Jahrgang 
27-52 (1867)
Einzelbild herunterladen

546

Novellen⸗Zeitung.

Stute gemiethet. Die ihm begegneten, murrten wohlüber durch gebrochen, ſagt Er? Gräßlich, das, gräßlich!

den Schauſpieler zu Pferde, der damit zeigen wolle, daß ſein Vater ein Officier und von Adel geweſen, daß auch durch ſeine Adern blaues Blut rolle; er aber ließ die Leute denken und reden, was ſie wollten, es fiel ihm nicht ein, deshalb weder das Reiten, noch Schießen oder Fechten zu unterlaſſen.

Eine halbe Stunde mochte vergangen ſein. Aus den einzelnen ſchweren Tropfen war derweil ein an haltender ſtarker Regen geworden, und auf dem all mälig aufſteigenden Wege bildeten ſich Abflüſſe und ſtehende Gewäſſer, der Boden ward immer neicher und ſchlammiger. Die Wolken wälzten ſich um die Pappelbäume, faſt zum Greifen tief.

Becker hatte gezaudert, ob er umwenden oder vorwärks ſprengen ſollte; da aber Berka nicht mehr fern ſein konnte, entſchied er ſich für das Letztere und galoppirte weiter, dem Pferd die Sporen gebend. Im Berkaer Wirthshauſe auf blauen Himmel zu warten, ſchien ihm das Beſte.

Er zog die Uhr. Es war um die neunte Stunde.

Der Weg ſtand jetzt faſt ganz unter Waſſer, und das Pferd keuchte vorwärts. Becker trieb es mit der Gerte und mit Zurufen an jetzt ſtolperte es, und während er die Zügel ſtraffer zog, entfiel die Gerte ſeiner Hand. Er hielt an, um abzuſteigen von dem naſſen Steigbügel glitt da der Fuß ab er griff ſeitwärts, um die Mähne des Thieres zu packen, und griff fehl...

Das geſchah eine knappe Viertelſtunde vor Berka...

Und die Uhr ging auf zwölf, auf eins, und ver⸗ gebens ſchaute Mertens, der Pferdeverleiher, nach Herrn Becker aus.Komödianten ſind Betrüger und Betrüger ſind Komödtanten! donnerte er durch das Haus, indem er ſich anſchickte, zum Land-Kammerrath Kirms zu gehen, um dieſem überGauner! Diebe!

Ausreißer! reinen Wein einzuſchenken.

Als er die Thür aufriß, welche zu der Schreib⸗ ſtube des Herrn Land⸗Kammerrath führte, wäre er im Moment über ein Berkaer Bäuerlein geſtolpert, das auf der Schwelle ſtand und ſich anſchickte, eine eben beendete Hiobspoſt noch einmal mit ächt bäu⸗ riſcher Redſeligkeit zu wiederholen. Aber Kirms ſchnitt ihm das Wort vom Munde ab, und nachdem er den Tabak vom Jabot geklopft und dreimal über ſein glattraſirtes Kinn geſtrichen hatte, machte er ſeinem gepreßten Herzen Luft:

Eine ſchöne Geſchichte, das! Excellenz werden ſehr böſe werden, und der Henker mag wiſſen, was jetzt aus unſerm Theater wird! Zwei Invaliden, die Neumann und der Becker! Donner und Blitz! unſer ganzes Repertoir geht caput! den Fuß mitten⸗

Und in der Schenke liegt er? und der Bader draußen

hat ihn verbunden? und der Fuß müſſe abgenommen werden, hat der Bader geſagt? Ich fühle meinen Kopf gar nicht mehr! Ja, ich werde Excellenz Mel⸗ dung machen und ſelber hinausfahren. Er kann mit⸗ fahren, wenn er will. Das kommt von dem unſinnigen Reiten, das der Teufel erfunden hat ſchweigen Sie nur ganz ſtill, Mertens, Ihr Geſchäft iſt nur dazu da, um die Menſchen zu verführen und zu rui⸗ niren, und wenn ich der Herzog wär', wür en Sie in Strafe genommen! Schreien Sie naie bar⸗ bariſch! Was kümmert das uns, wo Ihr Pferd iſt? Wenn's alle vier Beine gebrochen hätte und den Hals dazu, wäre mir's ziemlich einerlei, ja, das wär' ein Denkzettel, der Ihnen gar nichts ſchaden könnte! So halten Sie doch den Mund! Sie hören ja von Dem da, daß Ihre alte Stute in Berka im Stalle ſteht und ſich's ſchmecken läßt! Reiten Sie nur hinter⸗ drein und holen Sie das Vieh Er kann mit mir fahren, hab' ich geſagt; jetzt muß ich Excellenz Mel⸗ dung machen!

Aber Mertens fühlte ſich durch Kirms' Ausdrücke: alte Stute undVieh in einem ſolchen Grade beleidigt, daß er vor Zorn gar keine Worte finden konnte. Er riß nur den Mund auf und ſchloß ihn wieder, und dieſes Gebahren benutzte Kirms, um ſchleunigſt nach Hut und Handſchuhen zu greifen und ebenſo ſchleunigſt zu verſchwinden..

Der Bader und das Bäuerlein hatten, Gott Lob!

zu ſchwarz geſehen. Als der Medicus, der auf Goethe*8, Wunſch mit Kirms hinausgefahren war, den Bruch

nur flüchtig unterſuchte, erklärte er ſogleich, daß Becker in vier bis ſechs Wochen hergeſtellt ſei. Anfangs be⸗ fürchtete der Aermſte, er müſſe hier draußen auf Hei⸗ lung wartenJallein auch von dieſer Sorge befreite ihn der Medielfs, indem er anordnete, den Kranken auf einer Bahre nach der Stadt zu bringen, ſobald der Regen nachgelaſſen.

Schon am nächſten Tage konnte Becker leichter athmen. Der Himmel war wieder blau und die Sonnen blickte freundlich auf das Leinewanddach, welche über der Bahre, die man dem ſtädtiſchen Kranken entnommen hatte, wölbte. Becker's Wirthin h gewiſſenhaft für die möglichſte Bequemlichkeit geſo und ſo empfingen ihn, als man ihn in ſeine Wohn trug, eine Menge kleiner Annehnlichkeiten, Angeſ deren ſich der Schmerz weit leichter ertragen ließ

Wochen vergingen ſo.

Die Verſtimmung, die Goethe ſeit Chriſtel's, 4 Becker's Erkrankung befallen, durfte ſeine Umgebn unmöglich Wunder nehmen. Sah er ſich doch z

. 1*

g