Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vorwürfe machen. = r

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Vierte Folge.

Eheherrn zu reſpectiren aufhört, dann ſcheidet ihr beſſeres Selbſt ſie von ihm. Aber ſei es! Ich will die ſchwere Stunde zu dieſer mein Schickſal entſcheidenden Unterredung ſorgſam wählen und Goit bitten, daß er mir die Worte, das Herz meines Gatten zu rühren, auf die Zunge lege.

Ich habe geſprochen. Der Anugenblick dazu fand ſich ganz unerwartet. Es waren mehrere Rechnungen eingelaufen, die zu zahlen uns unmöglich ſind. Die Gläubiger drängten. Wilhelm ging in ſeinem Zimmer mit haſtigen Schritten auf und ab. Ich trat zu ihm ein.Lieber Mann! begann ich ſehr ernſt, aber ſanft,wäre es nicht beſſer, die Leute zu befriedigen, als ſie zu dem Aeußerſten zu treiben?.

Ja, aber womit! fiel er höhniſch ein.

Es giebt zwei Wege. Entweder verſetze ich meinen Schmuck, auch einen Theil des Silberzeuges, wenn er nicht ausreicht; oder ich ſchreibe nach Hauſe und bitte um ein Anlehen.

Das Letztere um keinen Preis! fiel er ein.

Alſo das Erſtere, obwohl ich das Letztere vorgezogen hätte.

Du wirſt aber Deinen Schmuck entbehren und wer weiß, wann wir ihn werden einlöſen können!

Das werde ich Dir ruhig überlaſſen; Du biſt das Haupt der Familie, und wirſt darin das⸗Angemeſſene thun.

Ich? ſagte er verwundert.Aber kann ich denn Geld aus der Erde ſchlagen?

Nein, aber Du kannſt es durch Deine Arbeit verdienen.

Ja ſo! verſetzte er wegwerfend.Du willſt mir

Nein, Wilhelm, das will ich nicht. So wenig ich es je gethan, ſo wenig ſoll es heute geſchehen. Du biſt der Herr des Hauſes, wie Du es Deiner Perſon und Deines Willens biſt. Aber bitten will ich Dich, innig bitten, den falſchen Freunden zu entſagen, die Dich an einen Abgrund geführt. Nich aus Neigung folgſt Du ihren Einflüſterungen, ich weiß es; Du thuſt es ſogar ungern und mit Widerwillen; doch Deine ſchwache Seite, Dein leicht verletzliches Selbſt⸗ gefühl heißt Dich Ja ſagen, wo Dein beſſeres Gefühl Nein ſagen möchte. Sieh nun, wohin uns dies Ja geführt hat. Das Glück Deines Hauſes, das Glück in Deiner Familie koſtet es Dich, und was hat es Dir dafür eingebracht? Durchwachte Nächte, verſchlafene Tage, eine verminderte Praxis, eine leere Börſe, Schulden, ein ſorgenvolles Leben und die tauſend, tauſend heimlich vergoſſenen Thränen Deiner Gattin. Sieh, das Alles wäre mit einem einzigen poſitiven Nein von⸗Deiner Seite vermieden worden.

Du haſt darum geweint, Franziska?

Das fragſt Du noch? Geweint, bis meine armen Augen keine Thränen mehr hatten, geweint um den Vater meines Kindes, geweint um den verlornen Gatten! Sieh! Wilhelm, am Altare hatteſt Du mir gelobt, mich glücklich zu machen, und mir auch in dem erſten Jahre unſerer Ehe dies Verſprechen gehalten, bis Deine unſelige Nachgiebigkeit

Dich Deinem Hauſe entfremdet; unſelig, ſage ich, denn auch

Du biſt ſeitdem nicht glücklicher geworden.

Das weiß Gott! rief er finſter.Allein ſich ſagen laſſen, daß man unter dem Pantoffel ſeiner Frau ſtehe, das erträgt kein Mann.

Wenn es aber nicht wahr iſt? Gleichviel, wenn die Andern es glauben! So laß ſie es glauben und ſei glücklich für Dich!

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rief ich bittend.Kehre zurück zu Frau und Kind, lebe wieder mit uns, fördere meine Bildung, damit ich die Deines Sohnes fördere, nimm wieder die alte Stelle an Deinem häuslichen Herde ein, ſei unſere Sonne, das Licht unſerer Tage, ſei wieder mein guter Eheherr, mein Vorbild, mein Schutz!

Er ſah mich mit einem Blicke früherer Tage an.

Franziska, hätteſt Du doch eher ſo zu mir geſprochen, ſagte er dann.Jetzt, fürchte ich, iſt es zu ſpät.

Warum zu ſpät? rief ich, beide Arme um ſeinen Nacken werfend.

Ich kann Dir das nicht ſagen. Gewohnheiten gleichen den Schneeflocken, welche nur langſam den Boden bedecken und doch in ihrer Anhäufung die Lawine bilden.

Verſuche es nur, bat ich.So wie Du zu den böſen Gewohnheiten übergehen konnteſt, ſo kannſt Du auch zu den guten zurückkehren. Es gilt nur den Anfang zu machen.

Ich will es verſuchen, ſagte er kleinmüthig und ſeufzte dazu.

Er iſt ſeit acht Tagen jeden Abend bei mir geblieben;

aber er iſt nicht heiter. Es ſcheint ihn etwas zu drücken. Er ſieht krank aus. Ob nicht vielleicht ſein Körper ſich an das viele Trinken gewöhnt hat und nun den Mangel empfindet? Ach! Wie ſonſt iſt es nicht unter uns, und wie ſonſt wird es auch wohl nie mehr werden! Ich habe vorgeſchlagen, Gäſte einzuladen, Bekannte zum Abendeſſen bei uns zu ſehen, weil ich wohl bemerkte, daß das Alleinſein mit mir ihn mehr peinigt, als erfreut! Er ging darauf ein, doch mehr aus Gefälligkeit für mich. Ich rege ihn an, Concert und Theater zu beſuchen, ich putze mich und gehe mit ihm ſpazieren; allein ich ſehe nicht, daß ihn irgend Etwas erfreut. Ich glaube, daß ihn die Sehnſucht nach dem Wirthshauſe verzehrt. Gott, mein Gott! Wie wird dies enden?

Es iſt vorbei. vorbei auf immer! Ich habe Wilhelm in einem Zuſtande geſehen, wie ihn ſein! Sohn, ſo Gott will, nie erblicken ſoll. Was mich auch treffe, dem Kinde ſöll der Name Vater ſeinen heiligen Klang behalten. Wer ſeine Eltern nicht ehrt, wie kann der Gott ehren? Den Urheber ſeiner Tage nicht wie ein Muſter der Vollkommenheit betrachten, heißt die junge Seele ihres Ideals berauben. Beſſer alſo, der Knabe lerne ſeinen Vater aus der Ferne lieben, als in der Nähe nicht achten. Ich reiſe in dieſer Nacht, während Wilhelm im Kreiſe ſeiner ſchlimmen Freunde ſeine Gewiſſensbiſſe wegtrinkt, mit ihm zu meiner Mutter ab. Ohne die Pflicht für mein Kind hätte ich aus⸗ geharrt, ſo aber darf ich nicht ſäumen, ihm den Anblick der Ausbrüche roher Wuth zu entziehen. Ein Abſchiedswort ſagt ihm die Gründe meines Scheidens. Mein blutendes Herz hat es dictirt. Ach, wie anders zog ich vor vier Jahren hier ein, mein Haus, meine Welt, mein Gatte, die Sonne meines Lebens. Alles Glück und aller Schmerz dieſer Jahre tritt noch einmal vor meine Seele, indem ich das fürchterliche Abſchiedswort rufen ſoll.

Hier bricht das Tagebuch ab.

Franziska hatte in einer kleinen Landſtadt des Nordens, nahe dem Gute, wo ihre Eltern lebten, ihren Aufenthalt genommen. Gebeugten Hauptes ſchritt die junge Frau umher, an der Hand den Knaben um deſſen willen ſie lebte. Was ſie dahin geführt, hüllte ſie in Schweigen; um ſo mehr gab man den abenteuerlichſten Vermuthungen Raum, und gewiß war es, daß ſie, und nur ſie allein, die ganze Schuld an ihren ehelichen Mißverhältniſſen trug; ſo lautete der

Mit ihm und mirke