Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Holge.

der höchſten Menſchenideale nicht ausſchließt, ſondern bedingt und fördert. Leuchtet uns aus der Gewitter⸗ wolke auch nicht mehr das hehre, zornglühende Götterantlitz, ſo vernehmen wir in den Stimmen der Natur jene ewige Geſetzmäßigkeit, durch welche ſich uns ſo wunderbar die göttliche Vernunft und Liebe offenbart, und die unbedeutendſten Vorgänge leiten unſere Gedanken an einer langen Kette von Erſchei⸗ nungen weit hinaus in die Unendlichkeit des Firma⸗ ments, wo die Rotation von Weltkörpern jene Kräfte hervorbringen, deren Wirkungen in Frühlingsſchauern unſer Herz bewegen. Der Dichter, welcher die Schrift⸗ züge der Natur mit ſcharfem Blicke zu entziffern ſucht, wird allein mit Verſtändniß und rechter Begeiſterung uns ihren poetiſchen Gehalt ſchildern können. Stau⸗ nend wird er gewahr, wie die Gottesgedanken der Schönheit dieſelben bleiben für Geiſt und Natur, wie ſie ſich ihm ebenfalls in einer Reihe unwandel⸗ barer Geſetze offenbaren, die nachempfinden und er⸗ kennen zu dürfen, ihm der herrlichſte Beweis ſeiner Gemeinſchaft mit dem Schöpfer wird.

Schon brachte die fliehende Wolke anderen Gefilden ihren Segen und die Nachhut des loſen, leichteren Gewölks ſegelte ruhig dahin. Die Aeſte und Zweige wuchteten nieder, kühlende Zephyrhauche ſchauerten durch das Laub und ſchwere Tropfen ſanken von Blatt zu Blatt bis in den Kelch der Waldblumen, die ſich ſanft zu Boden neigten unter der Laſt des Silberſchmuckes. Durch alle Schattirungen des Grünen, des Braunen und Grauen aber bedeckten Mooſe und Flechten den Boden und ſogen den Ueberfluß des Waſſers ein, um heimlich die nahen Quellen zu trän⸗ ken, welche in's Land hinausrieſelten. Der Fuß drückte lautlos die ſchwammigen Polſter, und die Gräſer und Kräuter richteten ſich in der Spur ſchnell auf. Neues Sonnenlicht brach durch das Laub und ein Brillantfeuer glühte auf. An allen Rippen, Adern, Härchen der Blätter zitterten Lichtfunken und auf den halbzerſtörten Netzen der Spinnen ſchwankten Reihen glitzernder Perlen.

Bald wagte ſich eine helle Vogelſtimme aus dem Gezweig. Der kleine Waldgaſt hüpfte näher mit auf⸗ gedunſenem Gefieder und naſchte den ſchönſten Kryſtall⸗ tropfen vom Rande eines Weidenblattes. In dem Colorit, in der Ueppigkeit des Grüns aber lag die höchſte Vollendung, deren die Natur auf ihrem Ent⸗ wickelungsgange fähig ſchien. Die Baumkronen ſtrotzten in der Friſche und Fülle männlicher Zeugungskraft und ſchwelgten nach den langen Entbehrungen des Winters unter den Zauberküſſen des Frühlings. Das Auge, noch ungewohnt der grünen Gewände um Buſch

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Vorbereitungsacte des Lenzes, war Zeuge unzähligen Erblühens, geheimer Wirkung ſich anziehender Liebes⸗ kräfte und trank mit vollen Zügen Licht und Farben. Und nicht die Gegenſtände allein, die Blätter und Blüthen waren erfüllt von dieſem Reize der Jung⸗ fräulichkeit, auch die Zweigſchatten, die Zwiſchen⸗ räume waren neu erſtanden, neu begrenzt durch das dunkle Laub, das ein grün gedämpftes Licht hinab⸗ ſandte in die geheimſten Waldſtätten, und harmo⸗ nirten auf's Schönſte mit der lichten Friſche und Anmuth der Vegetation. Noch hatte das Laub keiner Frühlingspflanze Leben zerſtört, darum im thauigſten, ſchattigſten Hintergrunde eine Fülle der Vegetation, der wir zur Zeit des Hochſommers vergeblich nachſpähen.

Der Verfaſſer geht dann auf die Charakteriſtik einzelner Baumarten über, wobei er über das Male⸗ riſche das Pſychiſche, Intellectuelle nie vergißt und ſchließt dann am Abend die Stimmung der Eindrücke mit folgenden Worten: Die Nebel hoben ſich und wuchſen und ſchwebten wie Uranfänge neuer Gottes gedanken geheimnißvoll über den Gründen. Schatten kamen und flohen, wunderbare Geſtalten tanzten auf und ab und ſtreiften mit feuchten Gewändern mein Antlitz. Aus Röhricht, Bruch und Weiher überall her ſtiegen durchſichtig weiße, ſchimmernde Erſchei nungen und warfen ſich ſchlaftrunken in die Hallen und das Dickicht des Waldes. Langſam entrückte die Nacht mir die ſchlummernde Erde, beladen von Früh⸗ lingsſegen, ſchauernd unter warmen, wonnigen Früh⸗ lingshauchen, bis endlich die Mondſichel vom umflorten Horizont auftauchte und den feinſten Halbkreis in das Firmament zeichnete. Noch ein Lichthauch des Abend⸗ roths vermählte ſich mit den wallenden Nebeln, die wie ein See die Wieſen deckten und immer dichter, immer tiefer Baum und Buſch verſchleierten, und die Nacht feierte unter den Wirkungen des Gewitters, deſſen Verkündigung wenige Stunden vorher durch die Räume des Himmels gegangen war.

Ich will die Empfehlung dieſes trefflichen Buches noch mit der Angabe ſeines übrigen Inhaltes beſchließen. Es enthältdie Erle als Uferbaum,die Kiefer in der norddeutſchen Haide,Tanne und Fichte im Ge⸗ birge undeine Buchenwaldung im Spätherbſt. Dieſe letztere Schilderung bildet in gewiſſem Sinne eine Art Gegenſatz zum näher erwähntenAuenwald unter dem erſten Gewitter. Möchten nicht nur ge bildete Laien, ſondern auch Landſchaftsmaler, die leider, wie durchſchnittlich alle bildenden Künſtler, an einer Leſe- und Bücherſcheu zum großen Nachtheil ihrer claſſiſcheren Talententwickelung leiden, ſich mit dieſem

und Baum, ſah auf einmal erfüllt die mnranne wa aufrichtig befreunden.