderte dauern können. Ehe ein Monat um iſt, werden die ganze Arbeit, die ſie vertraten, alle Dienſte, die ſie noch hätten leiſten können, vernichtet ſein; von ihnen wird nichts weiter, als der nackte Boden bleiben.

Wenn aber der bloße, aufgeräumte, ebengemachte Boden für ſich allein mehr Werth hätte, als mit allen Häuſern, die ſich auf ihm zuſammendrängten, ſo würde ſich daraus ergeben, daß die Zerſtörer ihm mehr geben, als ſie ihm nehmen, und daß ſie ihn bereichern, indem ſie ihn berauben. Iſt das möglich? Es iſt gewiß. Wenn man dieſe Trümmer aufgeräumt, dieſe Hügel fortgeſchafft, ein Viertel des Grund und Bodens für breite, gerade Straßen wegge⸗ nommen haben wird, ſo wird der Reſt theurer verkauft werden, als man das Ganze bezahlt hat; die drei Viertel des Grundes und Bodens werden einen höhern Werth haben, als alle Gebäude, welche früher darauf ſtanden. Weshalb? Weil die großen Städte bei dem jetzigen Zuſtande der Civili⸗ ſation nichts weiter ſind, als Anhäufungen zuſammenge⸗ preßter Menſchen; man kommt dahin, um zu erzeugen, auszutauſchen, um zu genießen, zu erſcheinen; man iſt durch die Zeit gedrängt; man erträgt weder einen Aufſchub, noch ein Hinderniß; die allgemeine Ungeduld bezahlt die am leichteſten zugänglichen Lagen, die, wie man ſagt, Allem nah ſind, mit den höchſten Preiſen. Die Hinderniſſe, die Durch⸗ fahrten, die Treppen, die Straßenecken vervierfachen nun die Entfernungen und verſchleudern Jedermann die Zeit, ohne Jemandem zu nützen; eine gerade, breite und gut fortlaufende Straße nähert zwei Puncte, welche uns eine Stunde weit voneinander entfernt ſchienen, einander und bringt ſie, ſo zu ſagen, miteinander in Berührung. Wer wird nun in den großen Pariſer Straßen wohnen? Die Induſtriellen und die Kaufleute finden ihre Rechnung dabei, ſich da nieder⸗ zulaſſen, wo die Cireulation am größten iſt; die Müßig⸗ gänger unſerer Epoche haben die Gewohnheit und das Bedürfniß, ohne Mühe und Aufenthalt dahin zu gehen, wohin das Vergnügen ſie ruft. Diejenigen, welche Millionen ausgeben, können nur in einer Avenue mit einer breiten Fahrſtraße ihre Wohnung nehmen; diejenigen, welche die Millionen gewinnen, können ihre Läden nur in Straßen eröffnen, in denen die Equipagen fahren. In dieſer Art erklärt ſich der höhere Werth, den eine dem Anſcheine nach

») Wir entnehmen dieſe von Edmond About geſchriebene Skizze demParis guide, welcher jetzt zu Ehren der großen internationalen Ausſtellung im Verlag von Lacroix, Verboeckhoven & Co. erſchienen iſt und zu dem die Sommitäten der franzö⸗ ſiſchen Literatur ihre Beiträge geliefert haben. Die Ausſtellung mag möglicherweiſe Fiasco machen, der Paris guide wird es

ſicher nicht.

lange Zeit vegetirt hat;

brutale Zerſtörung den niedergeriſſenen Stadttheilen verleiht.

Zur Unterſtützung dieſer meiner Behauptung exinnerte ich mich an dieſe engen, unreinlichen, ungeſunden Straßen ohne Luft und Licht, in denen eine elende Bevölkerung dann richtaze ich meinen Blick auf die Zukunft und ich ſtellte mir dieſe Straße oder dieſe Avenue vor, welche das neu hergeſtellte Théätre français