Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

Magen war nie anders, als wie der eines Lords behandelt worden. Am vierten Tage ſah er ſich aber doch gezwungen, zu eſſen, was er am Tage zuvor verweigert hatte; er mußte es thun, weil er fürchten mußte, vor Schwäche liegen zu bleiben. Am fünften Tage ſagte ihm Meiſter Pick:Mein Freund, die ganze Welt arbeitet hier, um den Lebensunter⸗ halt zu verdienen; Sie müſſen arbeiten wie die Andern, denn ich bin keineswegs geſonnen, einen unnützen Mund zu ernähren.

Der Lord machte eine mitleidige Miene und der Bauer fuhr fort:Wenn Sie nicht freiwillig arbeiten, ſo wird man Sie mit Gewalt dazu bringen, Sie müſſen wiſſen, daß ich Sie um 100 Schillinge gekauft habe und daß Sie mein Eigenthum auf drei Monate ſind; die Zeit verfließt, Sie werden frei werden, aber von heute an werden Sie anfangen zu arbeiten.

Der Engländer war erſtaunt über das, was er hörte, dann gerieth er in Wuth und ſchrie über eine ſo ſcheußliche Perfidie, welche er für eine Infamie erklärte; allein er hatte gut ſchreien, proteſtiren und fluchen, denn es war ganz un⸗ nütz. Auf ein Zeichen des Meiſters Pick kamen drei kräftige Bauern herbei, bemächtigten ſich ſeiner ſchwerfälligen Perſon, gaben ihm eine Geißel in die Hand und ſchleppten ihn dann auf eine ungeheure Wieſe, wo ſeine Aufgabe war, das Vieh zu hüten. Drei Wochen waren vorüber, als Meiſter Pick, der eine Verminderung in der Rundung ſeines Gaſtes wahr⸗ nahm, ihm eines Abends ſagte:Sie werden von nun an nicht mehr das Vieh hüten, ſondern Sie werden morgen hinter dem Pfluge hergehen und die Erdſchollen zerſchlagen. Der Lord-war gezwungen, ſich des andern Tages mit einem ſchweren Klöppel zu verſehen und die Aufgabe zu erfüllen, welche ihm der Meiſter auferlegt hatte. Während dieſer ſchweren Arbeit rieſelte ſein Körper wie eine Fontaine, er ſchwitzte, daß er die Furchen hätte benetzen können, und zur Mittagszeit gab man ihm, um ihn zu ſtärken, ein Stück ſchwarzes Brod mit etwas Knoblauch eingerieben. Zehn Tage mit dem Klöppel beſchäftigt genügten, ſeinen Körper auf die Hälfte des früheren Gewichtes zurückzuführen und Meiſter Pick fuhr dann fort, ſeinen Zögling weiter zu ziehen und ihn von einer Arbeit zur andern übergehen zu laſſen, welche immer größeren Aufwand von Kräften in Anſpruch nahm.

Nach drei Monaten eines ſo anſtrengenden Lebens hatte der Lord an Händen und Füßen Schwielen, ein Ge⸗ ſicht wie Bronze und knochig; ſein Bauch war verſchwunden, die Fettwülſte auf ſeiner Bruſt waren vergangen, ſeine Arme, vor Kurzem noch ſo rund wie Säulen, zeigten eine häßliche Magerkeit; er war wieder Menſch geworden.

Da erſchien der Arzt wieder und war ſelbſt erſtaunt über die Veränderung, welche in der Leibesbeſchaffenheit des Fettleibigen vorgegangen war.Nun, mein theurer Lord, ſagte er,glauben Sie jetzt an die Wirkſamkeit meiner Behandlung? 4

Ich bin außerordentlich glücklich, ihr gefolgt zu haben, aber nun auch am Ende zu ſein; ich geſtehe Ihnen, daß ich, wenn ich dieſe Cur wieder anzufangen hätte, trotz allem meinem Verlangen, von meinem Fett befreit zu werden, nicht genug Willenskraft haben würde, der Cur mich von Neuem zu unterwerfen; aber da nun das Ziel erreicht iſt, ſo danke ich Ihnen und bjtte Sie inſtändig, mich auf das Schnellſte in mein Vaterland zurückzuführen.

In London angekommen, wollte den Lord ſeine Familie nicht wieder erkennen, ſo groß war die mit ihm vorgegan⸗

zolge. 557 gene Veränderung; erſt nachdem er nachgewieſen hatte, daß er wirklich der Lord ſei, durfte er in ſein Hötel einziehen. Eine andere, nicht weniger erfolgreiche Entfettungscur reihen wir hier an. Ein höherer Geiſtlicher eines reichen Kloſters befand ſich in Folge des faulen Lebens und der vortrefflichen Nahrung des Kloſters auf dem Puncte ange⸗ langt, wo der Menſch nichts mehr iſt, als eine ungeſtaltete Fettmaſſe. Die Bewegung war ihm unmöglich geworden und nur noch die der Kinnbacken war ihm geläufig. Von der Gefahr bedroht, unter ſeiner Fetthülle zu erſticken, die ſich von Tag zu Tag verdichtete, entſchloß ſich der Geiſtliche, ſich der Discretion eines Arztes von großem Rufe zu über⸗ geben, damit ihn dieſer von der Krankheit heile, und er ließ ſich ſofort in das Haus fahren, in welchem der Arzt ſeine Anſtalt hatte. Der Arzt machte von der Vollmacht, die ihm gegeben war, vollſtändig Gebrauch; er begann damit, die Qualität der Nahrungsmittel zu ändern und nach und nach ihre Quantität zu mindern, dann gebrauchte er nach einiger Zeit, nachdem der Geiſtliche ein wenig an Gewicht verloren hatte, gymnaſtiſche Uebungen in folgender Weiſe: Zwei ſtarke Männer packten den Geiſtlichen unter den Armen und ſchleppten ihn in die große Allee des Gartens; hier zwang man ihn, kürzere oder längere Zeit zu gehen, indem man ihn bald allein gehen ließ, bald, wenn ſeine Beine den Dienſt verſagten, fortſchleppte. Dieſer forcirte Lauf dauerte bis zu dem Momente, wo der Schweiß von ſeinem Körper rann, dann wurde er in ein großes Zimmer zurückgeführt, um ſich auf einen Strohſack zu werfen und da von ſeiner Müdigkeit auszuruhen. Wenn der Abend kam, empfand der arme Geiſtliche einen verzehrenden Hunger, aber da gab es nicht, wie ſonſt, Delicateſſen, deliciöſe Weine, welche der Sinnlich⸗ keit ſchmeichelten; Brod und Waſſer, das war Alles. Aber auch um dieſes Brod zu erlangen, mußte er eine neue gym⸗ naſtiſche Uebung anfangen. Der Laib Brod, den man ihm gab, war in einem Netz von Bindfaden eingehüllt und an dem Plafond mittelſt einer Schnur in einer Höhe aufgehan⸗ gen, die nicht geſtattete, ihn mit den Händen zu greifen. Von Hunger gepeinigt, ſah ſich der Geiſtliche in die Nothwendig⸗ keit verſetzt, ſich mit einem alten Säbel zu bewaffnen, wel⸗ chen man zu dieſem Zwecke in ſeine Nähe gelegt hatte, um nach dem Laib Brod zu hauen, um einige Brocken herunter zu bringen. Auch war er gezwungen, in die Höhe zu ſpringen, um dieſes zu erreichen. Ermüdet ſetzte er ſich nieder, aber der Hunger folgte auf dem Fuße und er mußte die Uebung von Neuem anfangen, bis endlich der Laib Brod, von allen Seiten angehauen, in Stücken herabfiel. Er bat den Arzt, ſeinen Martern ein Ziel zu ſetzen, aber dieſer wollte nichts davon hören und der Geiſtliche ſah ſich gezwungen, zwei Monate lang ſo ſeine gymnaſtiſchen Uebungen fortzuſetzen. Nach Verlauf derſelben verließ er die Anſtalt, vollſtändig von ſeinem Fette befreit.

ᷓ˖

Friedrich der Große und türkiſche Beſuche.

Zu den Hauptereigniſſen des Tages zählt der Beſuch des Sultans in Paris und es iſt daher wohl nicht ohne Inter⸗ eſſe, jetzt im Buche der Geſchichte nach ähnlichen türkiſchen Beſuchen, die immer ſehr koſtſpielig waren, zurückzublättern. Wir finden da, wie ſich der große Rechnenmeiſter Friedrich II., der große König von Preußen, bei ſolchen Anläſſen benahm. König Friedrich der Große empfing im November des Jahres 1763 eine großartige türkiſche Geſandtſchaft, der eine hohe politiſche Wichtigkeit une Friedrich ſchreibt hierüber an