vas und rothe und blaue Seide in der Hand, und während ſie den Canevas mit Roſen und Vergißmein⸗
nicht beſtickte, rötheten ſich ihre Wangen wieder. Was das werden ſolle und für wen das beſtimmt ſei— umſonſt fragte ſo die Mutter, denn Jene ſchüttelte nur immer das Köpfchen und ſchwieg.
„Meine Liebe,“ ſagte einmal der Arzt, nachdem er eingetreten,„meine kleine Nothlüge war doch die beſte Medicin für Sie.“
„Ich verſtehe nicht,“ verſetzte
ſie, verwundert zu ihm aufblickend.
„Herr Becker befindet ſich nicht in Rudolſtadt.“
„Nicht?!“ rief ſie, bleich werdend bis in die Lippe.
„Es iſt meine Schuldigkeit, Ihnen das jetzt zu ſagen, da Sie es ſonſt von auderer Seite vernehmen würden. Aber ich kann Sie verſichern, daß Herr Becker augenblicklich weit geduldiger wurde, als er hörte, daß Sie das Bett bereits verlaſſen und wieder rothe Backen hätten.“
Sie that ſich Zwang an, ſich ſo ruhig wie möglich zu ſtellen.„Becker,“ ſagte ſie,„iſt ein ſo lieber Col⸗
muß. Guter Doctor, ich bitte, erzählen Sie mir recht genau, wie es ihm geht.“
lege, daß man das herzlichſte Mitleid mit ihm haben V eines Herzens vernimmt, V ſ
Novellen⸗ZJeitung.
„Beſter Doctor, was ſollte Goethe damit?!“
„Ei, liebe Mamſell, trägt denn Goethe keine Uhr?“ V„Der Tauſend!“ rief ſie da,„woran ſehen Sie, daß es ein Uhrband wird?“
„Die Aerzte,“ verſetzte er, ſie mit erheucheltem
Ernſte anſchauend,„haben einen beſonders ſcharfen Blick.“
Wieder glühte ſie rief:„Jetzt rathe ich's. — Collegen beſtimmt.“
„Pfui, die garſtige Spinne!“ rief ſie doch plötz⸗ lich, indem ſie aufſprang und nach der Ecke eilte, „mir graut vor dieſen Thieren!“
Auch er erhob ſich.„Eine Spinne? keine.“*
„Trotz Ihres ſcharfen Blickes?“ So fragte ſie,
während ſie das Antlitz abwandte.
b„Ich ſehe nur ein glühendes Geſicht, welches
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im ganzen Geſicht, und er Dieſes Uhrband iſt für den
Ich ſehe
mir erzählt, daß die Beſitzerin deſſelben nach drei Wochen ſehr, ſehr glücklich ſein wird, und auch mein (Ohr iſt ein ſo ſcharfes, daß es deutlich die Schläge welches— ſoll ich weiter prechen, Mamſellchen?“
Sie mußte ſich gefangen geben. Sie drehte ſich
Und er erzählte ſo genau wie möglich, aber für herum und wie ſie in ſein heiteres Auge ſah, füllte
ihre Wißbegierde lange, lange nicht genau genug. Er berichtete, daß Becker, falls ihn die Geduld nicht wieder verließe, ſpäteſtens in drei Wochen hergeſtellt ſein werde.„Nein,“ fuhr er dann fort, als ihre Frage, ob ſie ihn ſchriftlich zur Ruhe ermahnen ſolle, ihn unterbrochen,„ein Schreiben von einer— Collegin möchte nur aufregend wirken. Ich komme ja täglich zu ihm und werde ſchon ſagen, daß ſein jetzt ver— nünftiges Gebahren Sie erfreue und daß Sie ihn nach drei Wochen loben würden, wenn er—“
„O Gott, wie glücklich werd' ich ſein, wenn der Augenblick da iſt, wo—“
„Wo?“ Er drückte den Kopf ſeines ſpaniſchen Rohrs gegen die Lippe, um das Laͤcheln zu verbergen.
„Wo—? Was wollte ich denn? Ach ja— ja ——“ und Purpur überſtrömte ihre Wangen.
Waͤre die Mutter in der Stube geweſen, ſo hätte ſie nicht wieder zu fragen brauchen, für wen die Stickerei beſtimmt ſei.
Jetzt fragte der Arzt, dem häufig der Schalk im Nacken ſaß, danach, indem er auf die Roſen und Vergißmeinnicht deutete.
„Ein Geheimniß,“ ſo wehrte ſie ab.
„Erlanben Sie, daß ich rathen darf?“
„Immerhin, rathen Sie.“
„Für Goethe.“
ſich das ihre. 4 „Die Beichte ſei Ihnen ertaſſen g ſo brach er ſcherzend ab, denn die Thür ging.. 4 Frau Neumann trat ein. „Ich habe,“ ſprach er,„Ihrer Tochter eben reinen
Wein eingeſchenkt, da ſie von den Beſuchen, welche
ſie zu erwarten hat, doch die Wahrheit erfahren würde.“
„Beſuche? Erzählen Sie doch.— Aber weshalb ſtehen Sie denn?“.
Während ſich die Drei nun niederließen, erzählte er, daß ſowohl die Herzogin Mutter wie Goethe und Wieland bei ihm hätten anfragen laſſen, wann Mam⸗ ſell Neumann das Zimmer wieder verlaſſen dürfe; und da ſeine Antwort die geweſen, daß die Mamſell erſt nach drei Wochen als völlig geneſen zu betrachten ſei, ſo—
„Aber weshalb nehmen Sie gerade drei Wochen an?“ fragte die Mutter.
„Das iſt ärztliche Sorgfalt,“ ſagte die Tochter, ihm heimlich ein Zeichen gebend.
„So,“ fuhr er fort, ohne von der Unterbrechung Notiz zu nehmen,„haben mich die Herrſchaften wiſſen laſſen, daß ſie keine Luſt hätten, noch einundzwanzig Tage auf Chriſtel's Beſuch zu warten und daß ſie ſich deshalb ſelbſt zur Patientin auf den Weg machen würden.“
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