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Frau Neumann's Stube konnte die Theilnehmen⸗ den kaum faſſen. Der Arzt trat aus der Kammer und verſicherte, daß es beſſer ginge, obgleich ſich die Patientin ſehr angegriffen fühle. Allmälig ward dann die Stube wieder leer.„Die Hitze war zu arg“—„Ich hab's gleich befürchtet, ihre Nerven ſind zu ſchwach“—„Natürlich, ſie ſpielt zu leiden⸗ ſchaftlich:—„Kein Wunder, wenn man die vielen Proben bedenkt“—„Allerdings, ihr Körper iſt zu zart dazu“— ſo und noch mehr dergleichen redeten die Meiſten, als ſie die Treppe hinabſtiegen. Der zuletzt ging, war Becker, und er mochte gar nichts denken, er war ſehr tkaurig. Wie hatte ihn, als er anfragte, ob er im„Elephanten“ neben ihr ſitzen dürfe, ihr Ja beglückt, und nun war es ſo gekommen! Hätte er jetzt nach ſeiner Wohnung eilen können, er hätte ſich glücklich geprieſen, aber wie würde man wohl die Köpfe zuſammengeſteckt und geflüſtert haben, wäre ſein Platz an der Tafel leer geblieben.
Der Elephantenwirth, Herr Zacharias Martin, der hinſichtlich ſeiner Größe und Corpulenz einem jungen Elephanten kaum etwas nachgeben mochte, wartete höchſt eigenhändig auf. Es gab Suppe, ge⸗ ſottene Fiſche, Lendenbraten, Reisſpeiſe und am Schluß Pariſer Torte; und rother und weißer Wein wurde auf des Herzogs ausdrücklichen Wunſch ge⸗ ſchenkt. Aber trotzdem blieb die Munterkeit eine er— zwungene; immer flogen die Gedanken hinaus und an das Bett der Kranken. Becker vermochte den Mund nicht zu öffnen, und Demoiſelle Rudorf lauſchte nur mit halbem Ohr auf Knebel's Unterhaltung.
Als der Wächter ſang:„Eins hat die Glock' ge⸗ ſchlagen,“ waren die Fenſter des Gaſthauſes und des Schloſſes(auch Karl Auguſt hatte die Tafel früher denn ſonſt aufgehoben) bereits dunkel.
Gegen zwei Uhr erhob ſich Herr Chriſtian Huber, der Adlerwirth, aus ſeinem Sorgenſtuhl. Gähnend und ſich ſtreckend trat er zu den drei letzten Zechern. „Meine Herren, ſchon ſehr ſpät— Herr Baron, darf ich die Rechnung machen?“
„Dummer Kerl! ankreiden den Bettel!— O Luiſe, du Geliebte—!“ lallte und trällerte Junker Hans.
„Schon gut, Herr Baron,“ verſicherte Huber, indem er zum ſchwarzen Bret ſchritt und darauf ſchrieb: 5 Flaſchen Latour macht 5 Thaler, und 2 Flaſchen Bocksbeutel macht 3 Thaler, und 1 Flaſche Sillery macht 2 Thaler und 10 Groſchen, macht Alles zuſammen 10 Thaler und 10 Groſchen.
„Es lebe das Weib!“ ſchtie Heldorf, deſſen Geſicht einem geſottenen Krebſe glich,„es lebe die Liebe! Verdammt ſei Platon!“
Novellen⸗
Jeitung.
„Du Thor!“ ſchrie Gruber, während ſich ſeine Augen wie Räder drehten,„gebenedeit ſei Platon! O, ihr Buſen ſei rein wie der Schnee und ihre Lippe keuſch wie die Sonne— o, o, Platon iſt mein Bruder!“
„Brüder— ja, wir Alle ſind Brüder!“ lallte
da Hans, aus einem Halbſchlummer erwachend, Brüder, Eure Hände her“— 1
Und ſie umarmten und küßten ſich.
„Unſere Hände zuſammen!“—„Freundſchaft
wollen wir ſchwören, bis zum Grabe!“—„Ueber's Grab hinaus!“
„Meine Herren,“ ermahnte der Wirth zum zweiten Male, indem er die Mützen von den Nägeln nahm.
Da taumelten die Drei hinaus.„Mein Sohn,“ ſchrie Heldorf Hans' in's Ohr,„wir werden Dich nach Hauſe bringen— verdammt ſei Platon!“„Ich weiß ein Schätzchen mit leichtem Sinn“— trällerte Gruber.
„Freundſchaft bis über's Grab hinaus,“ declamirte Hans, der theils geſchoben, theils getragen ward. Und endlich, auf mancherlei Umwegen, gelangte man an das Haus des Barons. Hans ſtieß das nur
angelehnte Fenſter zurück, aber ihm mangelte de—
Kraft, ſich hinaufzuſchwingen. Da ergriffen ihn die Muſenſöhne bei Kopf und Füßen, und nun flog er wie ein Mehlſack in's Zimmer.„Lebe wohl, Bruder,“ rief ihm Heldorf noch nach,„und vergiß nie, daß wir Dir den Weg zur Freiheit gezeigt haben!“.
In der Jakobsſtraße ſtieß der Wächter in's Horn und ſang dazu:„Drei hat hat die Glock' geſchlagen.“
„Mutter!“ Chriſtel ſchlug die Augen auf und richtete ſich haſtig empor. Mutter!“
„Was willſt Du, mein liebes Kind?“ fragte
Frau Neumann, die zu Füßen der Kranken ſaß,„erſt um vier Uhr bekommſt Du wieder Medicin. Schlafe doch.“
„Medicin? Gute Mutter, ich bin ja kerngeſund und glücklich— über alle Maßen glücklich! Hör' zu, Mutter, ich will Dir's vertrauen: er liebt mich und ich, o ich hab' ihn wieder lieb, ſehr, ſehr lieb!“
Keine Sylbe ſagte die Frau darauf. Heimlich zerdrückte ſie eine Thräne und ſeufzte:„Mein armes Kind hat das Fieber. Ach,
Tag wäre!“(Jortſetzung folgt.)
wenn's doch nur erſt—
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