Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

554 Novellen

wirkſam und würdig zu ſein, das Bedürfniß der Einheit und der vertrauenden Unabhängigkeit. Jeden Tag wurden alle Depeſchen unſrer Vertreter im Auslande aus meinem Privat⸗ Cabinet dem Könige zugeſandt, welcher mir ſie mit ſeinen Bemerkungen wieder zurückſchickte; aber er nahm vorher keine Kenntniß von meinen eignen Depeſchen. Ich bin nicht ganz ſicher, ob er über dieſe Unabhängigkeit nicht zuweilen ungeduldig geweſen iſt, ein Zeichen davon hat er mir nie gegeben; und wenn er bei einer Gelegenheit oder aus einem beſondern Grunde den Wunſch hatte, das kennen zu lernen, was ich nach Außen geſchrieben hatte, ſo bat er mich beſonders darum, ohne irgend einen allgemeinern Anſpruch auf meine diplomatiſche Correſpondenz zu erheben.

...Auf dieſer doppelten Grundlage des vollkommenen Einverſtändniſſes im Betreff der allgemeinen Politik und der perſönlichen Unabhängigkeit in der täglichen Ausübung dieſer Politik habe ich meine Beziehungen mit dem König Ludwig Philipp beſtändig aufrecht gehalten und ſo hat er ſie ſtets angenommen.

Nichts iſt mit der Pflicht und dem politiſchen Erfolg eines Miniſters im conſtitutionellen Regime unverträglicher, als die Stelle eines Günſtlings; ſie läßt denjenigen, der ſie annimmt, die Autorität verlieren, deren er den verſchiedenen Mächten gegenüber bedarf, zwiſchen denen er die Eintracht und das gemeinſchaftliche Handeln herzuſtellen beauftragt iſt. Es war nicht die Meinung des Königs Ludwig Philipp, irgend einem ſeiner Miniſter dieſen Charakter zuzugeben; aber ich ſorgte immer ſehr dafür, daß in dieſer Beziehung meiner Stellung nichts ſchadete; ich vermied Alles, was den Anſchein einer perſönlichen Genugthuung oder Gunſt hätte haben können. Im Jahre 1846 hatte die Königin von Spanien zur Zeit ihrer Vermählung und der der Infantin ihrer Schweſter mir die Ehre erwieſen, mir die erbliche ſpaniſche Grandezza mit dem TitelHerzog verleihen zu wollen; ich ſprach darüber mit dem König, indem ich ihm meine Abſicht und meine Gründe, dieſe Ehre abzulehnen, auseinanderſetzte.Sie haben recht, ſagte er zu mir, indem er lächelnd hinzufügte:Wünſchen Sie, daß ich Sie zum Herzog in Frankreich mache? beſſer gefallen, Sire; aber ich glaube nicht, daß es gut wäre, weder für den Dienſt des Könizgs, noch für mich ſelbſt. Sie haben auch dieſes Mal recht, antwortete er mir und es war nie wieder die Rede davon. Ich ſchrieb ſofort an den Grafen Breſſon:Ich bin weder ein Puritaner noch ein Demokrat. Ich habe eben ſo wenig Verachtung für die Titel, wie für die andern äußern Zeichen der Größe; weder Verachtung, noch Verlangen. Ich ſchätze nur zwei Dinge, nach denen ich trachte: während meiner Lebenszeit, meine politiſche Macht; nach mir, die Ehre meines Namens. Wenn

ich glaubte, daß die Grandezza und der Herzogstitel jetzt

meiner Stärke, ſpäter meinem Namen Etwas hinzufügen könnten, ſo würde ich ſie mit Vergnügen annehmen. Ich glaube das Gegentheil. Ich denke, daß es für mich jetzt mehr Stärke und eines Tages mehr Ehre hat, ganz kurz Herr Guizot zu bleiben. Wäre unſere Pairskammer erblich, müßte ich meinen Nachkommen meine Titel und Ehren in meinem Vaterlande hinterlaſſen, um ſie in ihrer Mittelmäßigkeit des Verdienſtes oder Vermögens zu unterſtützen, ſo würde ich vielleicht anders handeln. Da aber unſer Land das iſt, was es iſt, ſo beharre ich und ſage ⸗Nein⸗ zu Ihrer freundſchaft⸗ lichen Idee. Und da ich zu derſelben Zeit keine unverſchämte Verachtung, die ich nicht habe, affectiren will, wie ich entzückt ſein würde, für mich und in meiner Familie Erinnerungen

Das würde mir

Jeitung.

an das große Ereigniß zu bewahren, an dem wir zuſammen einen ſo großen Antheil genommen haben, ſo ſage ich Ihnen, daß ich mit wahrem Vergnügen die Porträts der Königin von Spanien und der Infantin empfangen würde. Wenn man aber für mich etwas ganz Beſonderes thun und denſelben eine ganz ſpaniſche Erinnerung, ein altes Gemälde, ein altes Möbel hinzufügen will, ſo würde ich davon entzückt und dafür dankbar ſein. Das iſt Alles, was ich über dieſen Gegenſtand im Herzen habe, mein theurer Freund; machen Sie damit, was Sie wollen.

Graf Breſſon begriff mich vollkommen und verſtand, meine Weigerung in Madrid annehmbar zu machen; die beiden königlichen Porträts und ein reizendes kleines Gemälde von Murillo ſind die einzigen Geſchenke, welche die ſpaniſchen Hochzeiten mir eingetragen haben.

Im Jahre 1847 wurde die Geueral⸗Einnehmerſtelle in Bordeaux vacant. Der König ließ mir durch Herrn Duchätel anbieten, ſie der Perſon zu geben, die ich ihm bezeichnen würde und die mir von dem Einkommen dieſer Stelle einen anſtändigen Theil zukommen laſſen wolle. Ich bat den König, nicht daran zu denken und es war damit nichts. In der Mitte einer freien Regierung und einer argwöhniſchen Publicität gegenüber muß man, um dem Fürſten und dem Lande würdig zu dienen, ihnen nothwendiger ſein, als ſie uns nützlich ſind, und ihnen mehr Dienſte erweiſen, als man von ihnen Belohnung empfängt.

Ich erlaube mir zu glauben, daß meine Haltung bei dieſen verſchiedenen Gelegenheiten der beſtändigen Sorgfalt nicht fremd war, welche der König trug, mir in den perſönlichen und intimen Lebensverhältniſſen ein theilneh⸗ mendes Wohlwollen zu beweiſen, die einzige Gunſt, welche anzunehmen ich geneigt war. Er beſchäftigte ſich beſtändig mit meiner Geſundheit und empfahl mir dieſelbe mit einer zu gleicher Zeit theilnehmenden, liebevollen und zarten Sorgſamkeit.

... Er ließ keine der Debatten vorüber gehen, an denen ich mich in den Kammern mit Glück betheiligt hatte, ohne mir ſeine lebhafte Freude darüber auszudrücken; ich werde nur einen einzigen der Briefe erwähnen, den er mir in einem ſolchen Falle ſchrieb und dieſen werde ich beſonders wegen des Billets, das demſelben hinzugefügt war, citiren. V Am 2. März 1843, als ich einen großen Angriff des Herrn de Lamartine gegen die ganze Politik ſeit 1830 und das, was en denGedanken der Regierung nannte, zurückwies,

endigte ich meine Rede mit den Worten:Der ehrenwerthe Herr de Lamartine hat von der Aufopferung für das Vater⸗ land und von der Nothwendigkeit dieſer Aufopferung, um im Namen der Völker große Sachen zu thun, geſprochen. Er hatte vollkommen recht; es giebt nichts Schönes in der Wel ohne Aufopferung. Aber es giebt überall Raum für die Aufopferung; das Leben hat ſeine Bürden für alle Bedingungen, und die Höhe, zu der man ſie trägt, er⸗ leichtert keineswegs die Laſt derſelben. Sie richten, wie Sie ſagen, Ihre Blicke gern hoch, richten Sie ſie daher über ſich. Sind Sie ſeit zwölf Jahren der Zielpunct der Kugeln und der Dolche der Meuchelmörder? Sehen Sie ſeit zwölf Jahren Ihre Söhne ohne Aufhören über die Fläche der Erdkugel zerſtreut, um überall die Ehre und die Intereſſen Frankreichs zu wahren? Das iſt die wahre, praktiſche Aufopferung. Dulden Sie, daß wir ihr unſre Huldigung erweiſen und daß wir nicht undankbar ſelbſt gegen ein ganzes Regieren ſind.

An demſelben Abend nach dieſer Sitzung empfing ich von dem König dieſen Brief: