Jahrgang 
27-52 (1867)
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ſie will ſprechen, aber ſie kann nicht einmal die Lippen bewegen; ſie blicken ſich nur an, lange, lange. Und dann, während ſein linker Arm die Schweſter hält, macht der rechte eine Bewegung iſt dieſer Arm ein Magnet? Chriſtel ſinkt hinein, und was brauchen ſie auch zu reden? Die Beiden verſtehen ſich ja.

Und jetzt zerreißt der Schleier vor Cornelia's Augen. Länugſt hatte ſie gefühlt, daß ſich Bruder und Freundin ſehr, ſehr liebe Collegen ſeien, aber daß das Herz hier rede, das war ihr verborgen ge⸗ blieben bis zu dieſem Moment. Und nun fragt auch ſie: iſt das der herrlichſte Traum? und nun glaubt auch ſie, ſie liege auf dem Lager und phantaſtiſche Geſtalten umgaukeln ſie; aber nein, nein, ſie fühlt ſich ja umſchlungen und ihr Ohr vernimmt das ſüßeſte Geflüſter:

Meine Chriſtel! Meine Braut!

Deine, Deine Chriſtel!

Immer beſſer! ſo wirft Herr Hans in ſeinem Verſteck die Lippen auf. Er beneidet die Glücklichen, ſein grimmes Auge ruht unverwandt auf ihnen und er denkt:Was haben dieſe Komödianten vor Dir voraus! Du, der reiche Junker, haſt dich trollen müſſen! Jetzt ſpricht Cornelia, und als ſie wieder ſchweigt, denkt Hans:Was ſagt ſie? Dem Oheim beichten, eine Verſöhnung zu erreichen ſuchen? Thörin Du! Die Thür, welche in's Freie führt, ſoll Dir ge öffnet werden, Du Heuchlerin! Horch! jetzt ſpricht ihr Bruder.

Ich ſoll Dir rathen, Schweſter? Danach willſt Du handeln? Laß uns den Schritt, den Du nun thun mußt, in Ruhe überlegen, morgen, noch ſpäter. Jetzt ſind unſere Herzen zu voll, um unſere Stirnen zieht ein berauſchender Duft; laß uns erſt ruhiger werden und dann entſchieden und, wenn es ſein kann, vereint handeln.

Ich, ich werde für Euch handeln ſchon mor⸗ gen! ruft da Herr Hans ſich zu...

Zu eng wird's den Dreien im Stern, unter den dunklen Bäumen. Hinaus auf die Wieſe, wo Blumen blühen und das Mondlicht tanzt. Arm in Arm ſchrei⸗ ten ſie den Gang hinab, und die beiden Bäume am Ausgange neigen grüßend ihre Häupter. Alles auf dieſem Stückchen⸗Erde jubelt. Die Ilm plätſchert und plaudert, Nachtfalter wiegen ſich auf Zweigen, Käfer ſchwirren um Gräſer, Glühwürmchen zucken durch die würzige Luft, der Mond durchwirkt den Wieſen⸗ und Waſſernebel mit Gold. Das iſt ein Flimmern ringsum, eineZaubernacht, die den Sinn gefangen hält, und ſtumm, entzückt ſtehen unſere Freunde und blicken hinein in all' den Glanz, all' den Jubel,

Novellen⸗Zeitung.

denkliche Geſichter? Ganz überflüſſig, ſag' ich Euch,

Da! Wie auch die hellen Fenſter des Goethe'ſchen Hauſes vor dem Mond erbleichen, Chriſtel hat ſie dennoch entdeckt.Dal bei Goethe iſt Geſellſchaft, ich entſinne mich, man ſprach um Mittag davon. Und uns, fährt ſie ſcherzend fort,hat er nicht geladen, und der Hof iſt doch nicht dort, ich weiß das genau. Warte, Goethe, Du Grauſamer!

Und da wirft Heinrich in einem Anflug von Laune hin:

Laden wir uns ſelber ein; werfen wir uns dem Wieſennebel in die Arme und laſſen wir uns ſo zum Tempel des Apoll hinübertragen!

Würde das ein Staunen geben! Ihr voran, Oberon und Titania, und ich trage die Schleppe meiner Königin, ſo ſpinnt Cornelia den Scherz fort.

Wohlan! es ſei! In die Hände klatſchend, dreht ſich Chriſtel wie ein Kreiſel herum.Auf, Oberon, mein Gemahl! Folge mir, Dame des Palaſtes, meine Geſpielin! Uns fehlen Lilien, wir nehmen Zweige; windet auch Zweige um Eure Stirnen. Hurtig! Schon höre ich das Rollen des Wolkenwagens und das Schwirren der Glühwürmchen, die herbeiſtrö⸗ men, uns vorzuleuchten!

Und ſie reißt Zweige vom nächſten Strauch und reicht ſie den Geſchwiſtern. Die ſchlingen ſie auch

um Hut und Schleier und pflücken Wieſenblumen 4

und ſchmücken damit die Kleider.Fertig, Gemahl und Geſpielin? Ich habe leider zu melden, daß unſer Roſſelenker zu tief in die Blumen geſchaut und zu

viel Honig geſchlürft hat; er iſt trunken und vorüber⸗

getaumelt und wir müſſen, gleich ordinären Sterblichen, den Boden berühren. Gemahl, ſende ihm Deinen Fluch nach! Ah, da ſind die Glühwürmchen ange⸗ kommen; ſie haben ihr Sonntagskleid angelegt, recht ſo. Deinen Arm, mein Oberon. Geſpielin und Schleppenträgerin, auf Deinen Platz, thue was Deines Amtes iſt.

Und mit der Würde einer Majeſtät bietet Heinrich den Arm, und Cornelia hält ihre Hände ſo, als trage ſie die Schleppe. Sie ſchreiten vorwärts, lachend, plaudernd, koſend; der Jubel im Herzen hat ſie zu Kindern gemacht. Plötzlich hält Heinrich inne: Genug der Tollheit. Es wird kühl; Deinetwillen, Schweſter, wollen wir zur Stadt gehen.

Laß uns dann einen Umweg machen, um die Einſiedelei biegen. O, mir iſt ſo wohl, als ob ich nie, nie gelitten hätte!

Nicht doch, ruft da Chriſtel,von unſerm Ueberfall ſtehe ich nicht ab. Mein Wort zum Pfande: Goethe wird uns willkommen heißen. Ihr macht be⸗

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inde habe könn ihre nins nicht noch ihne daß brech Cur liche Wie wer⸗ laſſ