Jahrgang 
27-52 (1867)
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VDierte

Eine Fahrt auf dem Nil.

Die Fahrt auf dem merkwürdigſten Strome der Welt iſt von gar manchem Reiſenden geſchildert worden und die Reichhaltigkeit der Wirklichkeit zeigt ſich am beſten in der Verſchiedenartigkeit dieſer Beſchreibungen. Eine der neueſten giebt der Verfaſſer der beiden BändchenAus dem Orient, auf die wir noch zurückkommen.

Eine Menge von Schiffen, ſagt er, begegnen dem Reiſenden auf dem Nil. Boote, ſchwerbeladen mit Getreide, laſſen ſich abwärts gen Kairo oder Alexandrien von der Strömung des Fluſſes treiben oder werden in betrügeriſcher Weiſe mit Nil reichlich gewäſſert; andere führen Waaren des Oberlandes nilabwärts, während jenes ausgediente, fenſterloſe Nilboot das einſt in ſtolzen Farben wehende Banner reiſender Franken bis zu den Katarakten führte, dicht mit Arabern und Türken, Männern und Frauen, beſetzt iſt, welche als Mekkapilger nach Kenneh ziehen, um von hier aus über Koſſeir am rothen Meere die Seereiſe nach der Stadt des Propheten zu unternehmen. Oft hält das altersſchwache, ausgediente Nilboot die Laſt nicht aus, das Schiff wird leck und Hunderte der Pilger ſterben den Waſſertod in den reißenden Fluthen des Nils. Dort zieht ein eiſernes Nilboot mit engliſcher Flagge vorüber, die Reiſenden unſers Dahabieh begrüßen daſſelbe mit Flinten⸗

ſchüſſen, die der Dragoman der Herren Engländer auf ertheilten Befehl höflicherweiſe erwidert, während die Lady auf dem überdachten Verdecke der Cajüte auf ihrem Flügel die neueſten Compoſitionen einübt. Ein drolliges Fahrzeug zieht dort den Nil langſam abwärts. Tauſende von Töpfen

mit verklebten Oeffnungen ſind mit ihren Henkeln verbunden

und laſſen ſich ſo als Topfflöße von Kennek, dem beſten Topfmarkte, nach Kairo treiben, um da ihre Käufer zu finden. Dort ſchwimmen zwei Araber von einem Ufer des Fluſſes zum anderen in landesüblicher Weiſe hinüber. Der eine ſtemmt die Bruſt auf einen ausgehöhlten Kürbis, während der andere den Palmblock als Stütze gewählt hat. Ein dritter, und dieſen Weg habe ich ſelber durchgemacht, reitet auf dem breiten Rücken eines Büffels, der, ungeachtet der Laſt, kaltblütig und ſicher, ja mit Wohlbehagen, den Fluthen des Stromes Trotz bietet, den Kopf mit den kleinen Augen und der breiten Schnauze langſam hin und her bewegend. Nun, und die Krokodile! Fürchtet denn nicht der kühne Schwimmer und der Reiter im Waſſer die verrufenen Nil⸗ bewohner? Zur Beruhigung aller Nilreiſenden kann eine verneinende Antwort gegeben werden. Die Krokodile, welche in Oberägypten noch heut zu Tage ſo zahlreich ſind, daß

man ſie auf den bloßgelegten Sandbänken des Niles zu

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Dutzenden ſich ſammeln ſehen kann, pflegen nicht weiter, als bis in die Gegend von Beni⸗ſuef zu kommen, einige Meilen oberhalb Kairo. Wie es ſcheint, hat die europäiſche Induſtrie, welche in ganz Unterägypten, bis ſüdwärts nach Kairo hin, ſelbſt auf dem Waſſer eine große Lebensthätigkeit und Beweglichkeit entfaltet, den Thieren den Aufenthalt in den unteren Stromgebieten des Nils verleidet, ſo daß heut zu Tage nur ſelten ein Exemplar des Krokodilgeſchlechts nörd⸗

ſich vom 29. bis 30. Breitegrad geſehen wird. Beſonders

äufig finden ſich die Krokodile in Oberägypten, in der Nähe on Dendera und Theben, wo ſie auf den Sanddünen oder dem flachen Ufer wie ungeheure ſchmutziggrüne, 5 bis llen lange Baumſtämme nebeneinander und ſelbſt über⸗ dder daliegen, von Zeit zu Zeit den gierigen Rachen und zuklappen, während ihnen ein kleiner Reiher

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beſtändige Geſellſchaft leiſtet, auf ihrem Schuppenpanzer herumſpaziert, das zahlreiche Ungeziefer daſelbſt ablieſt und bei jeder herannahenden Gefahr ein lautes Geſchrei erhebt. Die Krokodile ſtürzen ſich alsdann mit langſamen Wen⸗ dungen in den Strom, daß weißer Schaum aufziſcht und mächtige Wellen über ihrem Körper zuſammenſchlagen. Sie ſind den Menſchen nichts weniger als gefährlich, wiewohl es ſich bisweilen ereignet hat, daß hier und da ein Krokodil nach einem Aegypter oder Neger geſchnappt hat, in der Meinung, es mit einer beſonders großen Art von Amphibien zu thun zu haben. Das Krokodil iſt ſehr ſchwer zu ſchießen, da jede Kugel ven ſeinem Panzer abprallt und nur wenige verwundbare Stellen an ſeinem Leibe vorhanden ſind. Dazn gehört vor Allem die Achillesferſe der Krokodile, eine Stelle hinter dem Ohre. Die Aegypter fangen ſie in ſtarken Netzen, benutzen aber das Fleiſch gar nicht, ſondern höhlen den Panzer aus und hängen ihn als probates Schutzmittel gegen den böſen Blick über den Thüren ihrer Wohnungen auf. Wenn der Reiſende durch eine ägyptiſche Stadt geht, da ſieht er über den Eingängen, beſonders neuer Häuſer, bald ein derartiges ausgehöhltes Krokodil, bald eine Aloépflanze befeſtigt, beides dem ägyptiſchen Volksglauben zufolge ſehr bewährte Mittel, um den böſen Blick und jegliches Unglück von den Bewohnern des ſo geſchmückten Hauſes fern zu halten.

Weniger gefährlich als die Krokodile, für die Geſund⸗ heit oder gar für das liebe Leben unſerer Reiſenden aber doch bis zum höchſten Grade läſtig und plagend iſt die große Schaar jener geflügelten und ungeflügelten Inſecten, welche in allen Abſtufungen ihrer Art die aufdringlichen Mitbe⸗ wohner des Nilbootes ſind. Von der langhaarigen und großbeinigen, häßlichen Tarantel an bis zu dem kleinſten, faſt unſichtbaren Moskitogeſchöpfe hin, beſtreben ſie ſich mit gemeinſamen Kräften, den Reiſenden bei Tag und bei Nacht im wahrſten Sinne des Wortes bis auf's Blut zu peinigen, wenn er ſich nicht mit großen Doſen des ſtärkſten Inſecten⸗ pulvers verſehen hat.

Sobald die Sonne untergeht und die Reiſenden ge⸗ zwungen ſind, ſich in die inneren Gemächer der Cajüte zurückzuztehen, ſo beginnt das agenilich Leben dieſer ägyp⸗ tiſchen Plagegeiſter. Die Tarantel und langbeinige Spinnen verlaſſen ihre ſicheren Ecken, um Jagd auf Fliegen und Moskitos zu machen; breite und plattgedrückte Schaben, deren Schilder oft einen Durchmeſſer von Zoll haben, kriechen an den glatten Wänden der Cajüte auf und ab; braune und ſchwarze Käfer fliegen brummend und ſummend um das Licht der angezündeten Kerzen herum, und der Moskitos ſtechende Schaar greift mit kühnen Stacheln die fremden Pilger im Nilboote an. Um das Entſetzen zu ver⸗ mehren, geſellen ſich zu dieſem fliegenden Haufen jene kleinen Inſecten, welche ſchon zu Moſes Zeiten dem Aegypter eine Landplage waren, und die der franzöſiſche Witz in Aegypten mit dem Namen der kleinen Cavalerie charakteriſirt hat. Haben die Reiſenden die mannigfachen Drohungen und Schrecken dieſer kleinen, aber zahlreichen Umgebung überwunden und die Augen zum Schlafe geſchloſſen, ſo weckt ſie das ſummende Geräuſch und das ſtechende Jucken, welches ein faſt unſichtbares Thier vom Moskitogeſchlechte zum Urheber hat, das im arabiſchen Volksmunde den Namen führt:Akul oskut, zu Deutſch:Friß⸗Schweig. Es gehört unbeſchreibliche Geduld dazu, die erſten Angriffe ſolcher Abende und Nächte mit Ruhe zu überwinden, aber Gott iſt barmherzig und der Menſch fügt ſich in das Unver⸗

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