Jahrgang 
27-52 (1867)
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Ausdruck der Männer, und verſichernder noch jener der denn wann wären dieſe jemals billige, nach⸗

Frauen; ſichtige Richterinnen einer Mitſchweſter?

So ſagten ihr denn auch Alle nach: daß ſie auf das Geheiß ihres Gatten in ihre Heimath zurückgekehrt ſei, weil ſie eine ſchlechte Wirthin, ein eigenſinniges, verzogenes Weib

geweſen. Einſtimmig verurtheilte man ſie.

Sie trug es geduldig, dieſe ſcheelen Blicke, dieſe nicht⸗

begehrte keine Theilnahme. Hätte ſie dieſe auch durch Mittheilung der Wahrheit heraus⸗

achtenden Mienen; denn ſie

fordern wollen, würde ihr ja doch Niemand geglaubt haben denn wo die Andern zu verdammen entſchloſſen ſind, hilf keine Vertheidigung.

Sie hatte es vorgezogen,

Knaben erziehen, ſollte ihm Vater und Mutter gehörte, bei ihrem jugendlichen Alter, Ueberlegung.

Sie hatte ihrem Kinde den Namen ſeines Vaters gegeben. Wenn er zu ihren Füßen ſpielte und ſie ihm Wilhelm nachrief, zuckte ſie oft ſelbſt in dem Klange ihrer eigenen Stimme zuſammen. Wilhelm! Wie ſo theuer war dieſer Name einſt ihrem Herzen geweſen, und nun?

Er hatte ihre Abſchiedsworte unbeantwortet gelaſſen, Sie hätte das vermuthen können, weil ſie ſeine leicht gekränkte Selbſtliebe kannte, und dennoch wann hörte das Herz zu hoffen auf? dennoch wartete ſie von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, daß er dies für ſie ſo ſchmerzliche Schweigen brechen würde.

Wenn er nun krank wäre? fragte ſie ſich. Wenn 7

Er war und blieb der Vater ihres Sohnes.

Es drängte ſie oftmals, die Feder zu ergreifen und ihn

um Nachricht zu bitten; doch wie ſollte er das Bangen

um ihn verſtehen, das er, allem Anſcheine nach, ja gar nicht

theilte; denn auch nach ſeinem Knaben hatte er ja nie gefragt,

und wo die Gattin ſchon Alles verzeihen wollte, trat nun die gekränkte Mutterliebe ein.

Ein Nervenfieber erlöſte ſie bald darauf Zweifeln, indem es ſie der Beſinnung beraubte. in ihren Phantaſieen ausſprach, Urſache ihrere Krankheit. Heilung mußte hier aus dem Gemüthe hervorgehen, begriff er, und wandte ſich an einen Collegen nach Stuttgart, ihm die Gefahr der jungen Frau meldend, und den Auftrag ertheilend, den Gatten davon in Kenntniß zu ſetzen. Umgehend ſchrieb dieſer zurück: Advocat Wilhelm Weiß habe die Stadt verlaſſen und ſei, wie das de hanege nach Amerika gegangen.*

In den erſten lichten Augenblicken wurde dieſe Kunde behutſam der Kranken hinterbracht. Wie ein Blitz leuchtete

von allen Was ſie belehrte ihren Arzt über die

es auf ihrem Angeſichte.Nach Amerika! flüſterte ſie in ſich hinein, und eine Stimme, jene leiſe Stimme, welche⸗wir Ahnung nennen, jener Inſtinct des Herzens, welcher oft weiter ſieht, als der größte Verſtand, ſprach vernehmlich zu ihr: er ſei gerettet.

Er hatte mit den ſchlimmen Freunden gebrochen, hieß das nicht ſo viel, als daß er ſich ſelbſt wiedergefunden? Nur wer ſich ſelbſt aufgiebt, iſt verloren. Er hatte ſich ſelbſt nicht aufgegeben; dadurch gehörte er ihr ſchon wieder an.

Schnell genas ſie. Die Hoffnung zauberte eine neue Röthe anf ihre Wangen. Wenn Abends der kleine Knabe die Hände faltete und betete, ſo umſchloß ſie ſie mit den

Novellen⸗ZJeitung.

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nicht bei ihren Eltern zu wohnen, weil Stille und Einſamkeit ihren Kummer heilen ſollten; das ihr von dieſen ausgeſetzte Nadelgeld reichte hin zur Beſtreitung ihrer einfachen Bedürfniſſe und ſie gewann Zeit, ihrer Zukunft in das Auge zu blicken. Sie ſollte einen ſein; dazu

ihrigen und betete ihm inbrünſtig nach: Deinen guten Vater!

Sie fühlte ſich ſo glücklich, ihn jetzt wieder lieben zu können. Kummer, Leid, Entbehrung, jede Noth der Erde, wie klein kam ihr das Alles vor gegen den einen großen Schmerz den Gatten nicht achten können!

Alles will ich mit ihm tragen, wiederholte ſie ſich fort und fort,über die Erde will ich ihm folgen, kein Meer iſt mir zu weit, kein Berg zu ſteil, keine Hütte zu arm, worin ich neben ihm Platz finde; nur will ich ſagen können: Kind! das iſt Dein Vater; ſuche ihm zu gleichen! 1

Sie lachte und ſcherzte wieder mit ihrem Knaben. Nach ſo viel Trübſal wirkte die Hoffnung auf neues Glück faſt berauſchend auf ſie. Oft war ſie heiter, bis zum Muth willen.

Mit beſorgtem Blicke folgte ihr die Mutter. Ihr ſchien dieſer ganze Zuſtand unnatürlich, gefährlich, ſie knüpfte nicht auszuſprechende Befürchtungen daran. Ihr Schwieger⸗ ſohn war nach Amerika gegangen, ſeiner zerrütteten Verhält⸗ niſſe halber; er hatte augenſcheinlich Weib und Kind vergeſſen, und ihre arme Tochter konnte darin noch ein Glück ſehen!

Sie mochte nicht ſagen: Kind, das iſt Wahnſinn! Aber ſie dachte es.

Tage, Wochen, Jahre gingen vorüber, wohl war das eine lange Zeit, und häufig auch empfand Franziska die Pein 2 dieſes Vorwärtsſchauens auf den kommenden Morgen, dieſes

Gott beſchütze auch

Hoffens, das nur aus ihrem gläubigen Herzen hervorging; allein kettete die Sorge ſich an ſie vor den Augen der Welt, ſo fand ſie wieder neue Ruhe und innere Gewißheit, wenn 8

igauie ſich ſelbſt allein war und ihr Auge nach Oben Der kleine Wilhelm hatte ſein ſechſtes Jahr zurückgelegt,

und war auf ſein Verlangen mit einem Paar großen Leder⸗

ſtiefeln beglückt worden, deren Haltbarkeit er heimlich hinter 1

dem Rücken der Mutter in einer Pfütze probirte. Franziska ſaß in einer Laube ihres kleinen Gartens und las in ihrem Tagebuche. Die Geburt ihres Sohnes war ein Erinne⸗ rungstag, an welchem ſie jedesmal alle Freuden und alle Schmerzen der erſten Jahre ihrer Ehe wieder durchging und, die Hand auf's Herz gelegt, ſich fragte: habe ich denn auch nichts verſehen, um mein großes, großes Glück zu einem flüchtigen Traume werden zu laſſen? Thränen rollten über ihr Antlitz. Sie ſah auf die weißen Blätter und fragte ſich, 6 wann ſie die Fertſetzung ſchreiben würde. Mama! hörte ſie den Kuaben rufen. Gleich darauf kam er hervorgeſprungen und warf ſich in ihren Schooß. Zugleich war es, als ob ein dunkler Schatten hinter der Laube vorüber gleite. Sie faßte ihres Kleinen Kopf in ihre beiden Hände, ſah ihm zärtlich in die leuchtenden Augen und ſagte:Wie ähnlich biſt Du doch Deinem guten Vater! Wäre er nur hier und könnte Dich ſehen! Franziska! So gedenkſt Du meiner? rief da eine tiefe, männliche Stimme, und ihr Gatte ſtand neben ihr. Lautlos hing ſie an ſeinem Halſe. Er war es und er war es nicht. Es war der Mann ihrer Wahl, bevor die ſchlimmen Freunde ihn ihr entfremdet, er hatte in der neuen Welt ſich ſelbſt wiedergefunden, und in der dort gegründeten Heimath bot er ihr jetzt einen Platz an ſeiner Seite an,

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