„Ihr kennt Euch ja, Kinderchen. Du bedarfſt der Unterhaltung in Deiner Einſamkeit— der gar⸗ ſtige Doctor, der Dich erſt in drei Wochen freigeben will! Auch Cornelia muß einmal mit einem Geſchöpfchen ihres Alters plaudern und über den Bruder reden, das hab' ich gedacht, wird eine gute Medicin ſein. Was verlautet über Herrn Becker? Du haſt nichts
Novellen⸗ Seitung.
oelleber Herrn Becker weiß ich wenig zu ſagen,“ fiel Chriſtel mit erheuchelter Gleichgültigkeit ein, „unſer Arzt gehört zu den Schweigſamen. Aber, Mademoiſelle, niemals auf eine Verſöhnung hoffen?“ Sie hielt inne und forſchend ruhte ihr Auge auf ihrem Gegenüber, dann aber rief ſie mit erhobener Stimme:„Die Hand auf's Herz, Cornelia! Wie ſich
Genaues erfahren?“ 45 Sterbende nach dem Leben, der Blinde nach dem
Die Freude ſaß auf Chriſtel's Lippe. Sollte ſie weinen, lachen, ſollte ſie an Cornelig's Bruſt ſinken, ein Dankgebet an Gott ſenden— zu all' dem trieb ſie in dieſem Momente ihr Herz. Freundin. Seine Schweſter, nach deren Anblick er ſich ſehnte, ihre Freundin! Nun hielt ſie deren Hand, zu der ihre Gedanken ſeinetwillen ſo oft geflogen, und nun fühlte ſie, daß es ihr gelingen werde, dieſe und ſeine Hand zuſammenzufügen, denn Gott hat dein Gebet erhört! ſo jubelte ihre Seele. Jetzt wußte ſie es, dieſer Eintritt Cornelig's ſagte es ihr, daß gleich dem Bruder auch die Schweſter ſich nach einer Begegnung, einer Ausſprache, einer Umarmung ſehne, und daß ſie vom Himmel auserſehen ſei, um die Ge⸗ ſchwiſter eine Kette von Roſen zu ſchlingen, die erſt mit dem letzten Athemzuge welken würden.
„Aber, Chriſtel,“ ſcherzte die Herzogin,„iſt das Ordnung, uns auf der Hausflur Audienz zu ertheilen? Chriſtel! wo haſt Du denn deinen Kopf? Nun, nun, beruhige Dich, ich bin nicht böſe— ſteigen wir hinauf.“
Und ſie traten in die Stube. Wenn Jemand Frau Neumann's Knixe hätte zählen wollen, er hätte wahrſcheinlich bis hundert zählen müſſen. Wie die Durchlaucht gleich ſo gemüthlich mit ihr redete! Darüber konnte unſere gute Frau gar nicht hinweg⸗ kommen.
Amalia weilte nicht lange. Als ſie ſich erhob, ſagte ſie zu Cornelia:„Sie werden noch bleiben, meine Liebe? Gut; nach einer Stunde wird der Wagen Sie abholen.“ Leiſer fügte ſie hinzu:„Wegen des Barons ſeien Sie außer Sorge, er weiß Sie ja bei mir.“
Ob Frau Neumann fühlte, daß ſie, nachdem die Herzogin ſich entfernt, überflüſſig geworden? Genug, ſie verſchwand, und keines der Mädchen hielt ſie zu⸗ rück. Beide hatten ja ſo viel zu reden, zu fragen. Daß Chriſtel mit des Bruders Familienverhältniſſen vertraut ſei, das durfte Cornelia vorausſetzen, und deshalb erwähnte ſie nur, mit wie großer Trauer ſie dieſer Familienzwiſt erfülle und wie ſie bei den An⸗ ſichten ihres Oheims niemals auf eine Verſöhnung boffen dürfe. Sie ſei hergekommen, mit einem Mädchen ihres Alters ein wenig zu plaudern und um—
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Cornelia ihre
Lichte ſehnt, ſo, Cornelia— nur die Hand auf's Herz!— ſo ſehnen Sie ſich, den Bruder zu um⸗ armen!“—
Cornelia zuckte zuſammen, ſie mußte das Auge ſchließen, ihr war's, als ob plötzlich ein Licht ſie blende— drang aus Chriſtel's Augen ein glückver⸗ kündender, goldener Strahl?
„Ich habe Sie erſchkeckt,“ ſagte da Chriſtel, auf ihre Schultern die Hände legend,„vergeben Sie!“
„Ein Traum— ein ſchöner Traum—“— und langſam ſchlug Cornelia wieder die Augen auf.
„Reden wir von etwas Anderem,“ meinte Chriſtel, indem ſie die Arbeit, die ſie hatte fallen, wieder auf⸗ nahm.
„Nein, nein, meine Liebe,“ bat da Cornelia, leiſe zu Chriſtel's Füßen ſinkend;„warum von etwas Anderem reden? Sie hörten ja ſchon aus dem Munde unſerer Herzogin, daß ich hergekommen bin, um— Ihr Blick iſt ſcharf,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„Sie ver⸗ mögen mein Herz zu durchſchauen, als ob—“
„Aus Ihren Augen ſpricht das Herz—“
„Bitte, bitte, erzählen Sie mir von meinem Bruder! Sie ſtellen ſich weit unwiſſender, als Sie ſind, der Arzt hat Ihnen gewiß berichtet, wie's Ihrem Collegen geht. O bitte, meine Freundin, erzähle— Du mir recht viel von ihm!“
„Ja, Deine Freundin!“ rief Chriſtel mit leuchten⸗ der Miene,„und nun, meine theure Freundin, ſollſt Du erfahren, wie ſich der Bruder von dem Augenblicke an, da er vernommen, daß Du in Weimar weilſt, nach Dir geſehnt hat; und nun— die Schweſter iſt Dir dies Bekenntniß ſchuldig— ſollſt Du ferner erfahren, daß mein beſtändiges Gebet zum lieben Herrgott das geweſen: Er möge die Kluft, die Bruder und Schweſter trenne, mit Blumen ausfüllen, er möge gnädig— — man pocht!“—.
Es war der Diener, der meldete, daß der Wagen, deſſen Rollen die Mädchen überhört hatten, ſchon lange warte. Wie ein Moment war ihnen die Stunde vorübergegangen. Herzlich nahmen ſie Abſchied, ſie küßten ſich, und Cornelia rief„morgen“ und„morgen“ rief darauf Chriſtel. Auf der Schwelle wandte ſich
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