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gehört, und das Wamms war durchlöchert und zerfetzt, als habe der Hirte eben einer Brandykneipe in einem berühmten Londoner Viertel einen Beſuch abgeſtattet. Dagegen erſchienen die genial gemalten Unausſprechlichen braunpolirt, daß man ſich ſchier darin ſpiegeln konnte— eine ſinnreiche Neuerung, den Reiz ſolcher Naturbilder zu erhöhen. So ſtand der Apoll der Campagna unter ſeiner Heerde, die in ſo fern noch vollenveter genaännt werden konnte, als es der Dame gelungen war, eine ganz neue Species von Vierfüßlern zu Tage zu zaubern. Mit den Schafen, Ziegen und Hunden hatte hier eine merkwürdige Vermiſchung ſtattgefunden, die zu zoolo⸗ giſchen Studien führen könnte, da die Begabung der Künſtlerin doch nicht zu bezweifeln iſt. Und dieſe Künſtlerin nimmt bei weitem nicht den erſten Rang ein; die Welt würde Wunderdinge vernehmen, wenn wir einmal die Leiſtungen der muthigen Farbenvertilgerinnen zu beſprechen kämen, die ihre erſten Studien im meerumfloſſenen Albion oder gar jenſeits des Oceans gemacht haben. Zuweilen, aber nur zum Schein, halten ſich dieſe Damen einen billigen deutſchen Maler, der die Urwaldkraft zu mildern, den Himmel zu ſtimmen, das Gras zu dämpfen, die Gebirge zurecht zu rücken und die Hirten menſchlich zu machen hat. Daß die Ausbeute ſolcher gemeinſchaftlichen Studien eine ganz außerordentliche, kann bei der bekannten Ausdauer und Thatkraft der Race nicht bezweifelt werden. Aber neben großartig angelegten und gewiſſenhaft ausgeführten Gemälden ſtößt man oft auch auf liebliche, tief empfundene Skizzen, die den Beweis liefern, daß auch die lyriſche Ader hier keineswegs mangelt. Eine ſolche Kunſtperle, die jetzt leider bereits den Heimweg über den Occan angetreten hat, kam uns kürzlich vor die Augen. Ein geheimnißvoller Schleier liegt auf dem Bildchen, der nur durch Mittheilung eines Commentars gehoben werden kann. Man ſieht nämlich auf dem Blatte nichts weiter, als eine graue Staubwolke, aus welcher zwei männliche Beine kläglich und über denſelben die gewaltigen Hörner eines wahrſcheinlich ſtattlichen und großen Ziegenbockes ſiegreich hervorragen.
Der Commentar dazu iſt folgender. Herr Lehmann, ein deutſcher Maler, hatte mit einem ihm anvertrauten Kränzchen weſtlicher Künſtlerinnen auf der Via Latina Poſto gefaßt und gab Anleitung in der Verarbeitung einer jener oben berührten Heerden. Der Führer dieſer Schaar(nämlich der Ziegen, nicht der Künſtlerinnen), ein alter, patriarchaliſch ausſehender Bock mit langem Barte, mochte eine Ahnung von dem ſchmeichelhaften Vorgange haben und näherte ſich mit einer ſo erfreulichen Zutraulichkeit, daß jene Eigenthüm⸗ lichkeit, die ſeiner Gattung ein nicht ſehr ſchmeichelhaftes Epitheton zugezogen hat, im vollſten Maße vor dem Dameneirkel zur Geltung kam. Es wäre nicht zu verwundern geweſen, wenn die Eine oder Andere in Ohnmacht gefallen wäre, aber die Künſtlerinnen in der Campagna unterliegen ſolchen Schwächen nicht.
„Herr Lömän, hetzen Sie den Cäſar auf das Stinkthier,“ baten die Damen. Herr Lömän ließ ſich das nicht zweimal ſagen und hetzte das zarte Windhündchen auf den furchtbaren Stänker, in der Hoffnung, daß dies ſofort einen Erfolg haben werde. Aber, war es nun Furcht oder Zuneigung, oder eine zärtliche Miſchung von beiden, genug, der Bock drängte ſich vellſtändig in den Damenkreis, der ſich jetzt ängſtlich und hülferufend nur enger zuſammenſchloß.
Da ſprang Herr Lehmann heldenkühn vor, er ſucht und findet ſeinen Gegner im Gewühl. Mit Rieſenkraft erfaßt er das Gehörn, die Damen fliehen, ein kurzes gewaltiges
Novellen⸗Jeitung.
Bildchen zur Erſcheinung gekommene Scene. Mit dem raſchen Blick des wahren Talents hatte die älteſte und
erprobteſte Schülerin ſich des verhängnißvollen Momentes bemächtigt.— r.
Bwei Naturheilungscuren.
Das beliebte Naturheilungsverfahren läßt ſich ſelbſt⸗ verſtändlich auf ſehr verſchiedenen Principien erbauen und bei allen möglichen Leiden in ungemein primitiver Methodik anwenden. Auch bei der höchſt genanten Fettſucht ſchafft es Hülfe, doch werden die beiden nachfolgenden Curen beweiſen, daß es angenehmer iſt, ſich fett zu machen, als ſich davon zu befreien.
Ein enorm dicker Lord, welcher 395 Pfund wog, noch jung war und alle Mittel gegen ſeine monſtröſe Dickleibig⸗ keit verſucht hatte, begegnete durch Zufall in einer Geſell⸗ ſchaft in London einem franzöſiſchen Arzte, den wir Doctor Eiſenbart nennen würden, wenn er ein Deutſcher geweſen wäre. Die erſte Frage, welche er an dieſen ſtellte, hatte den Zweck, ſich zu unterrichten, ob dieſer Jünger Aesculaps nicht ein Mittel gegen das Uebel kenne, das ihn beläſtige.
„Gerade das iſt meine Specialität,“ erwiderte der Arzt;„ſeit längerer Zeit habe ich meine Praxis darauf beſchränkt, die Perſonen, welche mir ihr Vertrauen ſchenken, entweder fett zu machen oder vom Fett zu befreien.“
„Haben Sie manchmal Erfolg gehabt?“
„Immer, weil Ausſicht auf Erfolg vorhanden iſt, wenn man meine Vorſchriften befolgt.“
„O, mein vortrefflicher Freund,“ rief der Lord, deſſen Augen voll von einer unbeſchreiblichen Hoffnung glänzten, „Sie werden mein Retter ſein und alle Sterlinge, welche ich beſitze, werden die Schuld nicht abtragen können, die ich an Sie haben werde, wenn Sie mich entfetten.“*
„Es handelt ſich zunächſt darum, zu wiſſen, ob Sie ſich meiner Behandlung unterwerfen werden!“
„Ja, ich werde Alles thun, was Sie mir verordnen; von hkute an ſtelle ich mich ganz zu Ihrer Verfügung, ich werde keinen andern Willen haben, als den Ihrigen.“
„Wohlan, Mylord, Sie müſſen von morgen an Ihr Vaterland verlaſſen und mir nach Frankreich folgen, 3 Mo⸗ nate Aufenthalt dortſelbſt werden genügen. Merken Sie ſich wohl: morgen werden Sie dick und rund wie eine Tonne London verlaſſen und in 3 Monaten werden Sie dahin zu⸗ rückkehren eben ſo ſchlank wie ein Windhund.“
Bei dieſen Worten würde der Lord in die Höhe geſprungen ſein, wenn ihn nicht ſein außerordentliches Gewicht unwiderſtehlich an den Boden gefeſſelt hätte; da er auf dieſe Weiſe ſeine Freude nicht äußern konnte, ſo drückte er ſie durch einen feſten Händedruck aus.
Am folgenden Tage reiſten ſie zuſammen ab und zwei Tage ſpäter langten ſie in einem Dorfe in der Bretagne an, welches in Mitte von Wieſen und Wald lag. Der Arzt ließ ſeinen Clienten in den Händen eines ſeiner Verwandten zurück, welcher Meiſter Pick genannt wurde, ein reicher Bauer, der ſeine Felder ſelbſt bebaute, und nachdem er die⸗ ſem alle nothwendigen Inſtructionen gegeben hatte, nahm er Abſchied von ſeinem Kranken und verſprach ihm, bald wieder zu kommen. Die erſten drei Tage erfreute ſich der Lord ſeiner Freiheit und war entzückt von den ländlichen Schönheiten, welche die Natur vor ſeinen Augen ausbreitete; er aß ſehr wenig, die Nahrungsmittel, welche man ihm dar⸗
Ringen, und das Ergebniß war— die in dem genannten
bot, konnten nur einem Bauernmagen behagen und ſein
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