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eine ſüß duftende Blume geſendet, natürlich ohne ſich zu nennen; jetzt freilich beklage ſie, daß ſie ihren Namen verſchwiegen habe. „Als ob er die Spenderin nicht gleich errathen hätte! Das iſt ſo gewiß, wie—“ Cornelia machte große Augen. Du das?“ „Das fühl' ich, Liebchen.“ Solche Worte machten Cornelia immer glücklicher. Sie köonnte jetzt lachen, ſcherzen, und darum nahm ſie Pnun jene Worte:„Das iſt ſo gewiß wie“— wieder auf und fügte, ſanft ſich an die Freundin ſchmiegend, in heiterſter Stimmung hinzu:„Wie er das liebe, ſüße Weſen errathen wird, das nächſtens ein präch⸗ tiges Uhrband bei ihm abgeben läßt.“
Nun war die Reihe, große Augen zu machen, an Chriſtel. Aber ſie hob den Blick nicht, ſie ſagte nur, mit erheuchelter Aufmerkſamkeit die Stickerei be⸗ trachtend:„Nicht wahr, mein Geſicht iſt ganz roth? Ja, ja, ich hab' viel zu ſchreiende Farben gewählt; ſchade d'rum.“
War nicht Cornelia wie umgewandelt? Freilich, der Warner in ihrer Bruſt war nicht verſtummt; oft war es ihr, als ſtehe zwiſchen ihr und Chriſtel der Oheim, drohend die Arme gegen ſie erhebend; aber dennoch, ſie fühlte ſich zu glücklich in dieſem Stübchen und ſie fühlte ſich jetzt auch weit wohler. Was nicht Medicamente vermocht, das hatten das Verlaſſen der Einſamkeit, das Herausreißen aus trübſeligen Stim⸗ mungen, die Gewißheit, daß der Bruder nach ihr ver⸗ lange, und Chriſtel's munteres Geplauder geboren: es kam über ſie wie Geneſung, wie Frühlingsſonnen⸗ ſchein nach langem, langem Winter, wie neues Leben. Die darunter zu leiden hatte, war die Herzogin Mutter. Cornelia beſuchte ſie ſeltener, immer ſeltener. Was in Cornelia vorging, welche Stürme dieſes junge Herz erſchütterten, das blieb Amalia's ſcharfem Auge nicht verborgen; aber ihr zürnen ob ihres ſel⸗ tenen Kommens, ihr erklären, daß, als ſie zu einem Beſuche bei Chriſtel aufgefordert, ihr nichts ferner gelegen, als an ein Freundſchaftsbündniß zu denken? „Nein, nein,“ ſagte ſich Amalia,„da hat der liebe Herrgott ſeine Hand ſichtbarlich im Spiel, da ge⸗ ziemt dir's, den Mund zu halten.“
Zwei Wochen vergingen ſo.
Chriſtel ſah ein, ſie brauche weder zu⸗ noch abzu⸗ e könne von Dem ſchweigen, der ihre ganze ünn Deſto mehr redete jetzt Cornelia von deßwillen ſie nun die Tage, Swillen ſie den Augen⸗ elsgeſang, das Wort ürde: er iſt ge⸗
„Woher weißt
Novellen⸗Zeitung.
neſen!„Gelobt ſei Gott für das Licht, welches Er in meine Bruſt geſenkt! Er ſei gebenedeit dafür, daß Er mein Herz an dem Herzen Chriſtel's hat erſtarken laſſen!“ Knieend dankte ſo Cornelia, und jetzt wölbte ſich vor ihrem Auge die Brücke, die ſie nun bald
überſchreiten und dann hinter ſich abbrechen könne,
um am andern Ufer und in den Armen des Bruders zu einem neuen Daſein zu erwachen. Ja, erwachen! Ob ſie, gleich Dornröschen, bisher im Schlafe gelegen? Ob des Himmels Barmherzigkeit jetzt ſie aus dem Traum gerüttelt? Hatte ſo lange eine Binde ihr Auge verhüllt? Wie ſie nur jemals hatte zandern, ſchwanken können! Was hatte ſie krank gemacht? Nur dieſes Schwanken zwiſchen Liebe und Pflicht und Undank— doch nun— nun...
Chriſtel klagte ſtill, Cornelia aber laut über den Schneckenlauf der Stunden.
Täglich kam der Arzt und lächelte, wenn er die Haſt ſah, mit der Chriſtel an dem Uhrbande arbei⸗ tete, und wenn er ging, pflegte er zu ſcherzen: „Hurtig, Mamſell, ehe Sie's glauben, iſt auch die dritte Woche vorüber.“
„Doctor, ei, gehen Sie doch, ich habe den Kalender ganz genau im Kopfe.“
„Ihr— College gleichfalls, mein liebes Kind. Auch er wollte Ihnen längſt ſchreiben, doch auch ihm habe ich dieſe unnöthige Aufregung ſtreng unterſagt und auch ihn auf den einundzwanzigſten Tag ver⸗ tröſtet, wo ich—“
„Die Käfige öffnen und die armen Gefangenen fliegen laſſen werde, um—“
„Um—?“
„Um das vorbereitete Repertoir nicht auf die längſte Bank zu ſchieben.“
„So! Hm!— Manſellchen, Sie haben einen guten Mund.“
„Und mein lieber, guter Doctor hat eine treff⸗ liche Spionirnaſe.— Aber, beſter Freund, weshalb eilen Sie ſo? Noch eine Frage: am Morgen des einundzwanzigſten Tages wird ein Briefchen zu meinem Collegen fliegen, worin ich ihn zu ſeiner Geneſung beglückwünſchen und fuͤr den Abend deſſelben Tages eine Zuſammenkunft im Parke— merken Sie auf! in Gegenwart einer Freundin!— vorſchlagen werde, was nur geſchehen ſoll, damit wir uns ſo ganz un⸗ geſtört ausplaudern können. Alſo meine Frage: Sie haben doch nichts dawider? Sie befürchten doch nicht, daß die Abendluft nach ſo langer Gefangenſchaft— 2“ „Meinen Segen habt Ihr, Kinderchen,“ fiel er ein, nach Hut und Stock greifend,„gelt, unter be⸗ ſterntem Himmel und grünen Bäumen plaudert man
weit freier, froher, ſüßer?!“


