Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Folge.

ausſchütten, Gewißheit haben Gewißheit! Und auch Heldorf ſchwur, es könne über die Liebe einer Theaterſängerin zu dem Sohn eines reichen Barons nicht der geringſte Zweifel herrſchen! Und flüſterte nicht Tag und Nacht eine Stimme: Ein Anderer raubt Dir die Holde? Ja, ich mußte reden! Und nun ſo! ſo!

Wohl noch hundert Seufzer und Flüche ſchickt Hans hinterdrein, während er nach dem Stern taumelt. Es iſt ſtill und dunkel unter den Bäumen, nur in der Mitte hebt ſich der ſchmale lichte Streif ab, den der

Mondſtrahl hingeworfen. Eine verwitterte Steinbank ladet zur Ruhe ein, und der Aermſte läßt ſich nieder, beide Hände vor die Augen ſchlagend.

Woher plötzlich Geräuſch, Stimmen? Hans hebt den Kopf. Nein, es war nichts, Alles ſtill. Aber⸗ mals verſinkt er in trübes Sinnen. Und doch, die Tritte kommen näher, helle Gewänder tauchen auf, und jetzt ſind deutlich zwei Frauen zu unterſcheiden. Horch, ſie reden!

Du zitterſt, Liebchen. Bruſt fliegt.

Die Erwartung iſt es, die mir die Ruhe raubt, nicht Furcht. Ich bin entſchloſſen!

Wird er Augen machen! Statt einer alten Frau die Schweſter.

Da unten regt ſich Etwas

Nur ein Baum, der nickt. Gehen wir auf die andere Seite, hier benehmen uns die tiéfhängenden

Ich fühl's, wie Deine

gweige die Fernſicht.

Und ſie wenden ſich und ſchreiten über den lichten Streif, und höchſt ungenirt blickte da ein Mondenſtrahl in Cornelia's Antlitz. In einem Moment geſchieht das Alles, aber dennoch hat Hans die erkannt, die er am wenigſten hier vermuthet hätte. Schon die Stimme, mehr noch der Inhalt des kurzen Geſprächs hatte ihn ſtutzig gemacht, er hatte ſich leiſe erhoben und ſich vornüber gebeugt, um keines der Worte zu verlierenSie, die Sanfte, die Taube, wie ſie der Vater nennt, ruft es jetzt in ihm und ſchwer nur vermag er ein höhniſches Lachen zu unterdrücken,

ſie eine Erzheuchlerin! Ein Stelldichein mit dem

Bruder Komödianten! Sie ſei entſchloſſen, ſagt ſie. Wozu denn? Dem Vater, dem ſie Alles zu danken hat, den Gehorſam zu kündigen? Deſto beſſer, mein Täubchen! Im Wege ſtandeſt Du mir längſt ſchon, Du hatteſt Dich eingeſchlichen in das Herz meines Vaters, Du hatteſt ſein halbes Herz erobert, um auf dieſe Weiſe auch zu ſeinem halben Geldbeutel zu ge⸗ langen o, gut ſo, gut! Verlaſſe nur recht bald unſer Haus, da hab' ich freies Feld. Laufe dem Bruder nur nach, oder gehe ſelbſt unter die Komö⸗

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dianten, und die Thür ſoll Dir geöffnet werden, dafür laß mich ſorgen!

Und um das Kommende unbeachtet belauſchen zu können, ſchlägt er ſich in's Gebüſch. Verwünſchter Zufall, der ihn gerade in dieſer Stunde an dieſen Ort führen mußte! Wäre die Begegnung mit der Rudorf, deren Ausgang ſeine Bruſt mit Zorn erfüllt, nicht voraufgegangen, er hätte Cornelia's Vorhaben vielleicht mit ganz anderen Augen betrachtet.

Jetzt kommt da Jemand

Der Wind ſpielt mit einem Aſt

Nein, ich höre Schritte

Richtig, jetzt erkenne ich den grauen Hut.

Heinrich Becker kommt den Gang herauf. Er ſchirmt die Augen mit der Rechten nun ſieht er helle Kleider auftauchen; er ſchreitet ſchneller, die Sehnſucht beflügelt ſeinen Schritt.

Guten Abend, meine beſte Frau Neumann endlich, meine liebe Collegin

Vermuthlich wollen Sie ſich erſt mit der Mutter unterhalten. Bitte, College, ich werde nicht ſtören. Chriſtel ruft's und iſt verſchwunden.

O nicht doch, was ich zu ſagen habe, müſſen ja Sie Ihn verdrießt ihre Flucht und er bedarf einiger Sammlung, um fortfahren zu können:Nun, meine werthe Frau

Heinrich! Heinrich! Nicht länger vermag Cor⸗ nelia an ſich zu halten und mit überſtrömenden Augen ſinkt ſie an des Bruders Bruſt.

Iſt das der herrlichſte Traum? Liegt er noch auf dem Schmerzenslager, umgaukeln ihn phantaſtiſche Geſtalten? Nein, nein, er fühlt ja ihre Thränen auf ſeiner Wange, auf ihre Stirn drückt er ja ſeine bebenden Lippen, er hält ja ſie, ſie umfangen Cornelia! Cornelia!

Nie gehe ich wieder von Dir!

Schweſter! ich hab' Dich wieder! Wo iſt Chriſtel? Jetzt erſt beginnt mein Leben!

O ſo zu ſterben! In Deinen Armen!

Nein, leben, leben, mit Dir, mit ihr wo iſt ſie? .Verzeihe mir, Heinrich. Ich hatte nicht den

Muth, Dir zu folgen, der Pflicht zu gehorchen. Immer ſchwankte ich zwiſchen Liebe und Dankbarkeit, und hätte ich nicht in Chriſtel eine Schweſter gefunden, o wer weiß

Chriſtel!

Da taucht ſie plötzlich binter Cornelia gleich der lieblichſten Fee auf. In der Rechten hält ſie das Uhrband, aber es fällt zu Boden, unbeachtet, vergeſſen, als ſeine Lippen ihren Namen nennen. Er will ſprechen, er findet das rechte Wort nicht, und auch