Jahrgang 
27-52 (1867)
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ziehen: erſt nach Erfurt und

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K

Vierte

weilig zweier Stützen beraubt, ſah er doch das vor⸗ bereitete Repertoir über den Haufen geworfen. Er hatte noch, nachdem er das Schloß verlaſſen, einige nächtliche Stunden zum Arbeiten benutzt und ſich, da der Arzt verſichert, daß es mit Chriſtel beſſer ginge, einen Plan für die nächſten Monate zurecht gelegt.

Seine Freude über ſeineLeutchen, die mit einem Male Ernſt und Eifer gezeigt, über das Pu⸗ blicum, deſſen Neugierde ſich in Begeiſterung verwan⸗ delt, bedarf keiner. Erwähnung. Er hatte immer wieder an das Geſpräch im Ahorngang des Schloßgartens, an Chriſtel's dort geſprochene Worte denken müſſen: Ich hoffe, die Menge wird mit uns an unſern Altä⸗ ren zu unſern Göttern beten! Und da hatte er ſich zugerufen:Vorwärts auf dieſem glücklich betretenen Wege! Durch Dick und durch Dünn! wie's in Chriſtel's altem Liede heißt.

AufKonig Johann hatten nun Stucke Schrö⸗ der's, Leſſing's und vor Allem Sch iller'sDon Carlos folgen ſollen; ſo hatte Goethe in ſchr weigender Nacht das Repertoir vorbereitet. Alles warf da Chriſtel's, ſich trotz des Arztes Verſicherung ſteigernde Kraukheit und das Unglück, welches Becker betroffen, über den Haufen. Was konnte Goethe jetzt beginnen? An die Verwirklichung ſeiner Pläne war unter dieſen Um⸗ ſtänden nicht zu denken, und auf Shakeſpeare's Dich⸗ tung, die Publicum wie Schauſpieler aus dem alten Schlendrian herausgeriſſen, wieder leichte Koſt, die das Erreichte unfehlbar wieder zertrümmern würde, folgen zu laſſen, das wäre ein Ding der Unmöglichkeit geweſen. Deshalb ließ er das Theater ſchließen und ſeineLeutchen unter Kirms' Oberaufſicht von dannen dann gen demden n

wo man ihrer ſchon lange verheißenen Ankunft mit größtem Verlangen entgegenſah und ihre, natürlich in jeder Hinſicht mangelhaften Vorſtellungen mit einer Liebe aufnahm, die der Caſſe zum größten Nutzen gereichte, worüber der ͤkonomiſche Kirms der Freude voll war.

Es waren ſehr traurige Wochen.

Zwei, die ſich nur ein ganz kleines, aber ſo un⸗

An

Frau

endlich inhaltsreiches Wörtchen zu ſagen hatten, trennte der häßliche Gaſt, die Krankheit. Sonderbares Ge⸗ ſchick, das Beide zur ſelben Zeit auf das Lager ge⸗ worfen! Allerdings hatte der Arzt an jenem Abend wahr geſprochen, als er die Verſicherung gegeben, es gehe beſſer mit Chriſtel; allein was hätte wohl ihren Zuſtand ſchleuniger verſchlimmern können, als die Nachricht von Becker's Sturz? So lange wie möglich war ihr dieſer Unglücksfall verſchwiegen worden, aber da ihre Unruhe über des Freundes Fernbleiben von ihrer Mutter bis zu einem bedenklichen Grade zunahm,

am ſchuellſten zum Ziele führen würde.

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ſo hielt es der Arzt für das Gerathenſte, die volle Wahrheit zu ſagen.

Sich ſteigerndes Fieber war die nächſte Folge. Chriſtel's ohnehin ſchwächlicher Körper ward immer mehr einem Schatten ähnlich. Frau Neumann ver⸗

ließ nicht Tag noch Nacht des Kindes Lager, und die

ganze Stadt zeigte die innigſte Theilnahme, indem von allen Seiten Erkundigungen eingezogen, ſüße Früchte und dergleichen mehr geſand wurden. Der

Arzt ging täglich dreimal von Chriſtel zu Becker, denn längſt hatte er einſehen müſſen, daß auch dieſer Pa⸗ tient das Zimmer ſo bald nicht wieder verlaſſen würde. Stündlich wuchs deſſen Unruhe und Ungeduld. Aller Vorſtellung zum Trotze, glaubte er ſich mindeſtens kräftig genug, um nach 8 Jacobsſtraße gefahren werden zu können; und natürlich war dieſe Aufregung ganz dazu gemacht, die Heilung zu verſcheuchen. Auch ihm mangelte es keineswegs an Theilnahme. ſeinem Lager ſaß ſeine Wirthin, und die gute bielt es für ihre Schuldigkeit, unausgeſetzt in ihrem Gedächtnißkämmerchen zu kramen, um den Kranken durch Erzählungen zu zerſtreuen. Aber kaum, daß er auf all' die Geſchichten von erwachter und ſeliger und unerwiderter und verzweiflungsvoller Liebe hörte, daß er das Kiſſen, die kräftige Brühe oder das Fläſchchen mit altem Wein beachtete, womit ungenannte Perſonen ihn überraſcht; nur den Strauß, der heute, oder die Roſe, die morgen aeſaudt wurde, hob er auf und drückte ſie an ſeine Lippen ſagte ihm doch die innerſte Stimme, wer dieſe Blumen geſendet, und flüſterten doch dieſe Roſen und Reſeden und Vergiß meinnicht, daß außer Chriſtel noch Jemand in Liebe ſeiner gedenke und, ſtatt Blumen zu ſchicken, ſelbſt in ſein Zimmer treten und an ſeine Bruſt ſinken würde, wenn nicht! Beſtändig wollte er aus dem Bette und Briefe ſchreiben. Einmal benutzte er einen unbewachten Moment und erhob ſich; was war die Folge? Der kranke Fuß gleich einem Strohhalm zuſammen. Wie auch ſeine Ungeduld

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kuickte der Arzt zuͤrnen und warnen mochte, vergrößerte ſich nur.

Chriſtel hatte derweil das Schlimmſte überſtanden.

Wir begrüßen ſie, während ſie, mit einer Stickerei auf dem Lehnſtuhl ſitzt. Das ſcharfe Auge daß eine Unwahrheit Und deshalb hatte er geflunkert: Becker ſei wieder geneſen und bereits zur Geſellſchaft nach R udolſtadt abgereiſt. Da war denn Chriſtel gleich weit ruhiger und heiterer ge⸗ worden, und wie erſt wieder die Heiterkeit Platz ge griffen, da hatte Frau Neumann erleichtert aufathmen

dürfen. Nun hielt unſere Freundin einen Streifen Cane⸗

beſchäftigt, des Arztes hatte bald erkannt,