Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge.

Garſtiger Doctor! geben Sie doch Acht! Ich ſagte ja: in Gegenwart einer Freundin!

Oder einer Vertrauten! Ja, meine Beſte, wir ſprachen ſchon neulich davon, daß die Aerzte einen be⸗ ſonders ſcharfen Blick haben. Adieu. Noch zwei⸗ mal komme ich wieder, die Patientin zu beſuchen, doch wenn ich zum dritten Male erſcheine, dann wird der Riegel klirren, das Gitter fallen, die Brieftaube hin und wieder fliegen u. f. w. u. ſ. w....

Die Stunden haben Bleigewichte, klagte Cor⸗ nelia.

Der Arzt kam wieder. Vergißmeinnicht.,

Wie Alles kommen wird? Ob ich mich gleich dem Oheim entdecke und eine Verſöhnung zu erzielen ſuche? Wie ein Nebel liegt's noch vor meinem Auge. Heinrich mag mir rathen, ſein Wille ſoll mir Geſetz ſein! So rief es in Cornelia's Bruſt.

Und der Arzt kam zum zweiten Male.Was? Mein liebes Mamſellchen legt die Hände in den Schooß?

Sie ſticheln auf das Uhrband, Doctor? Hat's denn Eile damit? Vielleicht mache ich es in drei⸗ vier, fünf Monaten fertig.

Ich wette, es liegt fertig in jener Schublade und wird in Freiheit geſetzt werden, ſobald Sie mit der Geliebten Rinaldo's ſingen können:

Das Gitter iſt gefallen,

Im Wald die Freiheitshörner ſchallen. O hin zu ihm, o hin zu ihm,

Den meine ganze Seele liebt!

Kennen Sie dieſen ſchönen Vers unſeres Vul⸗ pius? Sein nagelneuer RomanRinaldo Rinaldini wird vermuthlich daſſelbe Aufſehen wie einſtWerther's Leiden machen. Wohin ich jetzt gehe? Natürlich, Sie brauchen gar nicht zu rathen. Ja, College Becker hat ſich in letzter Zeit brav gehalten, die Ausſicht auf Geneſung und Freiheit nach einundzwanzig Tagen hat ihn wahrhaft lammsfromm gemacht. Wenn ich nun wieder an Ihre Thür poche, rufe ich

Und er pochte wieder und ſteckte den Kopf durch den Spalt, aber bevor er noch den Mund öffnete, tänzelte und trällerte ſie ihm ſchon entgegen:

Chriſtel ſtickte das letzte

Das Gitter iſt gefallen, Im Wald die Freiheitshörner ſchallen! Und raſch fiel er ein:. O hin zu ihm, o hin zu ihm, Den meine ganze Seele liebt! Sie abſcheulicher Menſch! Nun, Sie bleiben draußen? Um ſchleunigſt wieder umzukehren und den zweiten Gefangenen zu erlöſen. Jetzt ſchnell an's Werk, ſagte ſich da Chriſtel;

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wenn ich nicht gleich die Brieftaube fliegen laſſe, wird Becker nach wenig Minuten hier ſein. Nichts unerwünſchter, als das. Erſt müſſen die Geſchwiſter zuſammen und ganz ohne Zeugen reden, und hier kann ich mich doch nirgends verſtecken? Im Stern iſt Platz für uns Drei. Der Abendhimmel, die grünen Bäume ſind uns nur günſtig. Und wie kann da Becker überraſcht werden! Statt meiner Mutter findet er die Schweſter, und ich kann mich doch hinter dem nächſten Strauch geſchickt verbergen. Sie ſchrieb: Guten Morgen, lieber College! In unſerer Wohnung wirthſchaften Meiſter Maurer und Zimmermann; es iſt rein zum Davonlaufen! Wenn's Ihnen recht iſt, beglückwünſchen wir uns gegenſeitig zu unſerer Gene⸗ ſung heute Abend um acht Uhr im Stern. Ich werde beſtimmt mit meiner Mutter dort ſein. Kommen Sie?

Eben im Begriff, zu Chriſtel zu eilen, empfing Becker dieſen Zettel. Er verwünſchte Meiſter Maurer und Zimmermann.Um lacht Uhr gut, ich würde. dort ſein, gab er dem Boten zu Antwort. Er ge⸗ ſtand ſich, er werde nicht eher zur Ruhe kommen, als bis er das bewußte kleine, aber ſo unendlich inhalts⸗ reiche Wörtchen über die Lippen gebracht.

Auch Cornelia erhielt den Beſcheid, die Freundin gegen acht Uhr zu einem Gange nach dem Stern ab⸗ zuholen. Je höher die Sonne ſtieg, je höher ſchlug Cornelia's Herz...

Im Park, links von Goethe's Gartenhaus, ſtehen juſt hinter der Wieſe, wie Schildwachen, zwei ſtolze Bäume, die den Eingang zu dem breiten, ſich lang hinſtreckenden Gange bilden, derStern genannt wird Zu beiden Seiten, getränkt von der nahen Ilm, wächſt dichtes Strauchwerk, und darüber hinaus ragen mächtige Eichen⸗, Tannen⸗ und Ahornbäume, um die ſich Immergrün und Epheu ranken und deren Spitzen ſich brüderlich zueinander neigen, als ob ſie wüßten, daß der Wanderer ſich des grünen Daches freut, welches da hoch über ſeinem Haupte rauſcht. Faſt beſtändige Dämmerung herrſcht in dieſem Gange, und eigentlich nur in der Mitte hebt ſich gleich einem gelben Bande ein ſchmaler lichter Streif ab, den Sonne und Mondſtrahl, die doch nicht gänzlich von dem grünen Dache abprallen wollen, hinwerfen. Dieſe Dämmerung und die Feuchtigkeit des Bodens iſt den Eidechſen höchſt willkommen. Hier begegnen ſie ſich in einer Anzahl und mit einer Nonchalance, die ſchier an Frechheit grenzt, und all' ihre Brüder und Schweſtern im heiligen deutſchen Reich können nicht prächtigere Farben am Leibe tragen, als die Eidechſen

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im Stern. Und warum iſt es hier heute ſo ſtill? Warum

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