5⁵² Rovellen⸗Zeitung.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Die Heimath, ein Schweizer Roman von J. D. H. Temme. Leipzig, Verlag der Dürr'ſchen Buch⸗ handlung 1867. Rauhe Zeiten, aus dem Unga⸗ riſchen von Kemény. Deutſch von Th. Opitz. Zürich, Verlagsmagazin, 1867.
In dem vor uns liegenden dreibändigen Romane „Die Heimath“ zeigt ſich Ihnen allerdings in ſo fern ganze und gar die moderne Schule, als darin auf Er⸗ wartung, Ueberraſchung und Verwickelung, alſo auf eine fortwährende Spannung des Leſers hingearbeitet iſt. Wohl aber iſt daneben jener beängſtigende Fehler vermieden, welcher in einer gewaltſamen Herbeiziehung zahlreicher Perſonen und Verhältniſſe beſteht, und bei den meiſten jetzigen Romanen alle Concentration des Intereſſes zerſtört und ſelbſt jede Hauptperſon endlich wohl oder übel durch Zerſtreuung der Theilnahme zur Nebenperſon werden läßt. Es geht den meiſten dieſer Erzählungen wie ſo vielen neueren Bühnenſtücken,— ſie haben trotz ſo manchen geiſtigen Reichthums keine Rollen mehr.
Temme hat häufig eine Neigung zu criminellen Unterlagen und Hintergründen ſeiner novelliſtiſchen Darſtellungen verrathen, ja er hat wohl jenes Ele⸗ ment oft ganz als dominirend in den Vordergrund gerückt. Einer ſolchen Neigung iſt auch hier in ge⸗ wiſſem Sinne Rechnung getragen, aber auch hierbei waltet in ſo fern eine feinere und angenehmere Be⸗ handlungsweiſe als gewöhnlich vor, indem der Ver⸗ faſſer nicht nur blos dem Hintergrunde dieſen Charakter verliehen, ſondern dieſem Motiv außerdem noch eine dämmernde, nur andeutende Färbung verliehen hat. Die Perſonen bewegen ſich in der Sphäre über dieſer verhängnißvollen Unterwelt in vollkommener Freiheit, und es wird durch die ſchließlich zu Tage tretende Unſchuld der Hauptgeſtalt das peinliche Gefühl aus der Antheilnahme des Leſers hinweggenommen.
Da die Erzählung, welche angelegt iſt, um die größten Kreiſe zu feſſeln, ohne ſich durch Partei— tendenzen eine einſeitige Richtung zu eröffnen, theils auf norddeutſchem, theils auf ſchweizeriſchem Boden ſpielt, ſo giebt dies zu vielen gegenſeitigen Sittenbe⸗ ſpiegelungen Veranlaſſung, und ſo mancher Leſer, der das letztere Terrain in ſocialer Beziehung nicht kennen gelernt hat, wird über manche dahin gehörige Zuſtände eine Verwunderung erregende Aufklärung finden. Auf die Zeitbeziehungen und politiſchen Reflexe in Bezug auf den weſtphäliſchen Adel und ſein Ahnenſelbſtge⸗ fühl iſt ein an ſich ganz allgemeiner Nachdruck gelegt;
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doch es geſtaltet ſich ganz von ſelbſt, daß gerade dieſe Elemente in unſeren Tagen wieder in Bezug auf Hannover verſchiedene Parallelen erhalten, welche vom Intereſſe der jüngſten Tagesgeſchichte getragen werden.
Da ſich der Verfaſſer für die äußerliche und innerliche Bewegung ſeines Romans ganz beſonders die Familienintrigue als ein im Dunkeln wirkendes Triebwerk aufgebaut hat, ſo iſt ſchon als etwas natürlich nahe Liegendes um deßwillen das weibliche Perſonal nach dem guten und böſen Princip hin weſentlich in der Charakterzeichnung hervorgetreten, und die oft gewaͤhlte Briefform begünſtigte das ge⸗ ſtändnißartige, tagebuchmäßige Eingehen in die ver⸗ borgenſten Falten des geängſtigten Gemüths. Muth⸗ loſe Unaufrichtigkeit von Seiten des Mannes und ein ſich zur Starrheit und Selbſtquälerei ſteigernder weiblicher Trotz ſeiner, die Begriffe von Liebe und Ehre verwechſelnden Frau führen bis zum Abgrunde der Tragik, an welchem nur durch fremde Hülfe und durch die Gunſt des Zufalls zur Umkehr in altes, ge⸗ waltſam zurückgewieſenes Glück die Möglichkeit ge⸗ boten und dieſe endlich auch ergriffen wird.
Wenn dieſer Roman die für den Leſer angenehme Eigenſchaft hat, ſich leicht und ſchnell zu leſen und ſich als eine durchaus unterhaltende Lectüre dar⸗ zuſtellen, ſo gewährt die zweite, eben genannte Er— zählung„Rauhe Zeiten“ dieſe Bequenlichkeit aller⸗ dings nicht.
Dennoch aber wollen wir ſie gern, da es ein ſpecifiſch ungariſches Product iſt und an dergleichen literariſchen Erzeugniſſen noch kein Ueberfluß herrſcht, in einigen Eigenthümlichkeiten kurz beleuchten.
Sie ſpielt in jener für Ungarn ſo verhängniß⸗ vollen und für die Einſicht der ungariſchen Politik ſo beklagenswerthen Kataſtrophe, in welcher Soliman der Große unter der ungariſchen Königin, der Polin Iſabella, die dem Throne nach dem Tode ihres Gatten nur einen Säugling zu bieten hatte, als Protector, Sieger und Eroberer nach Ofen kam und die ungariſche Kraft für ein halbes Jahrhundert ſchwaͤchte. Dieſe Tage der diplomatiſchen Wendung ſind denkwürdig, da ſie nicht nur ein intereſſantes hiſtoriſches Detail liefern, ſondern auch ein Spiegel⸗ bild für manche frühere und ſpätere Haltung der Magyaren geben. Nicht minder aber lieferte auch Ferdinand und Ungarns Verhältniß zu Wien ein ſolches maßgebendes Beiſpiel.
Ohne nun irgend die nothwendige Abrundung und Seelenbefriedigung eines Romans innehalten zu können oder zu wollen, hat nun der Verfaſſer dennoch jene hiſtoriſchen Details oft recht intereſſant benutzt
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