Dierte Holge.
Der in den Bäumen Flüſtert ſo lind— Dann aber treibt'’s mich Vom Lager geſchwind,
Laut jauchzend die blumige Flur ich durchſpring',
Und aus voller Kehle
Mein Lied ich ſing',
Und die Vöglein fallen Laut ſchmetternd ein,
O du jauchzendes, duftendes Frühlingsfein!
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Lieder des deutſchen Adels. Brandenburg, bei Wieſike.
Mit Recht wird Ihnen die Tendenz dieſer Samm⸗ lung, die bei den alten Minneſängern anfängt und mit der neuen Zeit endet, ziemlich indifferent und fraglich erſcheinen, denn man iſt wohl mit Hülfe einiger Aufklärung über das Vorurtheil hinwegge⸗ kommen, daß es eine Bedeutung habe, ob ein Dichter aus den adligen oder bürgerlichen Kreiſen hervor⸗ gegangen. Die Welt iſt davon überzeugt, daß auch aus dem Adel ſehr gebildete, für den Genius der Nation leuchtend zeugende Geiſter hervorgegangen ſind, und der Entwickelungsgang der Geſchichte be⸗ weiſt und brachte es mit ſich, daß dies namentlich in der früheſten und neueſten Zeit geſchah. Immerhin mag es einiges Intereſſe haben, ein Namensregiſter mit Proben aufgeſchlagen zu ſehen, das zwar weder eine ſtrenge Wahl, noch eine Vollſtändigkeit bekundet, ohne Frage aber eine verhältnißmäßige Quantität, Qualität und Vielfältigkeit darſtellen würde, wenn es in Vergleich geſtellt werden könnte mit einer„Lieder⸗ ſammlung bürgerlicher Dichter von der älteſten bis zur neueſten Zeit“. Ein ſoches Buch exiſtirt aller⸗ dings noch nicht und es wäre überflüſſig genug, dies dickbauchige Exemplar zu unternehmen.
Namentlich für die Periode der Minneſänger, in welcher die Intelligenz weſentlich auf Seiten der Geiſtlichkeit und Ritterſchaft war, gewährt das vor⸗ ſtehende Werk den weiteren Kreiſen der Laien eine ganz angenehme Ueberſicht. Nicht allen ſind gleich in moderner Sprachbearbeitung die lyriſchen Gedichte alter Poeten, namentlich der Epenſänger, zur Haud.
Ich will hier drei Lieder von Kürenberg au⸗
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ziehen, der in der Gegenwart, durch die kritiſche An⸗
nahme, welche ihn zum wahrſcheinlichen Verfaſſer des
Nibelungenliedes macht,
V
V V V
V Intereſſe gewann.
Bitte.
Der Stern, der verdunkelt Und birgt den Leuten ſich; So thu Du, ſchöne Fraue, Siehſt Du bei Leuten mich: Dann laß Deine Augen An einen Andern gehn. Unſer zweier Minne Mag ſich da Niemand verſehn.
Liebe und Leid.
Leid macht uns Sorge, Liebe macht Wonne. Eines edeln Ritters Gewann ich jüngſt Kunde. Daß mir den benahmen Aufpaſſer und ihr Neid, Davon gewann mein Herze, Nimmer fröhliche Zeit.
Es geht mir wohl von Herzen, Daß ich nun weine: Ich und mein Geſelle Müſſen uns ſcheiden. Daran ſind Schuld die Lügner: Gott geb' ihnen Leid! Wenn man uns zwei verſöhnte,
So hätt ich fröhliche Zeit!
„Weib, Du viel ſchönes, Nun fahre Du mit mir. Lieb und Leid, das theil' ich Immer gern mit Dir! So lang mein Leben währet, Sollſt Du mein Herzlieb ſein. Einen Schlechten minnen, Das mißgönn' ich Dir allein!“
Lied des Mädchens.
Ich zog mir einen Falken
Wohl länger als ein Jahr. Als ich ihn gezähmt ſah
Nach meinem Willen gar, Und ich ihm ſein Gefieder Miit Golde wohl bewand, Hub er ſich in die Wolken
Und flog in fernes Land.
Mein Falk, ich ſah Dich wieder,
Stolz war Dein Flug und hoch.
Du führſt an Deinem Fuße Den ſeidnen Riemen noch Und um Dein Gefieder Ein Band von rothem Gold. Gott ſend ſie zuſammen, Die lieb ſich ſind und hold.
höchſten Ruhm und neues


