Jahrgang 
27-52 (1867)
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lagerte Caſſirer, der in ſtand, ſchüttelte nur immer den Kopf und wehrte mit beiden Händen, aber als die Einladung zu einer kräftigen Suppe an ſein Ohr ſchlug, da nickte er dreimal. Und mit jeder Minute nahm das Gedränge zu; die Elnbogen arbeiteten um die Wette, die Gar⸗ derobe des ſchönen Geſchlechts kam in grauſame Un⸗ ordnung, hier gingen Stoͤcke verloren, dort hüpfte ein Hut vom Kopfe und gerieth ſchleunigſt unter funfzig Füße, und der Puder umwallte die Häupter, und die Zöpfe flogen wie die Uhrpendel nach rechts und links, und den armen Hühneraugen ward auf ſchaudererregende Weiſe mitgeſpielt.

O die Glücklichen, die ihre Plätze bereits inne hatten! Im Zuſchauerraum doch buchſtäblich Kopf an Kopf, als ob ein Feuereſſer oder ein Luftſpringer auftre⸗ ten werde. Freilich, die Meiſten darunter ſchüttelten noch jetzt ihr weißes Haupt und tadelten noch in dieſem Augen⸗ blicke die Wahl des Stückes und die Mühe, die man

darauf verwendet; aber zu Hauſe bleiben hätten ſie mehr nach rechts,

trotzdem um Alles in der Welt nicht können, denn ihre Neugierde, wie dasDing ablaufen werde, war doch eine viel zu große. Zuweilen blickte Goethe aus ſeiner Loge in's Publicum. Auf ſeiner Stirn ſaß die Sorge; er habe, flüſterte der ſpindeldürre Beuther den Schauſpielern zu,eine furchtbare gräß⸗ liche Laune, und ſo oft er dieſe Entdeckung, die man bereits ſelbſt gemacht, mittheilte, packte er krampfhaft die Enden ſeines hechtgrauen Frackes. Auf der erſten Galerie rechts war der Adel, auf der links die her⸗ vorragenden Beamten verſammelt. Wehe dem Bürger⸗ lichen, der es gewagt hätte, ſeinen Platz rechts zu wählen, die Blicke des Vollbluts würden ihn zermalmt haben! Links ſaßen auch die Jenenſer Profeſſoren nit ihren Frauen, neben Schiller Wieland und die Frau Hofräthin Wieland neben Lottchen Schiller; der Pro⸗ feſſor und der Hofrath reichten ſich gegenſeitig die Doſe hin und die Frauen die Bonbondüte. Dahinter ſaßen Knebel(warum mochte er wohl die roſigſte Laune von der Welt haben 2), Einſiedel(Beide waren, um Schiller zu genießen, von deradligen Galerie herüber⸗ gekommen) und Bertuch; und Herder und die Her⸗ derin? Ja, die ſetzten keinen Fuß mehr in's Theater, ſeit der Herr Generalſuperintendent auch mit der zweiten Beſchwerde Fiesco gemacht hatte. Im Par⸗ terre, umgeben von Studenten, Landleuten, Kauf⸗ mannsdienern und Beamten zweiten Ranges, ſaß Er. Denn wenn im Theater die Leute ſagten:Er iſt auch da, ſo wußte Jedermann, daß der Profeſſor Böttiger damit gemeint ſei. Und hier ſaß er, der ob ſeiner Zunge und ſeiner noch ſchärferen Kritik ſo gefürchtete Mann, wie auf einem Richterſtuhl; dieſen Platz gab

der rechten Eingangsthür

Novellen⸗Zeilung.

er nicht auf, obgleich ihm ſchon mehrfach ein Sitz a der linken Galerie angeboten worden; o und ſel jetzt zieht er ein Lederläppchen hervor und reinit ſeine Brillengläſer was wird er ſagen? Wird die Lippe verziehen oder befriedigt lächeln? Wird die Stirn runzeln oder ein zufriedenesHm, hu hören laſſen? Ei, und da iſt ja auch unſer Han Er hatte entſetzliche Mühe gehabt, ein Plätzchen erhaſchen, nur ſeine Elubogen und ſeine Unverſchäm heit hatten ihm dazu verholfen. Das Licht hatte brennen laſſen, das Fenſter, aus dem er geſtiege vorſichtig angelehnt, ganz der Vorſchrift ſeiner Freund gemäß; und nun ſaß er da, mit ſehr glücklicher, abe zugleich doch mit ängſtlicher Miene, denn der Stall meiſter Stein befand ſich zwar über ihm, aber er hatt ſich ſchon zweimal über die Brüſtung der Galerie ge beugt und er hatte ſehr ſcharfe Augen. Doch all mälig vergaß Junker Hans das Schickſal über ſeinem Haupte und ſein Kopf drehte ſich immer und immer bis er ſchließlich faſt verkehrt auf

den Schultern ſaß. Denn hinter ihm befand ſich ja

derZiegenſtall, ſein Rudelchen. ihr ab und er lächelte immer ſchmachtender ein Geſicht auf, denn ſie ärgerte ſich ſehr über den derGott ſei Dank! nicht wieder ſchienen ſei.

Plötzlich ging ein die Inſaſſen der rech ſich: der Hof betrat die Galaloge. Neben Amalia und Louiſe ließen ſich die hohen Gäſte, der Herzog von Gotha und der Fürſt von Deſſau, auf rothſammtene Seſſel nieder; Karl Auguſt, Gräfin Gianini und Fräulein von Göxhauſen wählten Seſſel in zweiter Reihe. Der erſte Blick der fürſtlichen Vettern fiel hinunter in Goethe's Loge, und dieſer, ſolche Auszeichnung ſehr wohl bemerkend, ſetzte ein ſo wonneſtrahlendes Geſicht auf, als ob ſich plötzlich die Decke getheilt und der Geiſt desſüßen Schwan's vom Ayon ſich ſeinem Auge gezeigt hätte.

Die Vorſtellung begann. Da vergaß Goethe die fürſtlichen Vettern und wieder ſetzte ſich die Sorge auf ſeine Stirn. Aber was war denn über Nacht mit den Schauſpielern vorgegangen? Woher mit einem Male das Verſtändniß, mit dem ſie ſprachen, die Sicherheit, mit der ſie ſich geberdeten? Schwebte heute der Geiſt Shakeſpeare's über ihnen, oder war es der Anblick der andächtig lauſchenden Menge, der ſie ſo mit einem Ruck aus dem Schlendrian heraus⸗ riß und tiefere Empfindungen und Gefühle in ihren

O, er wandte das Auge nicht von

ſo ſüß und ſeine Blicke wurden aber Demoiſelle Rudorf ſetzte

nalbernen Jungen, auf der Bühne er⸗

Flüſtern durch das Haus und

und darin weilte ja ſein Engel,

das mit jeder Minute zorniger wurde,

ten und linken Galerie erhoben Anna