Vierte
„Maudissant la grandeur qui l'attache au rivage,“ ſagte Boileau von Ludwig XIV.„Und auch ich, theurer Miniſter, habe die Größe recht ſehr verflucht, welche mich verhinderte, dieſen Abend zu gehen, Ihnen die Hand zu drücken und Ihnen aus vollem Herzen zu ſagen, wie tief ich von den Worten, die Sie für mich haben hören laſſen und von der prachtvollen Rede, die Sie mit ſo viel Wirkung und Glanz geſprochen haben, gerührt und wie ſehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Dieſes Gefühl wird von allen den Meinigen lebhaft getheilt, deren Organ bei Ihnen zu ſein, mir ſehr ſüß iſt.“
Dem Briefe des Königs war das folgende Billet der Königin hinzugefügt:
„Als Gattin und Mutter kann ich dem Wunſche nicht widerſtehen, dem beredten Redner zu danken, welcher, indem er in einer ſo bewundernswerthen Art die Intereſſen des Königs und Frankreichs vertheidigte, Allem, was mir in der Welt am theuerſten iſt, eine ſo glänzende Gerechtigkeit zu Theil werden ließ.“
Ich würde mich nicht dabei aufhalten, dieſe Erinne⸗ rungen zurückzurufen, wenn ſie nicht dazu dienten, meine Beziehungen zu dem König Ludwig Philipp und ſeine Geſinnungen gegen mich in ihrem wahren Lichte zu zeigen. Ich habe in der Geſchichte dem Geſchick der beſten Diener der Fürſten zu viel beigewohnt, um den königlichen Freundſchaften ein großes Vertrauen zu ſchenken; ich weiß, daß ſie oft eben ſo oberflächlich wie liebkoſend ſind und daß ſie ernſten Prüfungen nicht leicht widerſtehen. Aber die Ausſicht auf mögliche Täuſchungen in Betreff des Herzens der Könige entzieht ihrem täglichen Wohlwollen nicht ſeinen ganzen Preis, und dieſes Wohlwollen hat in den Vorfällen des Lebens und der öffentlichen Angelegenheiten eine Wichtigkeit, die nicht zu verſchmähen iſt.“
Dieſe kurze Stelle aus Guizot's achtem Bande ſeiner Memoiren wird genügen, um auf den Werth dieſes geſchichtlichen Werkes aufmerkſam zu machen, das eine eben ſo anziehende, wie feſſelnde Lectüre gewährt und das den gründlichſten Aufſchluß über die Periode in der franzöſiſchen Geſchichte bietet, aus welcher die Februar⸗Revolution mit allen ihren Folgen hervorgegangen iſt. Dieſe Memoiren werden ganz weſentlich dazu beitragen, künftigen Geſchichts⸗ forſchern den König Ludwig Philipp und ſeinen Miniſter Guizot in ihrem wahren Lichte erſcheinen zu laſſen und die Grundloſigkeit vieler über ſie verbreiteten Verleumdungen nachzuweiſen, worüber jeder Freund der Wahrheit ſich nur freuen kann. C.
Stndien in der rämiſchen Campagna.
Was in den Urwäldern und Prairien Amerikas die Pfadfinder, die Pioniere der Cultur, die Squatters, das ſind in der Campagne die einheimiſchen und fremden, zahmen und wilden Jäger, die Fuchsfänger, Vogelſteller und Fiſcher, und in einem anderen, höheren Sinne die unzähligen Künſtler und Künſtlerinnen. Dieſe unruhigen Geiſter durchſtreifen die vielberühmte, wundervolle und räthſelhafte Umgebung der ewigen Stadt nach allen Himmelsgegenden, oft ein eigenthümliches Leben in die majeſtätiſche Ruhe der großen Landſchaft bringend und die unbeirrt in ihren althergebrachten Zuſtänden fortlebenden Eingeborenen mit den lockenden
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Errungenſchaften moderner Cultur beglückend. Allein es hat ſeine beſonderen Gründe, weshalb dieſe ſo unempfindlich gegen deren Gaben ſind; erſtens iſt es ein Speculationsgeiſt von ganz ungewöhnlicher Art, der durch die Campagna geht, dann eine ausgeſprochene Neigung für die ſchönen Künſte, beſonders die Malerei, und zuletzt eine gewiſſe menſchliche und verzeihliche Eitelkeit. Es iſt nämlich wohl auf acht Meilen im Umkreiſe der engen Stadt gewiß kein Individuum mehr aufzutreiben, welches noch nicht porträtirt oder in irgend einer Stellung gemalt worden wäre. In anderen Gegenden, wo man ſich es herausnehmen möchte, den erſten beſten Landmann abzuconterfeien, könnte es paſſiren, daß dieſer „ein Wörtchen unter vier Augen“ mit dem Künſtler reden wollte. In der herrlichen Campagna iſt das ganz anders! Hier hält der Ziegenhirte, wenn er einen mit einem Kaſten beladenen Jüngling oder eine mit einem Feldſtuhl bewaffnete Jungfau herankommen ſieht, ſofort ſeine Heerde an, gruppirt feine Hunde und ſtützt ſich maleriſch auf ſeinen Stab, das dunkle ſchwermüthige Auge in die Ferne ſchweifend und dann wieder auf den Künſtler geheftet, in der ernſten Erwägung, wie hoch er, der Hirte nämlich, die Sitzung taxiren könne. Und der weilende Campagnole, der Pferde⸗ oder Ochſenhirt, hält ſeinen Klepper an und legt kunſtgerecht ſeine Lanze ein, oder läßt, um eine effectvolle Stellung zu gewinnen, ſeinen Ochſen einen Rippenſtoß zukommen, wodurch deren unbegrenzte Wuth gegen jede fremde, etwas auffallend coſtümirte Erſcheinung vollſtändig erklärt wird.
Es hat ſich ſolchergeſtalt zwiſchen den Künſtlern und Künſtlerinnen wie den Campagnolen ein ſchönes, ſympathiſches Band geſchlungen, und man wagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß der Eingeborene unentbehrlich für die Kunſt geworden iſt, eine Farbe im Regenbogen derſelben, ohne welche ſie nichts weiter ſein würde, als ein Nebelſtreifen auf Goldgrund oder ein Tintenklecks in einem Milchtopfe. Dieſe Wahrheit iſt ganz beſonders von den zarten, wenn auch nicht immer ſchönen Vertreterinnen der Kunſt erkannt worden, und es zeugt nur von einem großen und tiefen Verſtändniß, wenn ſich dieſelben, ſtatt an die kalten Schönheitslinien eines marmornen Apoll, Discuswerfers oder Bachus, an die ledergewappneten oder lebenden bukoliſchen Vorwürfe halten. Nun behaupten zwar die Maler, daß es noch einmal, ſo lange die Campagna mitſammt den Campagnolen beſtehe, einer Künſtlerin gelungen ſei, einen wahren, richtigen Eingeborenen zu zeichnen. Meiſt ſeien es ſolche bunte Jacken, wie man ſie bei den Maskenverleihern ſehe oder wie ſie zuweilen auf der Bühne zum Vorſchein kommen, wo ſie auf einer hölzernen Moosbank dicht bei der Couliſſe ſitzen und eine melancholiſche Flöte blaſen. Niemals ſeien es Kerle, wie ſie aus dem Boden gewachſen ſind, die noch auf der Leinwand nach der Heerde — duften. Aber mir ſcheint hier nur wieder jener kleinliche Neid zu Grunde zu liegen, den auch die meiſten männlichen Autoren in einſeitiger und rückſichtsloſer Art der löblichen Claſſe der Blauſtrümpfe gegenüber zur Schau tragen.
So ſahen wir zum Beiſpiel ein Hirtenſtück von einer Tochter Albions, die ſeit Jahren die Campagna unſicher macht. Das war ein Kerl, wie ihn nicht zehn Maler zuſammen zu Wege bringen! Wie war da, um von oben anzufangen, der berühmte bläulichſchwarze Ton des ſüdlichen Lockenhaares ſo kräftig angedeutet, daß man glauben konnte, es ſei dem Hirten ein Stück ſeines vaterländiſchen Himmels auf den Kopf gefallen. Man kann voch nicht zarter die Einwirkung der Luft auf die menſchliche Oberfläche andeuten! Die Weſte war aber blutig⸗roth, wie es ſich
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