lenfutteral arbeiten, es iſt nur wegen eines Andenkens
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Herrn Becker. Das da, was darauf ſteht, möchte die verehrte Mamſell leſen, und der Herr Becker hat' 3 ſchnell hingeſchrieben, weil er gleich'raus mußte. Hi, hi, wär' wohl am liebſten ſelber gekommen, der Herr Becker, wenn er gekonnt hätte und wenn's ſich auch geſchickt hätte— ja, ja, ja, ja!“ Dieſe vier ſtereotypen Ja's vernahm Chriſtel nicht mehr. Wie durch Zauber war die Erſchöpfung in demſelben Moment, als ſie den Papierſtreif an ſich genommen, von ihr gewichen, und nun lehnte ſie ſchon am Toilettentiſchchen und las blitzenden Auges:
„Sehen Sie, werthe Manſell, ich hab's vorherge⸗
ſagt, ich würde die Wette verlieren. Aber es freut mich— ja, liebe Mamſell, es freut mich ungeheuer, obgleich ich nun weder ein Uhrband noch ein Piſtolen⸗ futteral bekommen werde. Wie Sie geſpielt haben, theure Collegin! O, ſo etwas von Spiel hab' ich in meinem Leben nicht geſehen und wie ſoll ich mich nur ausdrücken? Dafür giebt es nur ein Wort— bitte, bitte, nehmen Sie mir's nicht übel— wie ein — Engel haben Sie geſpielt! O, werthe Chriſtel, mir iſt ſo eigen um's Herz— in, liehe Chriſtel,
glauben Sie nur, ich möchte gern ſo ſehr, ſehr viel ſagen, aber gleich kommt mein Stichwort. Wie werden Sie dieſen Zettel aufnehmen? Nicht wahr, theure Chriſtel, Sie verzeihen?!“
Mit⸗einem Male war dieſer Papierſtreif ganz naß geworden. Sonderbar. An Chriſtel's Wimpern glänz— ten Thränen; ob Thränen auf das Papier gefallen waren? Und— nooch ſonderbarer! jetzt drückte ſie das Zettelchen an die Lippen und jetzt griff auch ſie nach Papier und Feder und ſchrieb mit zitternder Hand:„Werther College, Ihr Beifall iſt mir der liebſte, ich danke Ihnen viel, viel, viel Mal. Als ich merkte, daß Sie mir zuſahen, wurd' ich weit ruhiger und ſicherer. Wenn Sie erlauben, lieber College —— bitte, bitte, nehmen Sie mir's nicht übel— ſo werde ich Ihnen doch ein Uhrband oder ein Piſto⸗ an dieſe Stunde. Ich danke Ihnen!“
Das war nun zwar geſchrieben, aber wer war zur Beſtellung da? Wenn die Garderobenfrau drin⸗ gend nöthig war, ließ ſie ſich nicht blicken; das ſoll übrigens eine Untugend aller Garderobieren ſein. „Vielleicht iſt die Kräuslerin draußen,“ dachte Chriſtel, indem ſie die Thür öffnete. Welche Ueberraſchung! Da ſtand Beuther noch auf demſelben Flecke und kichernd verzog er ſeinen faſt zahnloſen Mund bis an die Ohren:„Hi, hi, konnte mir's denken, daß das Mamſellchen auch was auf dem Herzen hätten, bin d'rum hiergeblieben. Nur her damit, der Herr Becker werden gleich abtreten— ja, ja, ja, ja!“
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Novellen⸗Zeitung.
Er verſenkte den Zettel in die rechte Fracktaſche
und ging. Aber wie ſich Chriſtel eben wieder zu⸗ rückziehen wollte, ſtürzte Fiſcher, der Regiſſeur, herbei.„Mein Gott! wo bleiben Sie? Ich ſuche
Sie auf der Leiter, gleich iſt Verwandlung zur Burg⸗ ſcene! Haben Sie vergeſſen, daß Sie auf der Mauer erſcheinen müſſen?!“
Im Nu verſchwand ſie da und ſprang die Leiter hinan; juſt früh genug, um die Burgmauer zu be⸗ treten, ohne Verzögerung zu verurſachen. War es ein Wunder, daß ſich ihre Erregung nach dieſem Briefwechſel und nach Fiſcher's Ermahnung ver⸗ doppelt hatte? Ihr Blick ſchweifte wirr durch den Raum, ſogar zitterte ſie ein wenig— da gewahrte ſie Becker hinter der Couliſſe gegenüber, und er nickte und legte die Finger an ſeine Lippe, und da mit einem Male vermochte ſie mit klarer und feſter Stimme einzuſetzen:
„Die Mauer iſt hoch, ich ſpringe doh hinab:
Sei milde, guter Boden, ſchone mich!— 1
Faſt Niemand kennt mich; thäten ſie es auch,
Die Schifferjungen⸗ Tracht verftall mich ganz.
Ich fürchte mich, und doch will ich es wagen.
Komm' ich hinab und breche nicht den Hals,
So weiß ich, wie ich Raum zur Flucht erwerbe:
So gut, ich ſterb' und geh', als bleib' und ſterbe.“
Sie ſprang. Ach,
Und nun ertönte ihr letztes Wort?
„Weh! meines Oheims Geiſt iſt in dem Stein,— Nimm, Gott, die Seel, und England mein Gebein!“
„Vorzüglich, ganz vorzüglich!“ rief da Jemand im Parterre. Böttiger rief's und zog ſeine Cravate
hoch empor und ſteckte den Kopf tief hinein— das
ſicherſte Zeichen für ſeinen Enthuſiasmus. Und hun⸗ dert Stimmen vor und neben ihm echoten:„Ganz vorzuüͤglich!“ Und wieder ſchnarrte der Herzog von Gotha und krächzte der Fürſt von Deſſau„Superbe!“ und wieder applaudirten die übrigen Herrſchaften um die Wette und ertönte das„Charmant! Reizend! Niedlich! Allerliebſt!“ und vergaßen Schiller und Wieland eine Priſe zu nehmen; ja, Letzterer gerieth in eine ſolche Begeiſterung, daß er Schiller in's Ohr rief, aber doch ſo laut, daß die geſammte linke Galerie es vernahm:„Wenn ſie nur noch einige Jahre ſo fortſchreitet, wird Deutſchland nur Eine Schauſpielerin haben!“ Und Goethe? Und die In⸗ ſaſſen des„Ziegenſtalls“? Alle waren ſie der Begei⸗ ſterung voll, und Goethe fühlte ſich jetzt ſo ſorglos wie ein kleines Kind.
Den Darſtellern des Pembroke, Salisbury und Bigot, die nun in die Scene traten, ward nur eine leicht erklärliche geringe Beachtung geſchenkt, und
hätte Becker hinzueilen und⸗ mit ſeinen Armen ſie auffangen können!
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