Jahrgang 
27-52 (1867)
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meidliche. Die Aegypter haben ſich an dieſe Landplagen ſo ſehr gewöhnt, daß ſie kaum mehr eine Empfindung davon haben; nur der Scorpion und manche Art der zahlreichen Schlangen flößen ihnen Fürcht und die nöthige Vorſicht ein. Zu dieſen ſchmerzensreichen Hinderungsmitteln, die in der erſten Zeit der Reiſe den Schlaf vom Auge fern halten, geſellt ſich ein anderer, wenn auch weniger quälender Uebel⸗ ſtand. Das laute Belfern und Heulen ganzer Rudel von Schakalen, die Hunger und Raubluſt in die nächſte Nähe der Menſchen führt, ſchallt faſt die ganze Nacht hindurch an die Ohren der ſchläfrigen Reiſenden, die, bang und furcht⸗ ſam, Hyänen und andere Raubthiere der Wüſte zu hören glauben, bis ſie vom kundigen Araber beruhigt werden. Aber die Luſt der Nilreiſe iſt nichts deſto weniger ſo groß, daß alle jene Schattenſeiten vor dem Vergnügen verſchwinden, ja ſogar in der Erinnerung einen gewiſſen Reiz erhalten. Bald landet das Nilboot an einer oberägyptiſchen Stadt, wo ſich das Volk, Aegypter, Berberiner und Neger, verſammelt, um die reiſenden Franken in Augenſchein zu nehmen. Da wird ausgeſtiegen und in das offene, mit Strohmatten bedeckte Kaffeehaus gegangen, das gegen die Strahlen der Sonne außerdem durch den breiten Schatten der ägyptiſchen Sykomore geſchützt iſt. Höflich erheben ſich die eingebornen Gäſte von ihren Sitzen, um den eintretenden Fremden einGeſegnet ſei Euer Kommen! zuzurufen, während der arabiſche Wirth ſich beeilt, die kleinen Taſſen mit Kaffee zu füllen, der auf dem Herde in der Blechkanne, von ſchwebendem Dampfe umhüllt, nach arabiſcher Weiſe zubereitet wird. Halb Kaffeegrund, halb ſchwarze Flüſſig⸗ keit bildet den Inhalt der Taſſe, da unſere Weiſe der Zubereitung den Araber höchlichſt befremdet, weil, ſeiner Meinung nach, Kaffee ja keine Suppe ſei. Dem Gaſte, welcher dort ruhig mit gekreuzten Beinen auf der Matte ſitzt, ſehen wir an Mienen und Tracht ſogleich den gefürchteten Arnauten an, den türkiſchen Polizeiſoldaten, der mit einem einzigen Kantſchu ein ganzes arabiſches Dorf zu Paaren treibt. Der türkiſche, hinten übergeſchobene Fez deckt das geſchorene Haupt, während das verbrannte Geſicht mit den liſtigen Augen von einem ungeheuren Schnurrbarte beſchattet iſt. In dem breiten Gürtel, über der einſt weißen griechiſchen Fuſtanella, ſtrotzt ein ganzes Arſenal von Waffen, als da ſind: mit Silber beſchlagene Piſtolen, Natagans, Dolche und andere Inſtrumente, die eben nicht zum Spielen dienen; in den Seitentaſchen, die auf der Bruſt befeſtigt ſind, ſteckt deutlich ſichtbar ein Dutzend gefüllter Patronen. Sein langes Gewehr mit Feuerſchloß liegt neben ihm auf der Matte, während die reich mit Gold geſtickte blutrothe Jacke nachläſſig von den Schultern herabhängt. Obgleich Moslim, verſchmähtes der gefürchtete Arnaut durch aus nicht, die Kaffee⸗ taſſe, anſtatt mit Kaffee, mit ſcharfem, betäubendem Aquavit füllen zu laſſen, da ſeine Hauptbeſchäftigung neben Erpreſ⸗ ſung und Schlafen das Trinken von Branntwein und, ſonderbar genug, die Liebe iſt. Der Arnaut iſt verliebt und eiferſüchtig im höchſten Grade, wiewohl er von den Aegypte⸗

rinnen nie gern geſehen wird. Geld zu beſitzen ſcheint ihm

gefährlich, da er jeden Piaſter ſofort an den Mann bringt, dieweil er nicht weiß, ob er die folgende Stunde noch genießen kann. So lebt die Polizei in den Tag hinein, ein wahres Paraſitengeſchlecht im Lande der alten Pharaonen.

Beſonderes Vergnügen gewährt es ihm, ſeinen Schibuck mit ernſthafter Miene rauchend, den Tänzen der oberägypti⸗ ſchen Gawaſi zuzuſchauen, die bei dem Getön der Darabuka, der Handtrommel und dem Geraſſel des Tambourins in den

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Novellen⸗Zeitung.

geſchmeidigſten Körperbewegungen nach uralter Weiſe mit nackten Füßen den Boden ſtampfen und mit den gefärbten Händen die klappernden Caſtagnetten zum Tact ertönen laſſen. Die Reiſenden haben ein ſolches Schauſpiel in den Kaffee's aller größeren Ortſchaften, wo ſie landen, zu wohl⸗ feilen Preiſen, und wenn auch das Urtheil über die Schön⸗ heit jener ägyptiſchen Tänze ein ſehr verſchiedenes iſt, ſo verſchmähen es dennoch nicht europäiſche Damen, den Gawaſi in Oberägypten zuzuſchauen. Ob mit Befriedigung, weiß ich nicht zu ſagen.

So lärmend der Aegypter die Empfindungen ſeiner Freude äußert, ebenſo iſt es in ſeinem Schmerze laut und übermäßig. Bei jenem Dorfe landend, deſſen niedrige Hütten dicht an den Nil vorgeſchoben ſind, während die Taubenhäuſer wie viereckige Thürme hoch in die Luft hinein⸗ ragen, haben die Reiſenden das traurige Schauſpiel einer Todtenklage. Schon von fern hören ſie das gellende, durch⸗ dringende Geſchrei der Weiber des Dorfes, welche über ein eben geſtorbenes Mitglied deſſelben die Todtenklage auf dem Wege am Ufer anſtellen. Die Einen ſtürzen ſich im unbän⸗ digen Schmerze zur Erde, werfen den Staub in die Luft und bedecken den Kopf und das Geſicht mit feuchtem Nilſchlamm. Die anderen tauchen die Hände in jenes thönerne Gefäß mit Indigoflüſſigkeit, ſchlagen ſie dann mit nicht geringer Heftigkeit gegen die Backen, oft ſo lange, daß das Blut anfängt zu rinnen. Dann faſſen ſie ſich wie zum Ringel⸗ tanze bei den Händen und ſpringen wie wahnſinnig auf und nieder. Endlich ſind ſie ermüdet. In langen Reihen hocken ſie auf dem Boden nieder, den Rücken gegen die Wände der Hütte gelehnt, und zünden den Tabak in dem kurzen Schibuck an, deſſen blaue Wolken ſie in die heitere Luft blaſen, indem ſie den Naſenring, den beſonderen Schmuck der oberägypti⸗ ſchen Donna, vorſichtig über die Spitze der Pfeife legen. So gräßlich und ſchauerlich der Anblick eines ſolchen Schau⸗ ſpiels iſt, ſo wenig hat es zu bedeuten, da die Klage eine herkömmliche Sitte iſt, gerade als wenn in unſerm civili⸗ ſirten Europa die Damen condoliren. Die Todtenklage ſtört die männliche Bevölkerung in geringerem Grade; das können die Reiſenden an jenem Graubart erkennen, der am Ufer von Morgens früh bis Abends ſpät den beweglichen

Schöpfeimer: aus der Fluth des Nils emporhebt, ſeinen.

Inhalt in die Rinne gießt, die denſelben bis zu den entfern⸗ teſten Feldern hinführt, und ihn dann in gebückter Stellung wiederum in die Waſſer des Stromes hinabſinken läßt. Seine ganze Bekleidung(die Reiſenden leben im europäiſchen December) beſteht aus der Takieh, einer kleinen baum⸗ wollenen Kappe, mit der ſein Haupt bedeckt iſt. Das Klage⸗ geſchrei erregt ihn in keiner Weiſe, auf und ab ſteigt und ſinkt das Schöpfgefäß, ohne daß der geſchäftige Araber ſein Geſicht neugierig umwendet.

Neben ihm, in einiger Entfernung vom Ufer, ſtehen mit gelben Blumen die Baumwollenſträucher in voller Blüthe, hier und da zeigt ſich in den aufgeplatzten Frucht⸗ kapſeln weißglänzend der feine Pflanzenſtoff, der maſſenweis von Oberägypten nach Europa ausgeführt wird. Weiterhin dehnen ſich große Felder, mit dicken Zuckerrohrſtengeln bepflanzt, aus, während die dichten Kolben des ägyptiſſ Durra mit dem Zuckerrohr an Höhe wetteifern. Mit gr Knarren und Peitſchen bewaffnet, die unaufhörlich ir wegung geſetzt werden, halten arabiſche Fellahinen, und Kinder, die zahlloſen Schaaren der Sperlinge in dichten Wolken über den Feldern ſchwärmen, um einem Male, Verheerung bringend, auf die Fruchtkoll