Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

und vielleicht unwillkürlich durch ſein Heimiſchſein in ungariſch Weſen, Fühlen und Denken, beſonders dem Germanenthum gegenüber, viele Charakterzüge mitgetheilt, die einem Ausländer nie mit ſolcher Un befangenheit gelingen würden. Dieſem Verdienſt ſchließen ſich ſehr leſenswerthe, im damaligen Zeit geiſt gehaltene politiſche Erörterungen an, und die Charakteriſtik einiger Hauptperſonen hat bei aller formloſen Zerriſſenheit etwas Urſprüngliches, Origi⸗ nelles. Ja es ſind ſogar gute pſychologiſche Motivi⸗

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rungen durchgeführt und den Charakteren fehlt es neben der Rohheit und Derbheit ihrer Zeit nicht an geſundem Humor undfriſcher, noch nicht gedankenblaſſer Lebenstüchtigkeit.

Wenn Sie dieſen Roman nur als eine Skizze, wenn auch als eine ſehr freie, zu einem großen Zeit⸗ gemälde wüſt⸗tyranniſcher Vergangenheit betrachten wollen, ſo werden ſie Partieen darin finden, die an⸗ regend genannt werden dürfen, um näher über die behandelte Kataſtrophe nachzudenken.

Les Mémoires de Guizot.

Der achte und letzte Band dieſes wichtigen geſchichtlichen Werkes iſt im Mai c. im Verlag von Michel Lévy in Paris erſchienen und ſchließt in einer ſehr würdigen Art eine Arbeit, welcher der geſchätzte Verfaſſer zehn Jahre ſeines Lebens gewidmet hat und die einen ſehr wichtigen Beitrag zur Geſchichte Frankreichs und Europas von 1848 liefert. Derſelbe enthält zum Schluß die ſpaniſchen Heirathen, die römiſchen Angelegenheiten, den ſchweizer Sonderbund, Fragen, die zu ihrer Zeit ganz Europa in eine gewaltige Aufregung verſetzten, und zugleich die ſchwierigſten von allen, die innern Fragen, die ſich gegen das Ende der Juli⸗Monarchie ſo gewaltig in den Vordergrund drängten und von den Parteien mit einer ſo gefährlichen Hartnäckigkeit geſtellt wurden. In dem achten Bande dieſer Memoiren erſcheinen dieſe großen Kämpfe wieder und ſie bieten das ganze Intereſſe, das ihnen dieſe ewige Jugend der Fragen der conſtitutionellen Politik in einem freien Lande oder einem Lande, das nach ſeiner Freiheit ſtrebt, verleiht. Guizot beſpricht ſie mit einer ſeltnen Aufrichtigkeit. Er discutirt ſie mit dieſer erhabenen Heiterkeit, die ihren Grund nicht blos in ſeinem hohen Alter, ſondern noch weit mehr in ſeiner Vernunft hat. In keinem andern Bande des berühmten Geſchichtsſchreibers zeigt ſich in einem ſo hohen Grade der Charakter einer ſtarken, ruhigen Ueberzeugung, ſei es den Ereigniſſen, die er erzählt, gegen⸗ über, oder bei den politiſchen Problemen, die er zu löſen ſucht, als gerade in dieſem; eine Ueberzeugung, welche keineswegs immer, wie man es glauben könnte, ſeiner Vergangenheit entlehnt iſt, ſondern die er mit dem Fortſchritt ſeines Lebens etwas verändert zu haben ſcheint, indem er ſich der Wohlthat des Alters bediente, um ſich immer mehr zu vervollkommnen. Das iſt im höchſten Grade der Charakter dieſes ſchönen

Buches, das männliche und öffentliche Bekenntniß eines großen Geiſtes, welcher durch das Nachdenken nicht weniger als durch die Erfahrung gereift iſt. Es giebt wenig hiſto⸗ riſche Schriften, deren Inhalt ſo viel Intereſſe darbietet, als der dieſes letzten Bandes von Guizot's Memoiren. Man

ſprach in Paris ſchon viel von dem Abſchnitte über die Correſpondenz, wie ich es verſtand. Mehreren iſt nur in allgemeinen und

römiſchen Angelegenheiten, den der Verfaſſer einigen Freunden vorgeleſen hatte; man ſpricht jetzt eben ſo viel von dem Capitel über dierömiſchen Heirathen, in dem

Guizot ſich über das intime Leben der Souveräne ausſpricht

und gleichzeitig die verborgenen Springfedern der großen politiſchen Ereigniſſe enthüllt, was er aber mit aller Achtung vor den Perſonen thut, die ſich mit der Wahrheit verträgt. Eben ſo intereſſant wie neu ſind die Mittheilungen des Verfaſſers über ſeine Beziehungen als verantwortlicher Miniſter zu dem klugen Monarchen Ludwig Philipp. Der berühmte Staatsmann prüft bei dieſer Gelegenheit mehrere Fragen, welche unter der Julimonarchie lange Zeit der Polemik der Journale und den Debatten der Kammern überlaſſen waren und die jetzt nicht weniger Intereſſe haben, als damals.

Ein großes Intereſſe bieten die in dieſem Bande von Guizot mitgetheilten Fragmente aus den Briefen, welche er von Ludwig Philipp erhalten hat, da ſie einen ſehr weſentlichen Beitrag zur Kenntniß dieſer beiden bedeutenden geſchichtlichen Perſönlichkeiten liefern. Wir theilen hier nur eine kurze Stelle derſelben davon wörtlich mit, weil ſie am beſten über das zwiſchen dem König und ſeinem Miniſter des Auswärtigen beſtandene Verhältniß belehrt.

Der König ſchreibt an Guizot:

Eu, den 24. Auguſt 1847. Männer wie Sie, und vielleicht darf ich auch ſagen wie ich, müſſen dem Durſte nach Beifallsbezeugungen den Muth der Impopularität ſub⸗ ſtituiren.

Guizot fügt dieſem Schreiben hinzu:

Wie groß auch meine Nachgiebigkeit gegen den König und die billige Rückſicht auf ſeine Rathſchläge ſein mochten, ſo ſuchte ich bei ihm doch ebenſowenig als anderswo nach Popularität und ich trug große Sorge dafür, die Unab⸗ hängigkeit meines Gedankens und meiner Acte in der Anwendung der allgemeinen Politik, die wir nach einem gemeinſchaftlichen Uebereinkommen befolgten, aufrecht zu halten. Ich hatte mich auf den Fuß geſtellt, den König und den Miniſterrath von den Inſtructionen, die ich unſern diplomatiſchen Agenten im Auslande ertheilte, nur in den Fällen von großer Wichtigkeit und wenn es ſich darum handelte, ihnen eine neue Richtung anzuweiſen, zu unterhalten. Uebrigens führte ich meine officielle und meine Privat⸗ Die Berathung unter in einiger Art legislaliven Fragen nützlich; außerhalb ſolcher hat die Executivmacht in der Diplomatie wie in der Verwaltung, um

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