Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge. 53³3³3³

kaum war nach dem Befehl des Baſtards, Arthur hinwegzutragen und ihm zum König zu folgen, der Vorhang gefallen und Chriſtel wieder in ihre Gar⸗ derobe geeilt, da berührte ein abermaliges Pochen ihr Ohr.

Mamſellchen, noch ſo ein Zettelchen. Da. Ich werde warten.

Sie las:Ich muß Ihnen, theure Chriſtel, ganz ungeheuer viel ſagen. Darf ich um die Gunſt bitten, im»Elephanten« neben Ihnen ſitzen zu dürfen? Ihr Ja wird mich zum Glücklichſten aller Sterblichen machen.

Sie fühlte ſchon ihr Köpfchen gar nicht mehr und ihr Herz ſchlug einen Wirbel. Sie wollte ſchreiben, aber ſie vermochte es nicht. Darum öffnete ſie wieder und flüſterte:

Beuther, einen ſchönen Gruß und ja!

Ja! Dieſes kleine Wort hat ein ſchweres Ge⸗ wicht, hi, hi. Wohlan, ich werd' ihn melden, den Befehl, declamirte er im Abgehen, ja, ja, ja, ja.

Frau Neumann kam; ſie hatte bei den unbe⸗ ſchäftigten Mitgliedern imZiegenſtall geſeſſen. Mit unnennbaren Gefühlen warf ſich Chriſtel in ihre Arme. Die Mutter flehte ſie an, ſich zur Ruhe zu zwingen; nur immer ſtürmiſcher ſchlug ihr Herz.

Da erſchien der Regiſſeur und meldete Anna Amalia

und Goethe.

Nur jetzt nicht, wollte ſie rufen, aber ſchon ſtanden Jene auf der Schwelle und da

Gerechter Gott, mein Kind! ſchrie Frau Neu⸗ mann.Waſſer her! rief die Herzogin.Das Fenſter auf! rief Goethe.

Die Fürſtin griff nach den nächſten Kleidern und breitete ſie über den Boden aus; behutſam ward die Ohnmächtige niedergelegt. Der Regiſſeur kehrte mit einem Glaſe Waſſer und Eſſenzen zurück. Doch vergebens waren die Bemühungen, Chriſtel ſchlug die Augen nicht auf.

Die Sache würde ein unliebſames Aufſehen erregen und zehnfach verdoppelt werden, ſagte da Goethe,ſobald ich einen Arzt rufen ließe. Mein Wagen wird vor dem Hauſe ſein Fiſcher, laſſen Sie nachſehen. Die Luft iſt milde, der Weg ein kurzer, Sie können daher mit Ihrer Tochter ohne Beſorgniß zu Hauſe fahren, und ſogleich werde ich den Arzt ſenden.

Der Wagen war da, und da ſich die übrigen Schauſpieler, auf den letzten Aufzug ſich vorbereitend, in den Garderoben befanden, ſo fügte es ſich er⸗ wünſcht, daß man die Kranke ohne jedes Aufſehen von der Bühne tragen konnte. Sobald Frau Neu⸗ mann im Wagen Platz genommen, legte Goethe

ſelbſt die Tochter in ihre Arme, und Beuther ward für die nächſten Hülfsleiſtungen mitgeſchickt. Während des letzten Aufzugs gelangte dann die Kunde von Chriſtel's Erkrankung zu den Ohren der Schauſpieler und des Publicums. Was Wunder, daß dieſer Schluß daher ziemlich unbeachtet vorüber⸗ ging, daß Becker grundſchlecht ſpielte? Alle waren erfreut, als die Gardine ſank, und Viele, beſonders die Studenten, ſehr ärgerlich, denn nun war ihr Vorhaben, auf dem Hauſe auf Chriſtel zu warten und ſie mit einem Dutzend Hochs zu empfangen, ſo garſtig zu Waſſer geworden. Still verließ man den Muſentempel. Die Herrſchaften ſtiegen in ihre Car⸗ roſſen, die Menge bog um die Ecken, Junker Hans von Blumenthal wollte dem Rudelchen nachſpringen, aber noch zu rechter Zeit erwiſchten ihn Heldorf und Gruber, deren Kehlen ſich in einem unmöglich zu be⸗ ſchreibenden Zuſtande befanden.

Und weshalb der Major von Knebel während des ganzen Abends die roſigſte Laune von der Welt hatte? O, ſo heiter drein ſchauen und ſo ſtill vergnügt lächeln kann nur Der, der etwas ganz beſonders Erfreuliches in Ausſicht hat. Und das allerdings war beizunſerm Major der Fall. Nachdem er ſehr lange geſchwankt und mit der Schamröthe eines Backfiſchchens über⸗ legt, hatte er in der erſten Nachmittagsſtunde einen rothen Briefbogen beſchrieben und ihn in ein rothes Couvert geſteckt und dieſes mit der Adreſſe verſehen: An Demoiſelle Rudorf, geehrtes Mitglied des Hof⸗ theaters allhier. Nach einem halben Stündchen war dann die Antwort eingetroffen:Sehr ſchmeichel⸗ haft für mich, von Ihnen, Herr Major, zu Tiſch ge⸗ führt zu werden, hatte Luiſe Rudorf geſchrieben.

Karl Auguſt nämlich hatte, dieſem hervorragen⸗ den Tage zu Ehren, einen tiefen Griff in ſeine Schatulle gethan: nach der Vorſtellung Souper bei Hof und ein gleiches, auf Koſten des Herzogs, im Elephanten für die Schauſpieler. Aber die Ehre, bei Hof zu erſcheinen, hatte Knebel mit Sereniſſimus' Erlaubniß abgelehnt, dafür aber gebeten, am Eſſen imElephanten theilnehmen zu dürfen.

Nichts hätte freilich ſtörender auf die Fröhlich⸗ keit einwirken können, als die plötzliche Erkrankung Chriſtel's. Um die zehnte Stunde waren beide Soupers angeſetzt worden, allein es ſchlug elf, als man ſich im Schloſſe und imElephanten zu Tiſch ſetzte. Chriſtel krank! Dieſe Nachricht hatte ihre Collegen und Colleginnen und unzähligen Verehrer nach ihrer Behauſung gezogen; ſelbſt Goethe, Wieland und Schiller hatten in dieſem Zuge nicht gefehlt, und ſogar Anna Amalia hatte ſich gleich nach Schluß der Vorſtellung nach der Jakobsſtraße fahren laſſen.