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ſtille im Schooße des ſich geſtaltenden, ewig wechſeln⸗
536 Novellen⸗ZJeitung.
belehrender Grundlage und bei Ausſchluß aller Er⸗ müdung auf das poetiſche Element und auf die har— moniſche, charakteriſtiſche Geſammtauffaſſung der vege⸗ tativen Schöpfungen Rückſicht, ohne Schwachköpfen glauben machen zu wollen, die Herrlichkeiten in Fluren, Auen und Forſten wären alle nur um des Menſchen willen da und warteten darauf, von ſeinen launiſchen Anſichten niedlich und allerliebſt gefunden zu werden. Er betritt nach individuellen Kräften die einzig richtigen Bahnen des gebildeten dichteriſchen Kopfes, dem das irdiſche„Groß“ und„Klein“ keine beſchrän⸗ kenden Begriffe mehr ſind. Nachdem er den Auen⸗ wald betreten und die prangende Frühjahrsfülle der Erſcheinungen in Einzelheiten ſpecialiſirt und ihr rea⸗ liſtiſches und ſeeliſches Bild beleuchtet hat, ſchildert er den Eindruck des erſten Gewitters und dieſes Ge⸗ mälde ziehe ich hier dem empfänglichen Leſer als eine maßgebende Probe von des Autors Blick und tüchtiger Darſtellung an. Er ſagt:
Wäͤhrend ich prüfend umherſpähte und um die altersgrauen Stämme, an Weg und Weiher, auf Lichtungen und im Dickicht eine Fülle der hellen, zarten Frühlingsblumen hervorleuchten ſah, grollte ein fernes, dumpfes Donnern und der Wald lauſchte athemlos, als ahnte die Pflanzenwelt die Segens⸗ botſchaft, deren Verkündigung durch die Räume des Himmels ging. Ich ſchaute auf. Aus den Laub⸗ gewinden der Wipfel, die eben noch im freundlichen Blau der Luft ſchwammen, ſah plötzlich drohendes Gewölk nieder in die verödende Stätte und unter dem Drucke der Schwüle brütete die Natur erwartungsvoll dem löſenden Zauber des Gewitters entgegen. Kein Blättchen regte ſich, ſelbſt die Espe ſchwieg, und die Baumkronen hielten die grünen Arme wie demüthig bittend um die Gabe eines befruchtenden Regens. Kleine Vögel flatterten auf, erſchreckt von der Grabes⸗
den Pflanzenlebens, und nur ein leiſes Geſumm, jetzt doppelt hörbar, ging gleichmäßig fort von Blume zu Blume, von Baum zu Baum, als genöſſen die In⸗ ſectenſchwärme noch gern das ephemere Daſein bis zum nahen Weltuntergange ihrer Zeitrechnung. Ein ekletriſcher Glanz legte ſich um Buſch und Baum,
und ſüße, heiße Düfte entſtrömten den Kelchen der
Blumen.
Stärker ging das hohle Rollen des Donners über die Wipfel und die erſten ſchweren Tropfen rauſchten nieder. Der Bann des heißen, trockenen Sommertages war gelöſt und mit vollen Zügen ſog die Pflanzenwelt den Gewitterregen ein, der jedem dürſtenden Halme und Blatte Erquickung brachte.
Im auſchwellenden Donner öffneten ſich alle Pforten
des Himmels; es klang und praſſelte auf das Laub hernieder und die Flügel des Sturmes ſtreiften die Wipfel und bahnten einem feinen Sprühregen die Wege in das träumeriſch ruhende Dämmerdunkel des Waldes.
Welch' himmliſche Verheißung ſolch' Gewitter, welch' gewaltige Symbolik für Den, der ſich auf die Myſterien der Natur verſteht! Wer vermöchte es, die geheimen Beziehungen unſerer Seele mit den
Vorgängen um uns zu erklären, die Wechſelwirkung,
in welcher wir mit der Natur ſtehen! In der Schwüle ſchon, in der Elektricität der Luft ſchwebte eine Spannung, die ſich der Seele auf das Innigſte mit⸗ theilte und der heranbrauſenden Eilung athmete die Bruſt wie einer Erlöſung vom Drucke des Körper⸗ lichen entgegen. Der niederträufelnde Regen endlich löſcht mit der Belebung und Befruchtung der ſchmach⸗ tenden Pflanzenwelt den Durſt der eigenen Seele; aller Widerſpruch, alle Unruhe des Herzens ſtillt ſich zu unausſprechlichem Behagen, zum vollkommenſten Gleichgewichtszuſtand von Geiſt und Natur.
Der griechiſche Mythos ließ den donnernden Zeus mit hehrem, zürnendem Antlitze in den Wolken thronen und mit gewaltigem Arme die Blitze ſchleudern. In kühnem Griffe erfaßte der heitere, unbeirrte poe⸗
tiſche Verſtand der Alten den Sinn der Natur und——
warf mit der Leuchte des Geiſtes die herrlichſten Ge⸗ danken wie Raketen zurück in die Wolken, daher ſich ihnen die Macht und Kraft der Natur offenbarte. Im Zürnen und Grollen Gottes aber liegt unſäglich rührend ſchon wieder die Alles umfaſſende Liebe und Vatergüte, die im befruchtenden Regen verſchwende⸗ riſch entſchädigt, und wir ahnen im Rollen des Donners und Niederrauſchen des Regens über die poetiſche Tiefe und Schönheit hinaus einen Abgrund göttlicher Segensfülle. Seitdem man freilich in Er⸗ fahrung gebracht hat, daß die Natur ſo nicht iſt, wie ſie uns ſcheint, ſeitdem die Geſetze der Elektricität entdeckt ſind, nach denen Gewitter ſich entladen, die Schnelligkeit, mit der Licht- und Tonwellen gewiſſe Räume durcheilen und an unſer Auge und Ohr dringen, will man uns überreden, daß all' die lichten Erſcheinungen geflohen ſeien, die holden Begleiter unſerer Jugend, welche in den Formen und Geſtalten der Natur uns göttliche Symbole verriethen. Aber laſſen wir uns nicht beirren. Wenn das Streben und Ringen, die Schleier der Natur zu lüften, im Feuereifer des Fortſchritts den Wiſſensdurſtigen mo⸗ mentan einſeitig macht und ihn vergeſſen läßt den einen Factor des Daſeins, ſo bleibt es Späteren vorbehalten, das Gleichgewicht wieder herzuſtellen und zu beweiſen, daß die Wiſſenſchaft den Cultus


