Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

le

unterdrückt

VYierte

Die Frau verlor die Haube vor Schreck. Goethe, Wieland das freilich war ſo etwas Ungeheures noch nicht, denn Goethe hatte ſich ja ſchon einmal herabgelaſſen, in ihre Stube zu treten und ſogar ganz freundlich Platz zu nehmen, und was ein Geheimerath gethan und abermals zu thun gedenke, deſſen brauche ſich ein Hofrath natürlich nicht zu ſchämen. Aber die Herzogin Anna Amalia!Schnell muß geſcheuert werden. Um dieſe Jahreszeit trocknet's bald, das hat keine Noth weiter! Und die Gardinen o die wären ſchon längſt gewaſchen worden, wenn, ich bei Deiner Krankheit dafür Sinn gehabt hätte! Entſchul⸗ digen Sie, Herr Doctor, wenn ich den Handbeſen habe; der Staub da auf der Ofenkante könnte nachher vergeſſen werden!

Daraus wird nichts, erklärte der Arzt,die Diele und die Gardinen und die Ofenkante Alles bleibt, wie es iſt! Wollen Sie Ihre Tochter etwa wieder krank wiſſen? und glauben Sie, die Frau Her⸗ zogin und die Herren denken bei einem Krankenbeſuch an blitzende Dielen und Gardinen? Bedenken Sie wohl, erſt nach drei Wochen zähle ich Mamſell Chriſtel zu den Geſunden 1

Natürlich wußte die Frau noch eine Maſſe Ein⸗ wendungen zu machen, aber da nun Chriſtel verſicherte, daß ihr nichts Schlimmeres begegnen könne, als von Neuem zu erkranken, ſo mußten die Reinigungsgelüſte werden. Zu Frau Neumann's vollſter Beruhigung hatten die Herren auch gar kein Auge dafür. Goethe erzählte von der bevorſtehenden Rück⸗ kehr der Schauſpieler, den guten Geſchäften in Rudol⸗ ſtadt und dem vorbereiteten Repertoir, an deſſen bal⸗ dige Vergelebendigung er nun, da er Chriſtel ſehe und über Becker's Beſſerung Erfreuliches vernehme, glauben dürfe. Wieland brachte Grüße von allen Ecken und Enden, auch ein Compliment von Herrn und Frau Profeſſor Schiller, bei denen er neulich einen köſtlichen Nachmittag verlebt.Schiller fühlte ſich wohl und deshalb ging's ohne Kartenſpiel ab. Eine Priſe, meine beſte Frau Neumann? Unglaublich! Sie ſchnupfen nicht? Frau von Laroche ſchnupft auch nicht Sie entbehren viel, ſehr viel! Der Tabak erhält das Auge klar, Stirn und Wangen glatt und das Herz friſch. Sie lächeln? Ja, ja, meine gute Laroche lachte mich gleichfalls aus apropos, daß ſie mich kürzlich in Osmannſtädt beſucht hat, das werden Sie gehört haben. Denken Sie, nach dreißig⸗ ſäͤhriger Trennung ſehen wir uns wieder! Hm, hr tadelnder Blick gilt meinen verſchiedenen Schuhen? Bitte um Vergebung, daß ich mit einem hohen und einem niedrigen Abſatz zu Ihnen gekommen bin. Denken Sie nur, vor drei Stunden kommme ich von

Folge. 549

Osmannsſtädt herein. Im eElephanten⸗ ſtieg ich ab. Flugs packe ich meine Taſche aus, um mich umzukleiden. Was muß ich ſehen? Zwei verſchiedene Schuhe hab' ich eingepackt! Aber ich verplaudere die Zeit; ich hatte bereits die Ehre, der Herzogin aufzuwarten, bin aber nach meinem Beſuche bei Ihnen abermals befohlen worden. Unſere gnädigſte Gönnerin wird ſich am Nachmittag bei Ihnen einfinden, wie ich von ihr ſelber weiß. Alſo adieu, Madame; adieu, Mademoiſelle, unſterblicher Arthur! Der grauſame Doctor ſagte mir, Sie werden faſt noch drei Wochen Gefangene ſein horrible! Aber wenn Ihre Ketten gefallen ſind, dann muß ich Sie und die geehrte Mama in Osmannſtädt begrüßen. Sans géne, sans gene!

Alſo am Nachmittag würde die Herzogin erſchei⸗ nen. Was natürlicher, als daß Frau Neumann ver lauter Herzklopfen nicht an die Suppe denken konnte? Chriſtel zwar hatte auch keinen ſonderlichen Appetit, aber ſie ſättigte die Freude, der geliebten Herzogin die Hand küſſen zu dürfen. Aus dem gewohnten Mittagsſchläfchen ward diesmal natürlich nichts; keine der Frauen verſpürte Müdigkeit.

Um drei Uhr hielt die Kutſche vor dem Hauſe. Der Diener meldete ſeine Gebieterin. Wie das Espenlaub zitterte da Frau Neumann, Chriſtel hin⸗ gegen flog die Treppe hinab, die Arme ausbreitend, die Lippen zum Willkommen öffnend ſie ſtutzte.

Die Herzogin kam nicht allein. Neben ihr be⸗ fand ſich Cornelia von Blumenthal. Ein wenig hinter der Treppenlehne ſtand noch Chriſtel, und ſo ward ſie, ohne bemerkt zu werden, Zeuge eines kurzen Geſpräches:

Mir däucht, Sie zittern. Fällt das Gehen Ihnen ſchwer? Nehmen Sie meinen Arm.

Ich danke Ew. Durchlaucht, ich fühle mich kräf⸗ tig genug. Es fiel mir nur eben ein, daß mir zu⸗ fällig ein Bekannter meines Oheims auf der Treppe begegnen

Cornelia! noch können Sie umkehren. Ich bin weit davon entfernt, Ihnen in irgend welcher Weiſe

O, ich bin meiner gnädigſten Herrin für die Sorge um mich ja ſo dankbar. Hochdieſelben haben recht, ich bedarf eines Plauderſtündchens mit einer Altersgenoſſin, und wie ich mich freue, mit der Neu⸗ mannin über meinen Bruder

Horch! das klang wie ein Freudenſchrei! Steht denn Jemand auf der Treppe? Ah, unſere liebe Kranke, voilà! Nun ſprang Chriſtel die Stufen vollends hinab, um zu den Füßen ihrer Gönnerin zu ſinken; dieſe aber ſchloß ſie in die Arme und küßte ſie auf Stirn und Wange.