Jahrgang 
27-52 (1867)
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Es iſt ſehr ſchwer, dieſe und ähnliche Lieder noch bei weitem beſſer in die moderne Sprache zu übertragen, als es hier geſchehen. Gerade unſere alt⸗ deutſchen Gedichte ſind bei ſolcher Arbeit oft am ſprödeſten: mit Recht entſchließt man ſich ungern, Wörter und Satzbildungen, wie es Reim und Rhyth⸗ mus oft nöthig machen würden, daran weſentlich zu ändern, und außerdem iſt der Sprachgenius ein ſo anderer geworden, daß ſich manche Gefühle, Gedanken und Stimmungen ſelbſt dann nicht wiedergeben laſſen würden, wenn ſich zu jenen freien Umänderungen Muth und Meiſterſchaft fänden. Eine andere Ballade von Neidhard von Reuenthal(1250 geſtorben), der freilich nicht die Poeſie des Kürenbergers beſaß, giebt dagegen viel Zeitſitte und Stimmung.

Die Bauerfrau und ihre Tochter.

Nun iſt der kühle Winter gar zergangen, Die Nacht iſt kurz, der Tag beginnt zu langen: Uns kommt die wonnigliche Zeit, Die Freude aller Welt verleiht; Die Vögel ſangen nie ſo luſtig weit und breit.

Gekommen iſt uns lichte Augenweide, Der Roſen wunderviel ſind auf der Haide, Die Blumen dringen durch das Gras; Vom Thaue war die Wieſe naß, Wo mir mein Geſell zum Kranze Blumen las.

Der Wald hat ſeiner greiſen Tracht vergeſſen, Der Mai iſt auf dem grünen Zweig geſeſſen, Gemwonnen hat er Laubes viel. Nun ſchmück' Dich bald, mein traut Geſpiel: Du weißt, daß ich dahin mit einem Ritter will.

Die Mutter hörte das und wollt' es rügen: Nun laß hinfort Dein Leugnen und Dein Lügen, Dein Leichtſinn iſt zu offenbar. Wind ein Kränzlein um Dein Haar, Denn ohne Feierkleider mußt Du zu der Schaar.

Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen, Daß ich euch ſollt' um meine Kleider flehen,

Davon ihr keinen Faden ſpannt? Stellt ſolchen Lärmen ein zuhand. 3 Wo iſt der Schlüſſel? Schließt mir auf die Leinewand.

Das Linnen war in einen Schrein verſperret, Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret, 4 Die Alte ſah's nicht mehr hernach, Als das Kind die Kiſte brach, Verſtummt war ihre Zunge, daß ſie nicht mehr ſprach.

Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten: Es war gelegt in viele kleine Falten, IZhr Gürtel war ein Riemen ſchmal, Hin zu dem von Reuenthal

Warf die ſtolze Magd den bunten Federball. Dieſes Gedicht beweiſt, wie ſo viele aus da⸗

NovellenZeitung.

ſtändniß ſchon die deutſchen Dichter jener Zeit das Weſen der Balladen beachtet und ſicherlich dabei viel ältere, längſt verlorene Volkslieder zum Vorbilde ge⸗ habt haben. Es möge hier noch ein anderes Lied, ein reflectirendes Minnegedicht von Ulrich von Lichten⸗ ſtein, der durch ſeine verzweifelte Liebestreue ſo be⸗ kannt geworden iſt, folgen:

Stete Liebe.

In dem lüfteſüßen Maien, Wenn der Wald ſein Kleid erneut, Lieblich eilt ſich da zu zweien, Was ſich nur der Liebe freut,

Und iſt mit einander froh: Das iſt recht, die Zeit will's ſo.

Wo ſich Lieb' zu Liebe zweiet, Hohen Muth giebt Liebesluſt, Immerdar mit Freuden maiet Es in dieſer beiden Bruſt. Trauer iſt der Liebe feind, Wo ſich Lieb mit Lieb vereint..

Wo ſich zwei Geliebten einen Ohne Wank in ſteter Treu Und ſich beide ſo vereinen, Daß die Lieb iſt immer neu,

Die will Gott zuſammengeben Auf ein wonnigliches Leben.

Stete Freude heißet Minne, Freud' iſt Minne ganz allein, Die mag ich in meinem Sinne Machen nimmermehr zu zwei'n:

Freude muß mir Minne ſein Immer in dem Herzen mein.

Wo ein ſtetes Herz mag finden Stete Liebe, ſteten Muth, All ſein Trauern muß ihm ſchwinden: Stete Liebe iſt ſo gut, Daß ſie ſtete Freude leiht Steten Herzen allezeit.

Wo ich ſtete Liebe fände, Alſo ſtete wollt' ich ſein, Daß ich mit ihr überwände Immerdar die Sorge mein. Stete Liebe ſei mein Kauf, Die unſtete geb' ich auf.

In gewiſſem Sinne nicht minder intereſſant ſind für den Laien, der zu weiteren Studien keine Zeit findet, die mehr dem Beſchaulichen, Religiöſen ge⸗ widmeten Lieder der Mittelzeit von 1300 1700, wo namentlich in dem letzten Jabrhundert der finſtere Alp der ernſteſten Völkergeſchicke über Deutſchland brütete und das friſche Mark des Lebens von dem

maliger Zeit(13. Jahrh.), mit welchem Kunſtver⸗

großen Kriege erſchöpft war.